Einige Branchen und Mittelständler im Freistaat sind deutlich weniger betroffen

Die Zwei-Klassen-Krise

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Auch die Kunststoffindustrie im Freistaat ist von der weltweiten Absatzflaute betroffen

Die Wirtschaftskrise erreicht den Freistaat!

„Die bayerische Wirtschaft kann sich dem weltweiten Abwärtstrend nicht länger entziehen. Über 40 Prozent der bayerischen Unternehmen blicken äußerst skeptisch auf die wirtschaftliche Entwicklung im laufenden Jahr“, klagt Peter Driessen, Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Industrie- und Handelskammertages (BIHK) bei der Präsentation der jüngsten Konjunktur-Umfrage. Allerdings gilt das nicht für alle: Bestimmte Branchen sowie viele Mittelständler spüren die Flaute kaum – eine bayerische Zwei-Klassen-Krise.

Aktuell hat der BIHK 3200 Firmen nach deren Situation und Erwartungen befragt und daraus den BIHK-Index errechnet. Ergebnis: Seit Oktober 2008 stürzte er von 106 auf 83 Punkte ab, der niedrigste Wert seit Januar 2003. Driessen: „Neu ist die Geschwindigkeit des Rückgangs, die wir in der Form noch nicht beobachtet haben“. Ursache sind die gesunkenen Geschäftserwartungen der Unternehmen. Der BIHK-Chef: „Der Anteil der Optimisten ging von 16 Prozent im Herbst auf 11 zurück, der Anteil der Skeptiker hat sich von 20 auf 42 Prozent verdoppelt.“

Trotz dieser Zahlen kann von Weltuntergangsstimmung keine Rede sein: „Über die Hälfte der bayerischen Firmen ist mit ihrer wirtschaftlichen Lage zufrieden und knapp die Hälfte geht davon aus, dass es in den kommenden Monaten so bleibt. Das trifft vor allem auf den Mittelstand zu. Dort gibt es weniger skeptische Stimmen als in Großunternehmen“, sagt Driessen. Der Experte: „Die Masse der bayerischen Mittelständler ist gut aufgestellt. Die Lagebeurteilungen sind bei kleineren Unternehmen deutlich günstiger“. So beurteilen nur 22 Prozent der kleinen Mittelständler die Lage als schlecht und nur 33 Prozent erwarten eine Verschlechterung der Lage. Und bei etlichen Firmen boomt es nach wie vor (siehe unten).

Von der weltweiten Auftragsflaute ist Bayerns Industrie mit seinem Exportanteil von 50 Prozent allerdings besonders betroffen. Mehr als die Hälfte der Industrieunternehmen berichtet von gesunkenen Aufträgen. Besonders erwischt hat es die Fahrzeugindustrie sowie die Hersteller von Vorleistungs- und Investitionsgütern. Betroffen sind aber auch Hersteller von Kunststoffen und Metall-Waren sowie der Maschinenbau.

Wenig Probleme haben dagegen die Produzenten von Ge- und Verbrauchsgütern. Kaum Auftragssorgen haben auch Firmen aus den Bereichen Elektrotechnik, Feinmechanik, Optik, Papier und Druck, der Nahrungs- und Genussmittel- sowie der chemischen Industrie. Immerhin 38 Prozent der Industrieunternehmen rechnen weiter mit einer stabilen Nachfrage. Auch der Großhandel blickt optimistisch nach vorne.

Vorbei ist allerdings das Jobwachstum: Jedes dritte Unternehmen rechnet mit einem Rückgang der Beschäftigten

K.H. Dix

„Wir können uns vor Arbeit kaum retten“ - Der Miesbacher Unternehmer Kroha ist einer jener Mittelständler mit weiter vollen Auftragsbüchern

In diesen Zeiten sind Sätze wie dieser nicht mehr alltäglich: „Wir können uns vor Arbeit kaum retten“, sagt Franz Kroha (47), Inhaber und Geschäftsführer zweier mittelständischer Faltschachtelfabriken in Miesbach und Barleben bei Magdeburg.

Weil die 250 Mitarbeiter die Arbeit nicht mehr bewältigen, schieben die Spezialisten auch am Wochenende Überstunden. Kroha zur tz: „Wir expandieren weiter, werden auch in diesem Jahr mindestens zehn neue Mitarbeiter einstellen“.

Von Krise keine Spur. Krohas Vater Franz (74) hatte bei der Gründung seiner Druckerei 1970 in Hausham (damals mit zehn Mitarbeitern) bald eine richtungsweisende Entscheidung getroffen: Er spezialisierte sich auf die Herstellung von Faltschachteln und Beipackzetteln für die Pharmaindustrie, aber auch für Kosmetik-Hersteller. 1996 bauten Vater und Sohn Kroha ein Werk im Osten, 2002 wurde in Miesbach neu gebaut. Doch beide Werke sind schon wieder an der Kapazitätsgrenze. Pro Jahr produzieren sie 600 Millionen Faltschachteln und 160 Millionen Beipackzettel. Kroha ist heute drittgrößter Hersteller in Deutschland. „Der Expansion sind allerdings Grenzen durch die Lieferfrist der Hersteller gesetzt. Bei neuen Maschinen müssen wir neun Monate warten“, sagt Kroha junior.

Für 2009 rechnet der Unternehmer mit einem Wachstum von sechs Prozent. Kroha: „Wir sind verlässlicher Lieferant der Pharmaindustrie, die sehr viel Wert auf Qualität legt. Wir beschäftigen alleine 20 Mitarbeiter in der Qualitätssicherung.“ Zur Krise sagt er: „Es hat immer ein Auf und Ab gegeben. Wir investieren jetzt noch mal 18 Millionen Euro, denn ein Unternehmen muss schlechte Zeiten nutzen, um sich für bessere Zeiten gut aufzustellen.“

KHD

Quelle: tz

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