Er verlor Frau und Tochter

Angehöriger über Eishallen-Denkmal: "Schandmal"

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Robert Schromm ist mit dem Denkmal unzufrieden.

Bad Reichenhall - Vor zehn Jahren brach in Bad Reichenhall eine Eishalle zusammen. Seitdem kämpfen die Angehörigen mit ihrem Alltag. Wer trägt die Schuld? Auch das Denkmal sorgt für Unmut.

Der Tag wird irgendwie rum gehen. Er muss rum gehen. Der 2. Januar 2016, an dem vor zehn Jahren Robert Schromm seine Frau und Tochter Ricarda ihre Mutter verlor. Michaela Schromm starb in der zusammengestürzten Eishalle von Bad Reichenhall. Sie ist eines von 15 Opfern, die bei dieser Katastrophe zu beklagen waren.

Ein eingestürzte Eishalle in Bad Reichenhall.

Zusammen mit Ricarda war sie beim Eislaufen, als am späten Nachmittag des 2. Januars 2006 die marode Decke der Halle unter der Schneelast nachgab und rund 50 Menschen unter sich begrub. 34 konnten verletzt geborgen werden. 15 starben (siehe unten). „Es ist noch kein Tag vergangen, an dem ich nicht daran denke“, sagt Robert Schromm, „es gibt für mich keinen Alltag mehr.“

Er wird am 2. Januar 2016 zuerst auf den Friedhof gehen, wo seine Frau Michaela begraben ist. Dann schaut er vermutlich an der offiziellen Gedenkstätte vorbei, wo sich zur Unglückszeit um 15.54 Uhr die Hinterbliebenen versammeln wollen. Robert Schromm will nicht lange dort bleiben. „Ich bezeichne das als Schandmal“, sagt er im Gespräch mit der tz. Er ist weder mit der Gestaltung der Gedenkstätte noch mit der Art und Weise der Entstehung und den Kosten einverstanden.

Viel Wut und Enttäuschung

Es kommt viel Wut und Enttäuschung wieder hoch im Gespräch um den bevorstehenden Jahrestag. Man wollte viel unter den Teppich kehren, sagt er. Die Stadt Bad Reichenhall habe von Anfang an versucht, das ganze schreckliche Geschehen „unter dem Deckel zu halten“, wie Robert Schromm das bezeichnet. Es seien beispielsweise die Falschen auf der Anklagebank gesessen. „Die haben dort für andere Platz genommen.“ Das letzte Urteil konnte er bis jetzt noch nicht lesen.

Robert Schromm.

Und mit viel Geld – „770 000 Euro hätte ich kassieren können“ – hätte man die meisten Angehörigen mundtot gemacht. Kürzlich habe er mit seiner inzwischen 15-jährigen Tochter darüber gesprochen. „Bei mir hat das ein riesiges finanzielles Loch gerissen“, sagt der selbstständige Organisationsberater. „Aber für kein Geld der Welt hätte ich das gemacht!“ Ricardas Antwort sei gewesen: „Das hast du richtig gemacht, Papa!“

Ob die Tochter am kommenden Samstag mitgeht, weiß Robert Schromm noch nicht. Es sei eine Achterbahnfahrt. Nach dem Besuch der Gedenkstätte werde er auf jeden Fall am Münster St. Zeno bewusst vorbeigehen, wo um 16.30 Uhr ein ökumenischer Gedenkgottesdienst stattfindet. Auch die Kirche hat seiner Meinung nach bei der Aufarbeitung des Unglücks versagt.

Dann geht’s nach Bayrisch Gmain. Dort hat Robert Schromm Gäste zu einer privaten Gedenkfeier eingeladen. Und er will einige Kapitel aus seinem Buch vorlesen. „Reichenhall ist überall“ heißt es. Er hat seine Trauer und seinen Ärger herausgeschrieben. Und dann, so hofft er, wird auch der 2. Januar vorbeigehen. Den Alltag wird Robert Schromm aber noch lange suchen. Vielleicht findet er ihn nie wieder.

Die Chronik des fatalen Unglücks

  • Um 15.54 Uhr, sechs Minuten vor dem Ende des Publikumslaufs, stürzt am 2. Januar 2006 die Decke der Eishalle Bad Reichenhall in sich zusammen. Zwölf Kinder und drei Mütter sterben in den Trümmern.
  • Die Staatsanwaltschaft Traunstein lässt ein Gutachten zur Unglücksursache erstellen und nimmt Ermittlungen gegen acht Menschen auf.
  • Der gesamte Gebäudekomplex wird bis März 2007 abgerissen. 
  • Am 28. Januar 2008 beginnt vor dem Landgericht Traunstein der Prozess gegen drei Angeklagte: den damalige Bauleiter und Statiker, den damaligen Projektleiter und den Ersteller eines Gutachtens.
  • Am 18. November 2008 wird das erste Urteil gesprochen: Der Konstrukteur des Daches wird zu einer 18-monatigen Bewährungsstrafe verurteilt. Architekt und Statiker werden freigesprochen.
  • Der Bundesgerichtshof hebt das Urteil am 12. Januar 2010 auf. In einer erneuten Verhandlung wird der Gutachter freigesprochen.
  • Anfang 2010 wird auf einem kleinen Teilstück des Geländes eine Gedenkstätte errichtet, die am 20. November 2010 offiziell eingeweiht wird. Ein Entwurf von der Angehörigengruppe war zuvor verworfen worden.

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