Heiße Beute, gefährliche Technik

Darum ist die Region Freising ein wahres Mekka für Autodiebe

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Premium-Autos und Keyless-Go-Masche: Das zieht Autodiebe nach Freising. 

Eine Freisinger Familie erlebt eines Morgens eine böse Überraschung: Ihr teurer Audi A6 ist weg. Gestohlen. Von der Polizei erfährt sie, dass mehr dahinter steckt als gedacht.

Freising - Diesen Morgen wird Familie Anton* aus dem Raum Freising wohl nie vergessen. Als der Vater an einem sonnigen Mittwoch um kurz vor 7 Uhr wie üblich zu seinem Wagen gehen will, staunt er nicht schlecht: Das Auto ist weg, spurlos verschwunden. Der Freisinger zweifelt kurz an sich selbst, ist sich aber sicher: Hier hat er seinen Audi A6 geparkt, nirgendwo anders. Sicherheitshalber sucht die Familie zwar noch die Umgebung ab, aber natürlich ohne Erfolg. Das 80.000 Euro teure Gefährt wurde gestohlen. Und zwar direkt vor der Haustür - mit einer besonders heimtückischen Masche.

Das weiß Familie Anton zu dem Zeitpunkt nur noch nicht. Sie informiert die Polizei, die Kripo beginnt sofort mit den Ermittlungen. Schnell erfährt die Familie: Die Region ist ein wahres Paradies für Autodiebe. Der Landkreis Freising liegt zwischen BMW in München und Dingolfing sowie Audi in Ingolstadt, viele Manager wohnen hier und fahren teure Premium-Wagen. Ein heiße Beute. 

Die Daten: In Freising geht die Diebstahl-Kurve steil nach oben

Die Zahlen der Polizei für den Norden von Oberbayern belegen dies: Von 115** entwendeten Pkw im ersten Halbjahr 2017 stammten 25 aus dem Landkreis Freising - nirgendwo verschwanden mehr Autos, auch wenn das Phänomen 2016 bereits in Oberbayern zu beobachten war, wie merkur.de*** berichtete. Beinahe jeder fünfte Autodiebstahl und unbefugte Gebrauch entfällt auf die Region Freising. 

Zum Vergleich: Im Süden Oberbayerns wurden bis Juli 2017 insgesamt 80 Pkw gestohlen, also deutlich weniger. Für die Landeshauptstadt ist die Statistik etwas anders aufgestellt: Hier werden Diebstähle aus Autos und von Autos zusammengefasst. Nach den aktuellsten Zahlen von 2016 gab es über 2.000 Fälle in München - die Millionenstadt zieht Kriminelle noch stärker an als ländliche Gefilde. Allerdings: In München gehen die Zahlen der Autodiebstähle zurück. Im Kreis Freising nehmen sie zu. 

Das Problem: Autodiebe nutzen die Keyless-Go-Technologie aus

Hinzu kommt noch eine besondere Problematik, die mit der Dichte an hochwertigen Autos zusammenhängt. Premium-Pkw wie der Audi A6 der Familie Anton sind meist mit einer sogenannten Keyless-Technologie ausgestattet. Möchte man den Wagen öffnen, muss man nicht mal mehr einen Knopf drücken. Das Auto erkennt, wenn der Schlüssel - der ständig ein Signal sendet - in der Nähe ist und öffnet sich von selber. Die Gefahr: Das Signal des Schlüssels lässt sich mit einem Verstärker überbrücken, Diebe können den Wagen so öffnen. Liegt der Schlüssel beispielsweise in der Nähe der Haustür und der Wagen steht vor dem Haus, so ist es den Tätern ein Leichtes, das Auto zu öffnen und den Motor zu starten. Denn auch das geht, ohne dass nur ein einziges Mal ein Schlüssel in ein Schloss gesteckt werden muss. Im Landkreis Freising wurden seit März 2016 insgesamt zwölf Autos mit Keyless-System gestohlen. „Andere Fahrzeuge werden nicht geklaut derzeit - oder wenig“, kommentiert ein Beamter der Kriminalpolizei Erding die Statistik.

