Ein Künstler und seine Freunde wollen ein Glyptothek aus Beton bauen

Die Tempelritter aus der Oberpfalz

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Glypthothek an der A6: Künstler Willi Koch sieht den Tempel auch als realen Link zur Glyptothek in München.

Amberg/Sulzbach - Verrückt oder genial? Der Künstler Willi Koch (48) will in Etsdorf einen griechischen Tempel aus Fertigbeton nachbauen – und das ganze Dorf wartet schon jetzt mit ihm auf den großen Moment.

Die Idee hat bereits alle bürokratischen Hürden genommen und kann sich auf einen verschworenen Anhängerkreis stützen. Für sie wurde eigens eine Stiftung mit 50 000 Euro Kapital gegründet. Ein Förderverein sammelt viele Begeisterte und viel Geld ein — alles, um Willi Kochs Traum in die Tat umzusetzen.

Na gut, „ein erhabenes Gefühl ist das schon“, gibt Koch widerwillig zu, warnt aber zugleich: „Die meiste Arbeit kommt noch.“ Euphorie kann er nicht gebrauchen. Schon eher Langmut und eine Portion Sturheit. Das hat Koch gelernt und das Warten auch, zum Beispiel bei seinem Gedenkplatz aus Gussasphalt für den Regisseur Rainer Werner Fassbinder in München, oder bei seinem Luftmuseum in Amberg. Dass mancher seine neue Idee für absurd hält, kann Koch gut verstehen. Er musste ja selber erst warm werden damit. „Vor acht Jahren habe ich nicht gewusst, wie’s genau ausschauen soll.“

Heute weiß Koch das ganz genau: Eine Kopie des Aphaia-Tempels auf der Insel Aegina soll hier zwischen den Bauernwiesen und Nadelwäldern der Gemeinde Etsdorf, wo er geboren ist, emporwachsen. Diese Nachbildung des „schönsten Beispiels griechischer Inselarchitektur“, wie Kunsthistoriker schwärmen, soll sein Vorbild überdauern. „Wenn kein Erdbeben kommt, hält das ewig“, sagt Koch.

Denn sein 1200 Tonnen schwerer Traum in den Originalmaßen 29,9 auf 14,3 Meter mit 5,2 Meter hohen Säulen soll in soliden Stahlbeton gegossen werden. Rund 850 000 Euro wird es kosten. Stützen des Projekts sind die „Säulenpaten“: 32 Bürger aus der Region haben je 2000 Euro aus ihrer Privatschatulle abgezweigt, um jeweils 16 dorische Fuß aus Beton für das Werk zu finanzieren.Was hat ein griechischer Tempel in der bayerischen Provinz verloren? Koch beruft sich auf Vorbilder im Freistaat, die Münchner Glyptothek und die Walhalla bei Regensburg: „Unsere Wurzeln liegen in Griechenland.“ Mit dem Neubau will Koch an den Beginn der Demokratie erinnern: Um 490 v. Chr., als das Vorbild gebaut wurde, siegte ein Athener Heer mit gewählten Anführern gegen die Übermacht der Perser in der Schlacht bei Marathon. Zum 2500. Jubiläum dieser entscheidenden Stunde der Demokratie, in zwei Jahren also, soll der Nachbau eingeweiht werden.

Säulenpate Mathias Schlosser ist weniger wichtig, dass auch seine Wurzeln in Griechenland liegen, als dass Willi Koch in seinem Heimatdorf wurzelt: „Der Willi geht in Etsdorf in die Kirche und in die Wirtshäuser. Der ist voll integriert“, schwärmt er. Einer wie Koch ist im Normalfall für das Dorf verloren. Koch ist wieder ins Dorf gezogen. „Unser Willi“ werde dafür sorgen, dass Etsdorf auf die Landkarte kommt, dass der Beweis erbracht ist: Wir sind auch wer. Schlosser (40), Metall-Industriemeister, ist stolz auf Koch und das Bürgerprojekt „Glyptothek Etsdorf“, das ohne einen Cent Zuschüsse auskommt und zu einem Treffpunkt werden soll für „Einheimische, für neugierige Touristen, Kulturinteressierte und Schulklassen“.

Ach ja, und die Demokratie: „Auf dem Dorf haben früher Leute wie der Lehrer oder der Wirt das Leben bestimmt und ihre Stellung ausgenutzt, um sich persönlich zu bereichern“, erzählt Schlosser. Heutzutage schimpft man auf den Lehrer, und den Wirt gibt es nicht mehr. Aber bald den Tempel: Den sieht Schlosser als eine Art demokratischen Gegenentwurf zur einstigen Hegemonie der Wenigen: „Der ist nämlich für alle da“.

Im Ort hat Kochs Traum bereits die höchsten Weihen erhalten: Wenn ein Projekt in der Walpurgisnacht und beim Faschingszug durch den Kakao gezogen wird, ist das der letzte Beweis dafür, dass man im Dorf angekommen ist. Und: Es verkürzt das Warten.

„I find’ des scho für niat schlecht“, lobt Johann Plößl den Tempel in den höchsten Tönen. Der Feuerwehrkommandant, Drechselmeister und Gemeinderat hat ein Tempelmodell geschreinert, das er mit frechen Sprüchen garniert, bei den beiden Anlässen dem Gespött der Öffentlichkeit preisgegeben hat.

Auch sonst haben sich die Tempelritter von Etsdorf durchgesetzt. Bürgermeister Norbert Probst und eine solide Gemeinderatsmehrheit stehen hinter dem Projekt. „Es ist sehr zivilisiert zugegangen“, skizziert Probst die Stimmung in der entscheidenden Gemeinderatssitzung. Fazit: „Es stört eigentlich niemanden.“

Alles wartet gemeinsam auf den Tempel. Nur ein pensionierter Geistlicher aus dem Nachbardorf hat kurz für Aufsehen gesorgt, als er den Teufel in Form eines „heidnischen Tempels“ an die Wand malte. Die gut katholischen Etsdorfer leisteten es sich, diesen Einwand zu ignorieren. Bürger, Unternehmer, der Landrat, der örtliche MdB, der Regierungspräsident a. D.: Eine ziemlich große Koalition ist das, die das Projekt stemmen will. Nur die Beton-Industrie ziert sich noch, die 512 Tempelteile kostenlos zu gießen. Willi Koch bearbeitet derzeit ein paar sehr bekannte Namen der Branche. „Der Willi, der hat immer noch einen Weg gefunden“, ist Bürgermeister Probst optimistisch.

Willi Koch blickt vom Tempel-Hügel hinunter aufs Dorf. Kein Gewerbegebiet stört die Idylle. Sein Blick schweift weiter bis zur kürzlich eingeweihten A 6. Von dort wird der Tempel zu sehen sein. Wenn sich die Menschen dann – auf dem Weg nach Prag oder Paris – fragen, ob diese griechische Fata Morgana da drüben doch keine ist. Sondern ein Ort, den man sich einmal genauer anschauen sollte. Dann hat sich das Warten (nicht nur) für Willi Koch gelohnt.

Reinhold Willfurth

Quelle: tz

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