Die Geschichte von Clarence Matsumura

Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren: Die außergewöhnlichen Befreier von Dachau

Ein wärmendes Feuer: Ein japanischstämmiger US-Soldat (r.) hilft den Überlebenden des Dachauer Todesmarsches. 
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Ein wärmendes Feuer: Ein japanischstämmiger US-Soldat (r.) hilft den Überlebenden des Dachauer Todesmarsches.

200 000 Häftlinge wurden zwischen 1933 und 1945 im KZ Dachau gefangen und gequält. Über 40 000 von ihnen starben. Vor 75 Jahren haben die Nazi-Gräuel ein Ende – US-Soldaten befreien das Lager. Mit dabei: eine japanisch-stämmige Spezialeinheit, der Clarence Matsumura angehört. Das ist seine Geschichte.

  • Vor 75 Jahren, am 8. Mai 1945, endete der Zweite Weltkrieg.
  • US-Soldaten befreiten damals  das Konzentrationslager Dachau.
  • Im Einsatz war dabei auch  japanisch-stämmige Spezialeinheit, der Clarence Matsumura angehörte.
  • 200 000 Häftlinge wurden zwischen 1933 und 1945 im KZ Dachau gefangen und gequält. Über 40 000 von ihnen starben. Vor 75 Jahren haben die Nazi-Gräuel ein Ende – US-Soldaten befreien das Lager. Mit dabei: eine japanisch-stämmige Spezialeinheit, der Clarence Matsumura angehört. Das ist seine Geschichte.

    München/Waakirchen - Sie nannten sie Nisei. Es ist das japanische Wort für die Japaner der zweiten Generation, die in den USA der 1920er-Jahre geboren und aufgewachsen waren – und nach dem japanischen Schock-Angriff auf Pearl Harbor/Hawaii am 7. Dezember 1941 plötzlich zu so etwas wie Feinden im eigenen Land geworden waren.

    Ein Soldat des 522nd Field Artillery Battalion kurz vor Dachau.

    Die Nisei und die Issei (die noch in Japan geborenen US-Bürger) waren nun so etwas wie die fünfte Kolonne. „Get rid of the Japs“, werdet die „Japsen“ los, war damals ein oft gehörter rassistischer Slogan US-amerikanischer Hardliner. Es dauerte nur Monate, da erließ ausgerechnet der liberale Präsident Roosevelt die Executive Order 9066 und legalisierte damit ein unrühmliches Kapitel amerikanischer Geschichte: Plötzlich fanden sich viele der etwa 130 000 japanisch-stämmigen US-Bürger, die an der Westküste lebten, im Internierungslager wieder. Kein KZ mit Qual und Folter – das natürlich nicht. Aber doch Barackenbehausungen in der Pampa, Massenquartiere, bewacht und mit Stacheldraht, wenn auch mit guter Versorgungslage. Zehn dieser Lager, meist im Mittleren Westen gelegen, gab es, und in einem davon, Heart Mountain in Wyoming, lebte Clarence Matsumura mit seiner Familie.

    Kriegsende vor 75 Jahren: Matsumura betritt das KZ in Dachau – aber nur kurz

    Matsumura kann nicht mehr befragt werden, der kleine drahtige Mann ist vor einigen Jahren verstorben. Aber der Kalifornier hat, als er 1992 Oberbayern besuchte, eine Geschichte erzählt, die es wert ist, nicht in Vergessenheit zu geraten. Es ist die Geschichte des japanischen Internierungsgefangenen, der sich in die US-Armee rettete und dann am Ende des Zweiten Weltkriegs erst die Häftlinge des KZ Dachau befreite und sich dann auf die Fersen des berüchtigten Dachauer Todesmarsches heftete. Von Dachau Richtung München, dann weiter nach Starnberg und Wolfratshausen. Unterwegs hielten sie an und fragten Einheimische, wo die KZ-Häftlinge entlang gegangen seien.

    Ganz ungefährlich war das nicht, so hat es Matsumura in einer Rede beschrieben, die unserer Redaktion auf Englisch vorliegt. Die jungen Amerikaner fürchteten sich vor den Kolonnen von Zivilisten, die ihnen auf den Straßen begegneten. Es könnten ja auch Soldaten in Zivilkleidung sein, die sie aus einem Hinterhalt attackieren würden – