Die Angst vorm Pflegeheim

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Therese Hirsch (88) lebt seit gut einem Monat im St. Josefsheim.

Der Tod von Bettina Sch. schockierte ganz Deutschland. Mit 79 Jahren und obwohl sie nicht schwer krank war, nahm sich die Würzburgerin vor wenigen Tagen das Leben – weil sie Angst vor dem Pflegeheim hatte.

Die Furcht, von anderen abhängig zu sein, pflegebedürftig zu werden – sie belastet viele Menschen. Das beweisen gleich mehrere Studien, unter anderem der renommierten Roper Consulting Agentur. Sie fand heraus, dass für über 70 Prozent der Bürger „ein Verlust des Gedächtnisses“ sowie die „Abhängigkeit von anderen“ der Angstmacher Nummer 1 ist. „Ja nicht ins Pflegeheim“ ist bei Umfragen immer wieder zu hören. ­Natürlich sorgen hier auch die Missstände in manchen Häusern sowie die schlechte Personalsituation für großes Misstrauen. Von anderen versorgt zu werden – das will sich niemand vorstellen. Und dabei betrifft es immer mehr Menschen. Sind derzeit in München rund 25 000 Menschen pflegebedürftig (über 8000 davon leben in Pflegeheimen), wird die Zahl durch die Altersentwicklung in den nächsten zehn Jahren auf über 30 000 steigen. Aber: Was geht in einem Menschen vor, wenn er ins Pflegeheim muss? Welche Ängste gehen ihm durch den Kopf? Die tz sprach mit Heimbewohnern und mit einer erfahrenen Pflegekraft:

Ich fühlte mich schuldig, weil ich sie weggab

Martin Löwenberg (82) wollte mit seiner Josefine für immer zusammenleben. Aber irgendwann ging es einfach nicht mehr. „Die Demenz wurde so schlimm – ich musste meinen Schatz in ein Heim bringen“, erzählt der Münchner. „Und ich fürchtete mich vor diesem Schritt.“ Seit rund zwei Jahren lebt Josefine nun in einem Pflegeheim in Giesing. Ihr Martin hat sich ein Apartment im Betreuten-Wohnen-Komplex genommen, gleich auf der anderen Straßenseite. „Um ihr nah zu sein. Das tägliche Beieinander – heute bin ich froh, dass wir diesen Schritt getan haben.“

Die Angst vor dem Pflegeheim, vor den Fachkräften, vor dem Unbekannten – sie ist bei den Löwenbergs verschwunden. „Wir sind glücklich, denn alles, was mit Versorgung und Pflege zu tun hat, wird uns abgenommen. Wir haben Zeit für uns.“ Mehrmals täglich geht der Münchner seine Frau besuchen, er spricht mit ihr, erzählt ihr von früher. Noch vor vier Jahren lebten Martin Löwenberg und seine Frau in einer geräumigen Drei-Zimmer-Wohnung am Lerchenauer See. Doch die Krankheit wurde einfach immer schlimmer. „Dann war ich plötzlich überfordert – trotz Hilfe vom ambulanten Dienst“, erzählt der Rentner. „Das Leben bestand leider nur noch aus Sorgen.“

Davon werden dem Paar nun viele abgenommen. Aber Löwenberg weiß, dass dies nicht überall der Fall ist. „Wir haben natürlich auch ein Haus gefunden, wo sich die Pflegekräfte liebevoll um die Patienten kümmern. Nur so kann ein angenehmer Lebensabend überhaupt entstehen.“ Die Entscheidung hatte aber noch einen Effekt: Lange fühlte sich Martin Löwenberg schuldig, weil er seine Frau „abgeschoben“ hatte. „Da war dieses Gefühl, dass ich sie irgendwie weggebe“, erklärt der Senior. Genau das habe ihm oft schlaflose Nächte bereitet. „Lass ich sie im Stich?“ fragte er sich immer wieder.

