Vorweihnachtliche Aktion

„Die gibt's erst an Weihnachten“ - Plätzchenbacken im Flüchtlingsheim

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Die beiden Betreuerinnen Barbara Mayer (r) und Janine Bönig (2.v.r) backen am 09.12.2015 im Caritas-Jugendheim in Garmisch-Partenkirchen (Bayern) mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen Husarenkrapfen. 18 Migranten, die ohne Eltern nach Deutschland geflohen sind, werden dort derzeit betreut.

Garmisch-Partenkirchen - Ganz neue Erfahrungen machen junge Flüchtlinge in Garmisch-Partenkirchen: Sie backen Weihnachtsplätzchen.

Sie mischen Mehl, Butter, Eier und Zucker, kneten die Zutaten geduldig zu einem festen Teig und formen daraus runde Plätzchen. „Heute machen wir Husarenkrapfen“, sagt Betreuerin Barbara Mayer. Lustig geht es zu in der Weihnachtsbäckerei, den Hobby-Konditoren macht die Arbeit Spaß. Der Umgang mit Rührschüssel und Nudelholz ist eine ganz neue Erfahrung für die Jugendlichen. In den Bürgerkriegsländern Syrien oder Somalia ging es ums nackte Überleben, Husarenkrapfen waren kein Thema. Im Caritas-Jugendhaus von Garmisch-Partenkirchen bereiten sich 18 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge auf ein neues Leben vor.

„Bei uns nur Krieg und Korruption“, sagt der 17-jährige Abdi aus Somalia in gebrochenem Deutsch. Im Frühjahr ist er aus seiner Heimat geflohen, Eltern und die acht Geschwister seien zurückgeblieben. Einmal im Monat telefoniert er mit ihnen. „Sehr teuer, fünf Minuten zehn Euro“, schildert Abdi. Er interessiert sich für Medizin und will Krankenpfleger werden. Plätzchenbacken ist Neuland für ihn. „Arbeit für Frauen“, meint er, „bei uns kann Mann nicht machen.“ Dennoch hilft er in der Küche des Jugendheims bereitwillig mit.

Vormittags hatte der 17-Jährige wie die anderen Flüchtlinge in der Caritas-Einrichtung Unterricht. In der Garmischer Berufsschule gibt es eine Extraklasse für sie, in der Deutschunterricht auf dem Stundenplan ganz oben steht. Im Jugendhaus, einem ehemaligen Hotel der US-Streitkräfte, wohnen die Asylbewerber in Doppelzimmern mit Stockbetten, Schreibtisch und Bad - die Einrichtung ist karg. Zwei Eritreer haben sich einen Sternenhimmel an die Decke geklebt.

„Wir fühlen uns wohl hier“, sagen beide übereinstimmend. Wenn sie nicht gerade auf ihren Zimmern sind oder Plätzchen backen, sitzen sie im Gemeinschaftsraum am Computer oder stehen am Kicker. Der Tag ist durchstrukturiert, wie Erzieherin Janine Bönig (23) erklärt: 6.30 Uhr Wecken, Waschen, Frühstück, danach Schule und Hausaufgaben erledigen, in der Freizeit Sport. Ums Essen kümmern sich die Jugendlichen, nur junge Männer, selbst, um 22.00 Uhr ist Bettruhe verordnet - der Tagesablauf ähnelt dem eines Internats.

Amir ist schon vor sechs Jahren aus Afghanistan über Iran, die Türkei und Griechenland nach Deutschland geflohen. Seit einem Jahr lebt der inzwischen 16-Jährige im Caritas-Jugendheim. Beide Eltern seien tot. Darüber will Amir nicht sprechen. „Ist politisch - sehr kompliziert“, sagt er nur. Eigentlich gefällt es ihm im Jugendhaus, „aber es ist mir oft zu laut“. Er fasst sich an den Kopf und macht ein schmerzverzerrtes Gesicht. „Ich bekomme davon Kopfweh.“ In der Freizeit spielt er Gitarre oder rappt.

Auch der 17-jährige Faruk ist über den Iran nach Deutschland gekommen. Seine Familie sei im Iran getrennt worden, er habe keinen Kontakt zu seinen Eltern und den sechs Geschwistern. „Tut weh“, sagt der Jugendliche. In einem Sportgeschäft hat er bereits ein Praktikum absolviert, er will Einzelhandelskaufmann werden. Andere träumen von einer Lehre als Elektriker, wie der 18-jährige Eritreer Abdallah. „Bei uns Diktatur“, sagt er, „ich will freier Mensch sein.“

Derzeit leben allein im Landkreis Garmisch-Partenkirchen rund 60 Jugendliche, die ohne Eltern oder Verwandte nach Deutschland geflohen sind. Die Vormundschaft liegt beim Jugendamt, die Caritas übernimmt ihre Versorgung. Bayernweit werden knapp 15 000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge von den Jugendämtern betreut, bundesweit rechnen Experten in diesem Jahr mit bis zu 30 000.

Barbara Mayer würde ihre Schützlinge am liebsten gar nicht mehr hergeben. „Sie haben eine Wahnsinnsentwicklung gemacht, seit sie bei uns sind“, sagt die Sozialpädagogin. „Sie lernen die deutsche Sprache superschnell, sind gut integriert und befolgen die bei uns geltenden Regeln.“ Natürlich gebe es auch Streit unter den Migranten, „aber wir können gut schlichten“, meint die 51-Jährige augenzwinkernd über ihren Job und den von weiteren acht Betreuern im Jugendhaus. Ohnedies hält sie die jungen Flüchtlinge für besonnener als gleichaltrige Deutsche. „Sie sind sich ihrer Freiheit bewusst.“

Inzwischen ist das erste Blech Husarenkrapfen fertig. Vorsichtig holt Abdi es auf dem Ofen. „Aber noch nicht essen“, sagt Barbara Mayer, „die gibt's erst an Weihnachten.“ Dann wird im Esszimmer auch ein geschmückter Baum stehen. Und noch eines verrät die Betreuerin: „Für jeden Jugendlichen wird es ein Geschenk geben.“

dpa

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