Maria Lankl (72) erzählt, wie ihr tödlich verunglückter Sohn verwechselt wurde

Das Augsburger Verwechslungs-Drama: Kein Einzelfall

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Die B 17 bei Augsburg nach dem schrecklichen Unfall, bei dem Sissy und Dominika getötet wurden. Führten das difuse Licht und Hektik dazu, dass noch am Unfallort ihre Leichen vertauscht wurden?

Die tragische Verwechslung der Leichen von Sissy (†19) und Dominika (†23) in Augsburg ist kein Einzelfall.

Während sich wohl nie mehr klären lassen wird, wer für die peinliche Panne verantwortlich ist (tz berichtete), sagt Maria Lankl (72) aus Reisersberg (Kreis Freyung-Grafenau): „Auch der Leichnam meines Sohnes wurde vertauscht.“

Ulrich Lankl verunglückt 1975 in der Nähe von Auerbach (Kreis Deggendorf) bei einem Autounfall. Mit schweren Kopfverletzungen wird er in eine Münchner Klinik gebracht. Doch die Ärzte kämpfen vergebens um sein Leben. Er stirbt im Krankenhaus. Die Familie beauftragt Bestatter Josef Christoph aus dem nahen Perlesreut, den Leichnam in München abzuholen.

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Der erinnert sich, dass er schließlich in der Rechtsmedizin in einem Raum stand, wo Dutzende von Toten aufgebahrt waren. Doch beim Hineinheben des Leichnams in den Sarg fällt ihm auf, dass mit dem Namen Lankl kein junges Unfallopfer, sondern ein viel älterer Mann versehen ist. Glücklicherweise kennt Christoph das 19-jährige Unfallopfer aber persönlich – schließlich findet er den Toten und bringt ihn nach Reiserberg.„Dort“, so erinnert sich Maria Lankl, „warteten wir alle schon auf die Beisetzung, aber mein Bub war nicht da. Ich weiß nicht, ob sich das jemand vorstellen kann!“ Die Wartezeit auf dem Friedhof wird zum Albtraum. Als endlich des Bestatter eintrifft und von der Verwechslung berichtet, sind Maria Lankl und ihr Mann Max fassungslos. Die Bäuerin will jetzt Gewissheit und lässt den Sarg noch einmal öffnen. „Er hatte schwere Kopfverletzungen, aber ich ließ mich davon nicht mehr abbringen – und heute kann ich nur jedem raten: Nehmt Abschied. Das ist so wichtig.“ Als 2002 mit Max jun. das zweite ihrer sechs Kinder tödlich verunglückt, ist für Maria Lankl klar, dass sie ihren Bub auf jeden Fall noch einmal sehen will. Auch weil diese Form des Abschied bei der Trauerbewältigung helfen kann.

Auch Maria M. aus München hat eine tragische Verwechslung erlebt. Ein paar Tage nachdem sie die Urne ihres geliebten Mannes bestattet hatte, meldete sich eine Freundin bei ihr. „Sie erzählte mir, dass der Sarg meines Mannes noch immer in der Aussegnungshalle stünde. Ich hab’ mich sofort selbst davon überzeugt. Da stand tatsächlich der Sarg mit meinem verblühten Blumenschmuck – jetzt frage ich mich natürlich, wessen Asche in der Urne liegt, die ich bestattet habe …“

Etwa 20 Prozent der Hinterblieben wollen die Verstorbenen ein letztes Mal sehen, schätzt Bestatter Josef Christoph. Meist geschehe dies im engeren Kreis vor der eigentlichen Beisetzung. Der Perlesreuter Bestatter hat nur Ulrich Lankls Verwechslungs-Fall selbst erlebt – „gehört“, sagt er, „hab’ ich davon in der Branche aber schön öfter.“

Jörg Klotzek

Das sagt der Experte

Die Verwechslung von Augsburg – wie oft passiert so etwas in Deutschland? Die tz fragte bei Dr. Ralf Lichtner nach, dem Generalsekretär des Bundesverbandes der Bestatter.

Lichtner: Das ist wirklich eine tragische Geschichte – aber ich kann Ihnen versichern, so etwas passiert sehr, sehr selten. Solche Fälle gab es in Deutschland in den letzten zehn Jahren höchstens vier oder fünf Mal. Und dies bei rund 860 000 Bestattungen jährlich.

Sollten Angehörige trotzdem in jedem Fall in den Sarg schauen?

Lichtner: Bei Unfällen sieht das Gesetz eigentlich immer eine Identifizierung durch Angehörige vor. Dass dies in Augsburg nicht geschehen ist, wundert mich ehrlich gesagt. Ansonsten muss dies natürlich jeder für sich entscheiden können. Ganz ausschließen lassen sich solche Verwechslungen aber nicht. Denn wo Menschen arbeiten, passieren nun einmal leider auch Fehler.

Quelle: tz

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