Heute ist diese Last zumindest nicht mehr da: „Ich weiß, dass dies alles für uns beide das Beste war, um die letzten Jahre noch zusammen zu sein.“

Ich habe noch oft Heimweh

Seit 30 Jahren blickt Therese Hirsch am liebsten auf die Johanneskirche in Haidhausen. Von ihrem neuen Zimmer im St. Josefsheim hat die 88-Jährige sogar eine bessere Sicht. Trotzdem vermisst sie ihr altes Leben. „Manchmal überlege ich, ob ich wieder zurück in meine alte Wohnung soll. Aber ich werde bald 90 Jahre, und ich kann einfach nicht mehr allein für mich sorgen.“

Vor gut einem Monat zog die geborene Münchnerin von der Ismaninger Straße in die Preysingstraße 21 in das Alten- und Pflegeheim St. Josef. Es musste sein. In ihrem neuen Zimmer stehen Möbel aus ihrer alten Wohnung. Ihre Lieblingsbilder, die die Münchner Umgebung zeigen, lehnen an der Wand. „Ich fühle mich wohl hier. Hier gibt es zum Glück viele junge Leute und so viele freundliche Pfleger. Das Essen ist gut und reichlich, ich kann mich über nichts beschweren.“ Die zierliche Seniorin mag es, wenn was los ist. Früher saß sie am Fenster und schaute den jungen Leute zu, heute hört sie tagsüber viel Kindergeschrei vom Hof. Im St. Josefsheim sind auch ein Kinderheim, ein Kindergarten und ein Hort integriert.

Therese Hirsch lebte über 30 Jahre allein in ihrer Wohnung, davor wohnte sie dort mit ihrer Mutter. Bis sie 63 Jahre alt war, ging sie jeden Tag in die Arbeit, in einem Münchner Verlag war sie „das Mädchen für alles“, wie sie sich erinnert.

In der Nachbarschaft fühlte sie sich gut aufgehoben. Oft ging die alte Dame während der Woche beim Bäcker gegenüber einen Kaffee trinken. „Ich hab dann dem Stefan im Laden gesagt, er soll mir ein paar Semmeln aufheben. Die hat er jeden Abend an meine Tür gehängt. Das vermisse ich.“ Doch in letzter Zeit machte ihr Körper nicht mehr mit. „Ich bin öfters hingefallen, da habe ich Angst bekommen.“ Diese Angst ist nun verschwunden, das Heimweh nicht.

bz

Das macht Senioren den Einzug ins Heim leichter

In ein Altenheim zu gehen, bedeutet, sich auf eine starke Veränderung einzulassen. „Niemandem fällt das leicht“, sagt Maria Isfort. Sie hilft in ihrer Funktion als Pflegeüberleitung seit neun Jahren älteren Menschen, im Alten- und Pflegeheim St. Josef in Haidhausen einzuziehen. Die tz sprach mit ihr über die Ängste der Senioren und das neue Leben im Heim:

Frau Isfort, was fürchten Senioren am meisten?

Dass sie nicht mehr selbstständig sind und nicht mehr in ihren eigenen vier Wänden wohnen können, schmerzt am meisten. Allerdings sind viele auch glücklich, dass sie plötzlich so viele Sorgen los sind.

Wie nimmt man ihnen die Angst?

Die Senioren kommen, weil sie Defizite haben. Und die meisten wissen das. In meiner Funktion als Pflegeüberleitung beschäftige ich mich sehr intensiv mit den Senioren, das beruhigt sie und gibt ihnen und auch den Angehörigen Vertrauen.

Wie finden sich die Bewohner in ihrer neuen Umgebung zurecht?

Bis auf das Bett und das Nachtkästchen sind die Zimmer leer. Die Senioren dürfen Möbel, Bilder und andere Lieblingsdinge mitbringen. Oft gehe ich mit ihnen zusammen durch ihre alte Wohnung, und wir suchen gemeinsam etwas aus.

Hört die Trauer dann einfach auf?

Nein. Manche weinen noch oft, aber die meisten sind sehr tapfer. Es dauert etwa drei Wochen bis sie alle Mitarbeiter auf der Station und das Haus selbst besser kennen. Einige sind froh, ihre Sorgen los zu sein, andere brauchen länger, um sich mit der neuen Situation abzufinden.

Fällt dementen Personen die Umstellung noch schwerer?

Bei Menschen mit Demenz sind die Umstände anders. Es ist es wichtig, eine beruhigende Umgebung für sie zu schaffen. Man darf sie nicht überfordern und nichts komplizieren. Details bespreche ich in solchen Fällen mit den Angehörigen.

Was sind Ihre Hauptaufgaben?

Ins St. Josefsheim kommen pro Jahr 35 bis 45 neue Bewohner. Ich bespreche mit ihnen und den Angehörigen alle Details von ihrem Privatleben bis zur Krankengeschichte. Ich organisiere alle Papiere, Medikamente und telefoniere mit Sanitätshäusern. Ich begleite die Senioren auch, wenn sie ins Krankenhaus müssen oder von dort kommen.

bz

Quelle: tz

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