Die Daten: Diebstähle in Oberbayern Nord und Süd im Vergleich

Organisierte Banden arbeiten nach bestimmten Mustern

Es handelt sich längst nicht mehr um Einzelfälle - der Diebstahl von Keyless-Autos ist zum Phänomen organisierter Bandenkriminalität geworden - auch wenn Bayern sicherer ist als andere deutsche Bundesländer. „Vermutlich werden vereinzelt auch Fahrzeuge auf Bestellung geklaut“, erläutert Jürgen Weigert, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Nord. Die Diebe haben in der Regel eine klare Vorgehensweise, die sogar sehr dreist ist. Sie erscheinen zweimal am Tatort. Einmal um zu testen, ob sie den Wagen knacken können. Und ein zweites Mal, um es wirklich zu tun. Was dann passiert ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Meist ist es aber so, dass an einem nahe gelegenen Parkplatz die Nummernschilder getauscht werden und das Auto an einen Fahrer übergeben wird, der es Richtung Osten fährt, zum Beispiel nach Polen oder Tschechien. Daher werden auch Tatorte bevorzugt, die über eine gute Autobahnanbindung verfügen, was die Region Freising ebenfalls attraktiv macht. 

Familie Anton hatte Glück: Ihr Auto wurde bei einer Polizeikontrolle zufällig wiedergefunden - in Polen. Doch die Aufklärungsquote bei Diebstählen von Keyless-Autos ist generell schlecht. In wenigen Fällen konnte die Polizei zwar die Fahrer schnappen. Doch auch dann sei es schwer, den Diebstahl selbst nachzuweisen, da der Fahrer nur selten auch der Dieb ist, so Polizei-Sprecher Weigert.

Was tun die Autobauer, um Ihre Kunden zu schützen?

Für die Autohersteller bedeutet die Entwicklung, dass sie ihre Wagen mit Keyless-Go-System sicherer machen müssen. Sowohl bei Audi als auch bei BMW kann der Kunde die Funktion am Auto in einer Werkstatt ausschalten lassen. Darüber hinaus kann der Kunde bei Audis, die ab dem 2. Quartal 2017 verkauft wurden, im Auto selbst die Keyless-Funktion ausschalten und sich so schützen. Zudem werde es im Laufe des nächsten Jahres eine neue Technologie geben, die verhindern soll, dass die Schlüssel-Signale abgefangen werden, so Michael Crusius, Pressesprecher der Audi AG. 

BMW setzt auf Innovation: In Zukunft soll ein sogenannter Motion Sensor eingesetzt werden, teilte Pressesprecher Dieter Falkensteiner mit. Mit diesem Sensor sendet der Schlüssel nur Signale, wenn er in Bewegung ist - liegt er im Haus, „schläft“ er und kann dementsprechend auch nicht überbrückt werden. Mercedes setzt auf die gleiche Weiterentwicklung. 

Wie sinnvoll sind die Maßnahmen? 

Die Maßnahmen der Hersteller sind durchaus sinnvoll und effektiv, urteilt Christian Adler, Technik-Experte vom ADAC. „Daher dürften in Zukunft - abgesehen von den älteren Modellen, die noch auf den Straßen sind - wohl weniger Keyless-Autos gestohlen werden.“ Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es dennoch nicht - denn auch die sichersten Keyless-Autos können immer noch abgeschleppt werden.

Für Autofahrer gibt es den Tipp, die Schlüssel nicht in der Nähe der Tür abzulegen. Mittlerweile gibt es bestimmte Schlüssel-Kästchen zu kaufen, die das Signal abschirmen. Auch das Einwickeln mit Alufolie kann eine Lösung sein - ist aber nicht immer zuverlässig. Was man tun soll, wenn das Auto gestohlen wurde, ist hier nachzulesen

Die Freisinger Familie Anton hat sich jetzt eine Alarmanlage zugelegt. Und der Dienstwagen wurde gegen einen ohne Keyless-System getauscht. 

Charlotte Braatz

* Der Name wurde von der Redaktion geändert. 

** Die Zahl der entwendeten Autos beinhaltet auch Fahrzeuge, die nur zeitweise verschwunden sind - etwa weil sich der Sohn ungefragt den Wagen des Vaters genommen hat. 

*** Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes

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