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Der Reliquienraub

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Von: Dirk Walter

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Eine Kirche in Regensburg, davor parkende Autos.
Der Tatort: die Kirche St. Wolfgang in Regensburg. © wikipedia

Waren es religiöse Fanatiker – oder nur ganz profane Edelstein-Diebe? Die Aufregung ist jedenfalls groß in der katholischen Kirchengemeinde von St. Wolfgang in Regensburg. Vergangenen Montag erschienen zwei junge Frauen sichtlich aufgewühlt im Pfarrbüro – und meldeten einen dreisten Raub. Eine Reliquie fehlt. Hier die ganze Geschichte.

Die beiden Frauen wollten eigentlich am Hochgrab des Heiligen beten. Da entdeckten sie, dass die Reliquie, die in der Steinfigur eingebettet ist, gestohlen worden war. Ein Kriminalfall in der Kirche: Die Täter gingen „mit äußerster Gewalt“ vor, berichtet die Kripo. Sie geht von einem besonders schweren Diebstahl aus. Die Reliquie wurde aus dem Panzerglas und der doppelt verankerten Stahlumfassung herausgebrochen – und das mitten am Tag. „Als ich um 7 Uhr Uhr zur Frühmesse ging, war noch alles in Ordnung“, berichtet Pfarrer Alois Möstl. „Auch der Mesner hat mittags nichts festgestellt.“ So kann der Raub auf die Zeit zwischen 12 und 14 Uhr eingegrenzt werden. Eine Videokamera gibt es indes nicht. Zeugen auch nicht. Niemand hat etwas bemerkt.

Reliquie – das hat etwas Geheimnisumwittertes. Man erinnert sich vielleicht an den Wirbel um das Turiner Grabtuch, in das der Leichnam von Jesu eingewickelt gewesen sein soll – die Radiokarbonmethode indes ergab, dass das Tuch aus dem 14. Jahrhundert stammt. Auch alt – aber nicht so alt. Etliche Splitter vom Kreuz Jesu sind ebenfalls im Umlauf – eine dieser Reliquien wurde sogar in der Sendung „Bares für Rares“ versteigert. Nun ja.

Der Heilige starb 994

Im Fall der Reliquie aus Regensburg beteuern alle Beteiligten, dass die in dem nur sieben Zentimeter großen Glasschrein enthaltenen Knochensplitter wirklich vom Bischof Wolfgang sind. Wolfgang, 994 gestorben, gilt als erster Bischof von Regensburg, er wurde 1052 heiliggesprochen.

Nach damaligen Gepflogenheiten wurden Teile seines Leichnams an verschiedenen Stellen bestattet – und so erklärt es sich, dass es heute eine ganze Anzahl von Wolfgang-Reliquien gibt, unter anderem in der Regensburger Emmerams-Basilika und in St. Wolfgang in Österreich. Just am Samstag ist übrigens das Wolfgangsfest in Regensburg. Ausgerechnet jetzt. „Die Gläubigen sind mit der Reliquie sehr verbunden“, sagt der Pfarrer. In der Not wird am Samstag Bischof Rudolf Voderholzer eine Wolfgangsreliquie aus der bischöflichen Hauskapelle an die Pfarrei übergeben.

Sogar Papstblut wurde schon gestohlen

Diebstähle sind so selten nicht. Düsseldorf, Bremen, Hildesheim oder (erst im Mai dieses Jahres) Bamberg – die Liste der Tatorte ist lang. 2004 griffen Diebe genau am Wolfgangsgrab schon einmal zu – die damals entwendete Reliquie ist bis heute verschwunden und wurde durch wesentlich kleinere Knochenstücke ersetzt. 2016 machte der dreiste Raub im Kölner Dom Schlagzeilen. Unbekannte hatten die Reliquie von Papst Johannes Paul II. gestohlen – ein Blutstropfen, hinterlassen auf einem Taschentuch. Der damalige Altbischof Meissner vermutete „religiöse Überhitzung“ als Tatmotiv, die Täter sind bis heute unbekannt.

Das Motiv der Diebe möchte ich wissen

Pfarrer Möstl

Auch in alten Zeiten waren Reliquien begehrtes Handels- oder Diebesgut. Im Mittelalter gelangten sogar die (angeblichen) Gebeine der Heiligen Drei Könige kurzzeitig aus Mailand nach Köln, auch Kaiser Karl IV. (1316-1378) war ein leidenschaftlicher Reliquiensammler. Regen Handel gab es nach der Säkularisation in Bayern ab 1803, als die Klöster zwangsweise aufgelöst wurden und Tiroler Pfarrer sich am Ausverkauf des Kirchengutes beteiligten – der Schrein des Heiligen Donatus etwa gelangte so ins Tiroler Patsch, wo er heute noch in der Kirche steht.

Womöglich hat der Raub auch einen ganz irdischen Hintergrund: Der materielle Wert der Reliquie wird immerhin auf einige tausend Euro geschätzt. Denn die winzigen Knochenstücke waren mit 40 Perlen und zwölf Smaragden verziert, zudem mit Silber- und Goldfäden. „Das Motiv der Diebe, das möchte ich wissen“, sagt Pfarrer Möstl.

Der Heilige Wolfgang mit der Reliquie.
Winzig klein: die Reliquie, die in die Steinfigur des Heiligen Wolfgang eingebettet ist. © PI Regensburg

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