Nach 36 Jahren fand seine Familie Ex-Agenten Lazarus Kanseas wieder – er ist ohne Gedächtnis

Der rätselhafte Patient vom Ammersee

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Lazarus Kanseas ist heute 84 Jahre alt. Seit 2003 lebt er im „Haus am Pilsensee”, einem Altenheim für demente Menschen in Herrsching (Kreis Starnberg).

Irgendwann sagte er „suchen” und seine Augen füllten sich mit Tränen. Stundenlang hatte Lazarus Kanseas in seinem Fotoalbum geblättert, stundenlang die Schwarz-Weiß-Aufnahmen seiner Kinder angeschaut, sie gestreichelt, immer wieder.

„Suchen”, wiederholte er: „Bitte suchen.”

Lazarus Kanseas ist heute 84 Jahre alt. Seit 2003 lebt er im „Haus am Pilsensee”, einem Altenheim für demente Menschen in Herrsching (Kreis Starnberg). Seine Pflegerin Hiltrud Gigl sagt: „Er war von Anfang an ein Rätsel”– bis vor wenigen Monaten stand in seiner Patientenakte „keine Verwandtschaft”. Doch die lachenden Kindergesichter auf den Fotos, es musste eine Familie geben. Nur wo war sie?

Sie haben nur Anhaltspunkte

„Suchen”, das hatte Lazarus Kanseas gesagt. Gigl fing an zu recherchieren. Irgendwann entdeckte sie im Internet den Namen „Angelo Kanseas”. Sie rief an, stellte sich vor, fragte: „Vermissen Sie Ihren Vater?” Der Mann sagte „Ja” – seit 36 Jahren. Danach kontaktierte er seine vier Geschwister, die in Berlin und Hamburg leben. Im vergangenen Oktober reisten sie nach Oberbayern: den Vater besuchen.

Seither versuchen sie, Lazarus Kanseas’ Vergangenheit zu rekonstruieren. Sie haben nur Anhaltspunkte, wissen, dass der Vater noch einmal verheiratet war. Die Frau ist längst tot. „Aber gibt es vielleicht Stiefgeschwister?”, fragen sie. „Was hat unser Vater all die Jahre gemacht – warum ist er damals gegangen?” Den Kindern fehlen Informationen, dem dementen Vater fehlt die Erinnerung. Vielleicht will er sich auch nicht an jedes Detail erinnern. Lazarus Kanseas hatte ein schweres Leben.

Mit 18 nach Deutschland

Im Januar 1924 kam er in Griechenland auf die Welt: ein uneheliches Kind, das in einem katholischen Kloster großgezogen wurde. Er lernte fünf Sprachen: Deutsch, Türkisch, Italienisch, Französisch und ein bisschen Englisch. Mit 18 reiste er nach Deutschland; in Griechenland habe ihn nichts gehalten, heißt es.

Zunächst lebte er in Leipzig. Dort lernte er auch seine spätere Frau kennen und bekam fünf Kinder. 1952 floh er mit seiner Familie nach West-Berlin. Die Kinder erzählen heute, der US-Geheimdienst hatte ihn nach dem Zweiten Weltkrieg angeheuert – Lazarus Kanseas war einer der wenigen, der viele Fremdsprachen beherrschte. Doch Leipzig in der ehemaligen DDR wurde für Spione immer unsicherer; Lazarus Kanseas soll Angst vor einer Verhaftung gehabt haben, daher die Flucht.

Die Jahre vergingen

In den 60ern stellte Tochter Carmen dann Nachforschungen über die Herkunft ihres Vaters an. Ihren Recherchen zufolge stammt Lazarus Kanseas aus einer großen, bekannten Reedereifamilie – doch als uneheliches Kind galt er nur als Schande. Carmen gab später zu Protokoll, sie sei von der damaligen griechischen Regierung massiv bedroht worden, ihre Recherchen einzustellen, „sonst passiert etwas”. Die Familie hielt sich an die Order. Die Jahre vergingen. Dann kam 1972. Lazarus Kanseas zog nach München zu einer Cousine, seine Familie sollte nachkommen – aber kurz nach dem Umzug war er verschwunden. Spurlos.

Sohn Mario war der Letzte, der den Vater sah. Er hatte ihn in München besucht. Zum Abschied, am Hauptbahnhof, umarmten sie sich. Dann stieg Mario in den Zug: „Bis bald!”

"Wir kommen wieder"

Inzwischen ist Mario Kanseas 55 Jahre alt. Nachdem Lazarus Kanseas verschwunden war, hat seine Familie unzählige Male versucht, ihn wiederzufinden. Sie schaltete Vermisstenanzeigen – und hoffte. Irgendwann gab sie auf. „Vielleicht hat er von der Stasi Betonfüße bekommen”, sagten sie sich. Es soll so viel heißen wie: Die Staatssicherheit hat ihn umgebracht, nur ein toter Spion ist ein guter. Seit Oktober wissen Mario Kanseas und seine Geschwister, dass sie unnötig getrauert haben: Sie wissen, dass der Vater 1972 untertauchte, seinen Nachnamen fortan mit „z” in der Mitte schrieb – Kanzeas – und 1991 ein zweites Mal heiratete. Sie hieß Anneliese Ehnis, geborene Lhotka, und war Bürokauffrau. Die beiden wohnten in der Seeriederstraße in der Nähe vom Max-Weber-Platz in München. Nur vier Jahre nach der Hochzeit starb Lazarus Kanseas’ zweite Frau. Es war Ende September 1995, im Mai hatte sie 55. Geburtstag gefeiert.

Am liebsten hätten die Kanseas-Kinder ihren Vater mitgenommen, nach Hamburg, wo seine erste Frau Christine lebt – sie ist inzwischen 84 Jahre alt und wohnt auch in einem Altenpflegeheim für demente Menschen. Doch dann sahen sie, wie schwach ihr Vater ist, und beschlossen, ihn regelmäßig zu besuchen. „Wir kommen wieder”, sagten sie beim letzten Besuch. Er blickte auf, nickte, lächelte. Erneut füllten sich seine Augen mit Tränen. „Haben wir noch eine zweite Familie?”, fragten sich die Kinder beim Rausgehen.

Quelle: tz

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