„Stop stressfull memories“

Eine App für seelische Gesundheit soll Hilfe für die Retter bieten 

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Belastende Einsätze zu bewältigen, ist wichtig für die Psyche der Einsatzkräfte. 

Fällt ein Ast auf den Gehweg oder scheint ein Baum geknickt, wählen viele sofort den Notruf. Die Zunahme der Fehlalarme belastet die Feuerwehren. Ebenso traumatische Erlebnisse bei Einsätzen. Wege aus dem Stress sollen mehr Aufklärung und eine Smartphone-App zur Reduktion von belastenden Gedanken bieten.

München/Hofstetten – Mehr als ein Dutzend Einsatzkräfte sind vor ein paar Tagen bei der Feuerwehr Obersöchering (Kreis Weilheim-Schongau) wegen eines schief gewachsenen Baums ausgerückt. „Der Anrufer hat das vielleicht falsch interpretiert und dachte, da fällt ein Baum um, aber für die Einsatzkräfte ist die Häufung solcher Fehlalarme belastend“, sagt Rüdiger Sobotta, Kreisbrandrat von Weilheim-Schongau.

Als Bezirksvorstand des Feuerwehrbezirks Oberbayern beobachtet Sobotta, dass die Fehlalarme überall zunehmen. „Auch wenn es die meisten wohl gut meinen, sollten sie sich vor dem Wählen vergewissern, ob tatsächlich ein Notfall vorliegt“, fordert Sobotta. Einen auf einen Gehweg gefallenen Ast könne ein Anrufer möglicherweise sogar selbst zur Seite ziehen, zumindest aber fehlt es an der Dringlichkeit. „Wir sind keine Hausmeister“, sagt Sobotta. Fehlalarme produzieren Kosten. „Ein Arbeitgeber, dessen Angestellter wiederholt zu einem Fehleinsatz ausrücken muss, fragt irgendwann, ob das mit der Feuerwehr-Mitgliedschaft denn tatsächlich sein muss“, sagt Sobotta. In seinem Heimatlandkreis waren von 35 Einsätzen nach dem Sturm „Eberhard“ mindestens ein Drittel Fehlalarme. Belastend für die Feuerwehr. Dabei müssen deren Mitglieder auch noch mit ganz anderen Belastungen fertig werden.

App basiert auf Forschungen aus Cambridge

Einen neuen Weg, Schlimmes zu bewältigen, hat der Ebersberger Kreisbrandrat, Seelsorger und Feuerwehr-Ausbilder Matthias Holzbauer am Freitag bei der Dienstversammlung von Oberbayerns Feuerwehr-Führungskräften vorgestellt. Eine App für das Smartphone, entwickelt von der Universität Salzburg. Die App arbeitet mit Musik und einem Computerspiel und basiert auf Forschungen aus Cambridge. Dort haben Wissenschaftler herausgefunden, wie belastende Erinnerungen direkt im Gehirn umprogrammiert werden. „Es funktioniert“, sagt Holzbauer. Jetzt gehe es darum, dieses Programm mit dem Namen „Stop stressfull memories“ überall bekanntzumachen, damit alle Feuerwehreinsatzkräfte wissen, dass sie die App bekommen, wenn sie sich auf der Homepage der Uni Salzburg als Teilnehmer registrieren, wirbt Holzbauer. Er hält die App für äußerst sinnvoll.

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In den 33 Jahren, die der Glonner aktiv bei der Feuerwehr ist, hat er schon viele belastende Erlebnisse gehabt. Das letzte Mal vor ein paar Wochen. „Wir waren bei einem Autounfall. Ich wollte helfen, einen Mann aus einem Unfallwagen zu heben. Doch sind mir dessen Füße durch die Hände geglitten, die Beine waren zermalmt“, erzählt Holzbauer.

Als Ausbilder und Seelsorger weiß Holzbauer um die zerstörerische Kraft solcher Erinnerungen. Deshalb fordert er seit Jahren, dass die Pflicht zur psychischen Nachsorge direkt ins Bayerische Feuerwehrgesetz aufgenommen wird. „Unsere Leute opfern ihre Freizeit, also sollten sie im Ernstfall einen gesetzlichen Anspruch auf Unterstützung haben, damit sie seelisch gesund bleiben“, sagt Holzbauer. Derzeit basiere es auf Freiwilligkeit, dass die Verantwortlichen psychologische Nachsorge anbieten. Das reicht nicht, sagt Holzbauer. Denn es gebe zwar viele Kommandanten, die sich verpflichtet fühlen. Doch immer wieder eben auch welche, die meinen, psychische Nachsorge brauche es nicht.

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