Reaktion auf Klimawandel

Das DAV-Konzept für nachhaltigen Tourismus

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Wenn Pisten beschneit werden müssen, lässt sich durchaus woanders durch Tiefschnee stapfen. Hier liegt Potential.

München - Wie lässt sich Wintertourismus in Zeiten des Klimawandels ganz ohne Kunstschnee erhalten? Im Konzept des DAV spielt die Beschilderung eine Rolle, ein neues Portal und alternative Pisten.

Die klare Nacht brachte dank Minus-Temperaturen die Schneekanonen zum Laufen. „Ich denke“, sagte Thomas Bucher vom Deutschen Alpenverein, „dass erstmals überall Schnee produziert wurde“. Wenige Stunden später stellte der DAV sein Konzept vor, wie sich Wintertourismus in Zeiten des Klimawandels ganz ohne Kunstschnee erhalten lässt. „Beschneiung auf Teufel komm raus“, das ist für Hanspeter Mair, beim DAV auch zuständig für Natur- und Umweltschutz, keine Lösung, keine, die nachhaltig wirkt. Er verweist auf eine DAV-Studie, nach der in rund 20 Jahren höchstens 50 Prozent der Skigebiete in den bayerischen Alpen schneesicher sind. Eine Studie vom Verband Deutscher Seilbahnen, nach der der Klimawandel nichts an den Bedingungen für eine Beschneiung in allen Skigebieten ändern würde, zweifelt der DAV mangels aussagekräftiger Daten an. Dazu komme ein Verdrängungswettbewerb unter den Skiorten, „den bayerische nicht gewinnen können“. Doch wie geht es weiter für die Wintersportgebiete, ohne alpin? Der DAV will betreffenden Gemeinden Denkanstöße geben, damit „die Fallhöhe nach dem Skitourismus nicht so hoch ist.“ Hier ist das Konzept des DAV für nachhaltigen Tourismus in Richtung Natur erleben:

Das Schild weist die naturverträgliche Route.

Touren: Die Zahlen sprechen für sich. Im Jahr 1995 gab es in Süddeutschland 80.000 Tourengeher, jetzt sind es 300.000 geschätzt, und der Trend hält an. Ob es schnell abends auf die Hütte geht oder mehrtägig von einer zur anderen – der DAV hat mit einem Projekt reagiert, das den Umwelt- und Naturschutz im Zentrum sieht – es heißt Natürlich auf Tour und richtet sich an Tourengeher wie Schneeschuhwanderer. Dabei wurden naturverträgliche Aufstiegsrouten für 180 bayerische Skiberge entwickelt. Schilder sollen Wintersportler leiten – und sie gegenüber dem Naturschutz empfänglich machen. Dazu wurden 230 Schongebiete ausgewiesen, alles einsehbar im DAV-Kartenmaterial. Denn rücksichtsloses Tourengehen hat Folgen: So wurden etwa binnen Jahrzehnten 80 Prozent der Raufußhühner aus ihrem Lebensraum im Mangfallgebirge vertrieben.

Pistengehen ist überall erlaubt, ohne Schnee wird halt gewandert.

Pisten: Klar, wenn es keinen Schnee mehr auf den Pisten gibt, lässt sich auch nicht auf der Piste nach oben gehen. Dabei ist gerade jetzt, nach etlichem juristischem Hickhack zwischen Pistenbetreibern und Tourengehern entschieden worden: „Skipisten sind Teil der freien Natur und dürfen von jedermann benutzt werden“, so Hanspeter Mair. Pauschale Sperrungen seien unzulässig, sie dürfen nur bei konkreter Gefahr, etwa bei Pistenpräparierung, verhängt werden und dann auch nicht von abends bis morgens. Beim Pistengehen habe aber auch ein Umdenken in den Skigebieten stattgefunden. So bieten Orte inzwischen Aufstiegsrouten an, wie am Hausberg in Garmisch oder am Jenner am Königssee.

Portal: Der DAV hat mit anderen zur Planung einer Skitour ein Portal entwickelt. Unter der Adresse alpenvereinaktiv.com gibt es alles, was der Bergsportler an Material braucht, auch zum Runterladen: Topografie, Länge, 3-D-Ansichten, etc. Alleine für Skitouren liefert es fast 1200 Ergebnisse.

Das sagt der Liftbetreiber

Peter Lorenz, Geschäftsführer der Brauneck- und Wallbergbahnen.

Das Skiopening fürs kommende Wochenende am Brauneck wurde zwar abgesagt, Peter Lorenz, Geschäftsführer der Brauneck- und Wallbergbahnen, bleibt dennoch optimistisch. So etwas habe es schon früher gegeben, andererseits habe der Skibetrieb in guten Wintern auch schon vor dem offiziellen Termin begonnen. Sein Unternehmen hat heuer rund acht Millionen Euro in eine neue 6er-Sesselbahn und Beschneiungsanlagen investiert.

„Wir sind überzeugt, dass wir in den nächsten 25 bis 30 Jahren weiterhin alpinen Skisport in unseren Gebieten betreiben können“, sagt er zur tz. Das Brauneck werde „als Skigebiet aus Tradition und Überzeugung für die nächsten Dekaden aufrechterhalten“.

Das sagt der Meteorologe

Diplom-Meteorologe Dominik Jung.

Diplom-Meteorologe Dominik Jung bleibt cool. „Es heißt schon seit dem Jahr 2000, dass es keine Winter mehr gibt“, sagt der Wetter- und Klimaexperte des Internetportals wetter.net zur tz. Und seither habe man Rekordschneehöhen gemessen. Ob es einen Klimawandel gebe, vermag er nicht zu beurteilen. Dafür sei der Zeitraum der Wetteraufzeichnungen – seit 1881 wird in Deutschland gemessen – zu kurz. „Das ist ein Hin- und Herschwanken.“ Auch im Mittelalter habe es Wärmeperioden von über 100 Jahren gegeben, und danach wieder Kälteperioden.

Dominik Jung nennt als neueste Theorie, dass bei uns die Winter wieder kälter werden, da es wegen des Klimawandels mehr kalte Nordströmungen geben werde. Nix Genaues wisse man aber nicht: „Jeder hat jedes Jahr eine andere Lösung.“

mc

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