Der Täter meldet sich Jahrzehnte nach den Taten per Post

Die Briefspur des Mädchenmörders

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Der Brief an das LKA Nürnberg zum Mord an Heiderose Berchner, der detailliertes Täterwissen offenbarte. Er wurde 2005 abgeschickt.

Nürnberg - Über 45 Jahre tappte die Polizei nach zwei grausigen Mädchenmorden im Dunkeln. Jetzt sind die Fahnder dem Täter auf der Spur.

Enttarnt hat er sich selbst – mehrere anonyme Briefe an unterschiedliche Polizeidienststellen fügen sich jetzt für die Ermittler zu einem Puzzle zusammen. Die schreckliche Vermutung der Fahnder: Der Täter könnte noch für vier weitere ungeklärte Mordfälle in den sechziger Jahren verantwortlich sein.

Die Briefe bringen Taten in Zusammenhang, bei denen die Polizei bisher von unterschiedlichen Tätern ausgegangen war. Mit seinen Briefen versucht der Mörder, die Fahnder in die Irre zu führen. Er wechselt die Rollen, mal gibt er sich als Freund des bereits verstorbenen Täters aus, mal gibt er selbst einen Mord zu. Doch wegen seiner Ausdrucksweise, seiner Handschrift, den DNA-Spuren und dem immer gleichen Poststempel sind sich die Ermittler sicher: Sie erhalten immer wieder Post vom Mörder! Um weitere Hinweise zu erhalten, suchen die Polizisten den Täter jetzt mit Hilfe von „Aktenzeichen XY“.

1962 schlug er zum ersten Mal zu. Sein Opfer: die 13-jährige Schülerin Lydia Schürmann aus dem westfälischen Rheda-Wiedenbrück. Das Mädchen war nach einem Streit mit ihren Eltern von zu Hause ausgerissen und per Anhalter bis zur niederländischen Grenze gefahren. Wie sie wieder zurück nach Bielefeld kam, ist unklar – zehn Tage später findet ein Pilzsammler ihre Leiche auf einem abgelegenen Feldweg. Dorthin fuhren die Prostituierten vom nahegelegenen Straßenstrich mit ihren Freiern. Lydia war erwürgt worden, der Täter hatte versucht, das Mädchen zu vergraben.

Acht Jahre später wurde Heiderose Berchner (29) sein zweites Opfer. Die brennende Leiche der jungen Frau wurde in Beimerstetten bei Ulm entdeckt – ebenfalls auf einem Feldweg. Die Frau war Prostituierte in Nürnberg. „Sie ging mit jedem Freier mit, der ihr ein Bier ausgab“, weiß Ermittler Dieter Ebenhöch. Ihre Leiche war mit einer Decke und einem Strick verschnürt. Weitere Hinweise: Reifenspuren eines Opels Diplomat, Baujahr 1964.

Die 29-jährige Prostituierte Heiderose Berchner aus Nürnberg fiel dem unbekannten Mörder im März 1970 in die Hände.

2005 dann der erste Brief. Er ging an die Außenstelle des Landeskriminalamts in Nürnberg, war am Computer verfasst. Ein Freund habe ihm an einer Bar den Mord an Heidrose Berchner gebeichtet, schreibt der Verfasser. Er erwähnt den Opel Diplomat und weiß, wie die junge Frau getötet wurde. Der Täter sei aber inzwischen an Krebs gestorben. „Wenn die Sache stimmt, so können ja die Akten jetzt geschlossen werden“, rät der anonyme Briefeschreiber den Fahndern. Denn: „Dann haben Sie einen Mörder, den Sie aber nicht mehr belangen können.“ Der Kripo kam die Sache komisch vor. Die Fahnder untersuchten den Brief nach DNA-Spuren und wurden fündig. Sie waren identisch mit denen, die sich auf dem Strick befanden, mit dem die Leiche von Heiderose Berchner 1970 verschnürt worden war.

Der nächste Brief geht ein Jahr später bei der Polizei in Kaiserslautern ein. In dem Schreiben bekennt sich der Verfasser zum Mord an Lydia, dem Mädchen aus Rheda-Wiedenbrück. „Ich habe ein Geständnis zu machen. Ich bin alt und krank und halte Rückschau auf mein Leben. Mit einer Sache komme ich nicht fertig. Ich habe einen Menschen getötet.“ Er beschreibt, dass er eine junge Anhalterin mitgenommen habe. „Ich wollte sie doch nicht töten. Ich habe Angst vor dem Gefängnis – dass ich dort sterbe.“

Im Juni 2007 erhält die Kripo Bielefeld einen anonymen Brief. Er wolle helfen, den Fall Lydia aufzuklären, so der Verfasser. Er sei aber nicht der Täter. Im selben Monat wird in Weiskirchen im Saarland eine Morddrohung zugestellt. Die Fingerabdrücke sind mit denen auf dem Bekennerschreiben von 2006 identisch.

Alle vier Briefe wurden im Saarland abgeschickt, tragen den Poststempel des Briefzentrums Mannheim und wurden montags zugestellt. Bei der Analyse der Handschrift fiel den Graphologen das kleine „i“ in den Briefen auf, das auf den selben Verfasser hindeutet. Ermittler Ebenhöch: „Wir sind in hohem Maße davon überzeugt, dass der Briefeschreiber auch der Täter ist.“ Sein Profil: Mindestens 64 Jahre alt, Muttersprache Deutsch. Wahrscheinlich wohnt er im Saarland und war in den Sechzigerjahren viel in Deutschland unterwegs.

Quelle: tz

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