Eishallen-Einsturz Reichenhall: Hinterbliebener lädt Verurteilten ein

"Eine unheimlich menschliche Geste"

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Da war die Welt noch in Ordnung: Robert Schromm mit Tochter Ricarda und seiner Frau Michaela.

Bad Reichenhall - Kurz vor Weihnachten hatte Robert Schromm bei ihm angerufen.

„Wollen Sie am 2. Januar zu uns kommen? Es ist Jahrestag – wir wollen das Leben feiern, nicht den Tod.“ Walter G. schluckte. Er brauchte Zeit. Nach zwei Wochen rief er zurück. „Ich nehme Ihre Einladung sehr gern an“, sagte er.

Es war Freitag, 7.45 Uhr, als Walter G. in den Zug am Augsburger Hauptbahnhof stieg. In rund zweieinhalb Stunden würde er in Bad Reichenhall ankommen und zum ersten Mal die achtjährige Ricarda sehen: Jenes Mädchen, das am 2. Januar 2006 als letzte Überlebende aus den Trümmern der eingestürzten Eislaufhalle geborgen wurde – und für deren Mutter Michaela jede Hilfe zu spät kam.

Formal ist Walter G. schuld am Tod von Ricardas Mutter und am Tod von 14 weiteren Menschen, die an dem kalten Januartag starben. Das Landgericht Traunstein hat ihn wegen fahrlässiger Tötung zu eineinhalb Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Walter G. war als Bauingenieur Anfang der 70er-Jahre zuständig für Planung, Herstellung und Montage der Holzdachkonsruktion. Die Richter sehen es als erwiesen an, dass er Fehler bei statischen Berechnungen gemacht und Bauvorschriften missachtet hatte. Heute ist Walter G. 68 Jahre alt – und längst in Rente.

Robert Schromm sagt: „Walter G. ist ein sanfter, gutmütiger und bescheidener Mann. Er ist nur ein Bauernopfer.“ Die Oberen der Stadtverwaltung hätten auf die Anklagebank gehört – diejenigen, die über Jahrzehnte hinweg tatenlos zusahen, wie die Eislaufhalle verkam. Mit dieser Meinung steht Robert Schromm nicht allein da. Aber er weiß auch: „Dass ich Walter G. heute eingeladen habe, das werden viele andere Hinterbliebene als Provokation werten.“

Robert Schromm hingegen nennt es Gerechtigkeit. Für ihn ist Walter G. nicht schuldig, genauso wenig wie die beiden anderen Angeklagten, die das Gericht im November freigesprochen hatte. Einer dieser Angeklagten ist Rüdiger S. Auch er ist heute gekommen, zusammen mit seiner Frau. Das Paar wohnt nur wenige Kilometer von Bad Reichenhall entfernt. Robert Schromm hatte Rüdiger S. direkt nach der Urteilsverkündung eingeladen. „Es ist ein Stück Versöhnung mit der Situation“, sagt der Bauingenieur und blickt zu Walter G. Die beiden sitzen an einem Tisch, auf dem 15 Teelichter brennen – ein Licht für jedes Opfer der Tragödie. Zum ersten Mal nach der Urteilsverkündung sprechen sie über das, was sie fühlen. Sie reden langsam, wählen jedes Wort mit Bedacht. „Es hat mich viel Kraft gekostet, hierherzukommen“, sagt Walter G. – das letzte Mal, als er in Bad Reichenhall war, ist mehr als 35 Jahre her. Damals hatte er den Auftrag für die Eislaufhalle übernommen.

„So ein Prozess verändert einen. Ich kann das nicht beschreiben. Aber man kriegt das alles nicht mehr aus dem Kopf“, sagt Rüdiger S. Dann schweigt er. „Man ist mit dieser Sache unlösbar verbunden“, sagt Walter G. „Dass uns Robert Schromm heute eingeladen hat, das ist eine so unheimlich menschliche Geste.“

Auf dem Tisch gegenüber stehen Blumen, Kerzen und Fotos von Ricardas Mutter Michaela: Eine dunkelhaarige Frau mit braunen Augen lächelt in die Kamera. Ricarda sitzt auf der Eckbank und packt ein Geschenk aus – der 2. Januar, sagt ihr Vater, „ist so etwas, wie ein zweiter Geburtstag für sie“. In dem Packerl sind ein Plüschhund und zwei Blöcke für das Spiel „Stadt, Land, Fluss“. Rüdiger S. hatte es mitgebracht und dem Mädchen vorsichtig in die Hand gedrückt. „Danke“, sagte Ricarda und lächelte.

Die Begegnungen mit Robert Schromm im Gerichtssaal waren für Walter G. und Rüdiger S. „immer eine totale Erleichterung“, sagen sie. Nun wollen sie sich weiter annähern: der Hinterbliebene, der Verurteilte, der Freigesprochene. Zum Abschied drückt Walter G. Robert Schromms Hand und sagt, er wolle beim nächsten Mal mit ihm und Ricarda einen Ausflug machen – allein. Robert Schromm nickt. Knapp zwei Stunden später bricht er zusammen mit seiner Tochter und gemeinsamen Freunden auf. Um kurz vor 16 Uhr wollen sie an der Münchner Allee sein, dort, wo die provisorische Gedenkstätte für die 15 Opfer der Tragödie steht – kurz vor 16 Uhr war damals die Eislaufhalle eingestürzt.

Danach werden sie alle weiterfahren nach Salzburg. Ricarda will zum Schlittschuhlaufen. Heute vor drei Jahren stand sie das erste Mal auf Schlittschuhen – ihre Mutter Michaela war bei ihr. In der Halle lief das Lied „Die perfekte Welle, der perfekte Tag“. Ricarda war glücklich. Dann stürzte das Dach ein.

Barbara Nazarewska

Quelle: tz

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