Was geht in ihm vor?

Eingeschlossener Johann W.: Ein zacher Forscher

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In 1000 Metern tiefe sitzt Johann W. fest.

Berchtesgaden - Die Rettungsaktion für Höhlenforscher Johann W. wird noch Tage dauern. Was passiert in einem solchen Moment mit Körper und Psyche? Wie ist er zu charakterisieren? Die tz sprach mit Bekannten und einem Experten.

„Wenn es einer in einer solchen Ausnahmesituation schafft, dann ist es der Johann.“

Dieser Satz fiel am Dienstag oft unter den Höhlenforschern und Rettern. Johann W. (52), der nunmehr seit vier Tagen in der über 1000 Meter tiefen Riesending-Schachthöhle gefangen ist und der am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) arbeitet, ist seit vielen Jahren ein passionierter Höhlenforscher. Zusammen mit Kameraden hat er das Riesending im Untersberg entdeckt. Matthias Leyk, Einsatzleiter der Höhlenrettung Baden-Württemberg, kennt Johann W. als einen, „der so gut wie alles an Ausbildungen und Weiterbildungen absolviert hat – und das seit mehr als 20 Jahren“. Johann W. ist ein Könner, wenn es ums Klettern geht, versiert in allen Techniken und im Seil. Dazu gilt er als physisch wie mental stark, doch auch als bedacht, ausgeglichen und stets minutiös vorbereitet. Von der Planung einer Expedition in die Dunkelheit bis hin zum Zustand und Vollständigkeit der Ausrüstung, überlasst er nichts dem Zufall. Wenn es dann in die Höhle geht, „dann kann man sich immer zu 100 Prozent auf den Johann verlassen“, lobt Leyk.

Der erste Vorsitzende der Höhlenrettung Baden-Württemberg, Axel Bystrzinski (siehe auch Artikel unten), kennt den in der Höhle gefangenen Mann als sehr guten Kletterer, als drahtigen, in Bayern würde man sagen zachen Typen. „Wer zum ersten Mal in eine Höhle reingeht, der ist entweder von der Begebenheit darin so beeindruckt, dass er es nie wieder tut, oder total begeistert. Auf Johann trifft auf jeden Fall das Zweite zu.“ Dass der Verletzte sich zumindest halbwegs auf den Beinen halten kann, macht Bystrzinski für den weiteren Verlauf der Rettungsbemühungen ein wenig Mut. „Es ist so wichtig, dass er sich auch selbstständig bewegen kann, anderenfalls würde es in den vielen Engstellen wohl zu einigen Problemen kommen.“

Vollstress für Psyche & Körper

Es ist kalt, eng und dunkel – kaum vorstellbar, welche psychischen und körperlichen Qualen der verletzte Höhlenforscher Johann W. (52) da unten erleiden muss. Die tz hat mit dem Münchner Psychiater und Arzt für psychosomatische Medizin, Heinz Golling, gesprochen.

Ist ein Höhlenforscher immun gegen Dunkelheit und Enge?

Heinz Golling: Nein. Jemand wie dieser Mann ist durch seine Erfahrung belastbarer als normale Menschen. Aber solch eine Situation löst automatisch Reaktionen aus. Zuerst eine klaustrophobische mit massiven Angst- und Stresszuständen. Der Körper schüttet Adrenalin und Nor­adrenalin aus, Blutdruck und Herzfrequenz steigen, und Schweiß tritt aus.

Das hat fast jeder schon mal erlebt …

Golling: Hier kommt mehr dazu: In solchen Gefahrensituationen wandert das Blut zu den lebenswichtigen Organen, die Extremitäten werden weniger durchblutet. Das Schlimmste: Auf der körperlichen Ebene ist der Forscher hochaktiviert, auf der Verhaltensebene aber blockiert.

Weil er nicht raus kann?

Golling: Weil er weder angreifen noch fliehen kann – in der Psychologie nennt man das Fight-or-flight-Reaktion. Der Körper aktiviert sich, um zu kämpfen oder abzuhauen. Beides aber kann der Forscher in diesem Fall nicht. Das ist ein unerträglicher Zustand für den Körper. Egal, ob er in einem Raum gefangen ist oder in 1000 Metern Tiefe. Wenn dieser Zustand wie in seinem Fall länger andauert, dann schaukelt sich dieser Zustand spiralisch nach oben. Das kann den Betroffenen traumatisieren.

Wie erträgt der Körper solch einen Dauerstress überhaupt? Der Höhlenforscher ist ja zudem verletzt …

Golling: Wenn er nicht flüchten oder angreifen kann, resigniert der Körper. Er kann in einen Dämmerschlaf verfallen, so wie es offenbar beim Höhlenforscher der Fall war. Solch ein Schlaf ist gut.

Warum?

Golling: Der Mensch atmet dann zum Beispiel weniger. Das hilft bei Sauerstoffmangel. Das körperliche und emotionale System fährt unbewusst runter und passt sich an die schwierige Situation an. Ob Johann W. allerdings langfristig ein Trauma davontragen wird, ist noch nicht abzusehen.

Bei ihnen kaufte er seinen Spezialanzug

Fritzi und Jörg Obendorf kennen den Verunglückten persönlich. Sie waren selbst aktive Höhlenforscher und betreiben in München das Spezialgeschäft Speleotek – hier hat Johann W. seinen Anzug und Zubehör gekauft. Die tz hat mit dem Paar gesprochen:

Wann haben Sie Herrn W. das letzte Mal gesehen?

Fritzi Obendorf: Erst vor einigen Wochen hat er bei uns ein 200 Meter langes Stahlseil gekauft. Etwa dreimal im Jahr ist er hier. Wir treffen uns auch bei Kongressen. In der Szene kennt man sich!

Was ist er für ein Mensch?

Fritzi Obendorf: Johann ist sehr ruhig und ausgeglichen, steht nicht gerne im Mittelpunkt. Und er ist sehr auf Sicherheit bedacht. Er würde nie leichtsinnig oder mit der falschen Ausrüstung losziehen.

Hat man so tief unten keine Angst?

Jörg Obendorf: Angst ist das falsche Wort. Ich würde von Sorge sprechen. Ein Höhlenforscher kriegt keine Panik, sonst würde er gar nicht so weit kommen. Auch Johann ist mental sehr stabil.

Wie schätzen Sie seinen momentanen Zustand ein?

Jörg Obendorf: Johann ist Profi. Ich bin sicher, dass er die Situation einschätzen kann und weiß, dass er rauskommt. Und wenn er das gut überstanden hat, macht er weiter. Ein Kopfmensch wie er weiß mit dem Risiko umzugehen. So schnell wird er seine Leidenschaft nicht aufgeben!

Markus Christandl, Antonia Wille, Nina Bautz, Christina Meyer, Andreas Beez

Bilder von der Rettungsaktion an der Riesending-Schachthöhle am Untersberg

Bilder von der Rettungsaktion an der Riesending-Schachthöhle am Untersberg

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Höhlen-Drama: Arzt hat Verletzten fast erreicht

So läuft die Rettung des Höhlenforschers

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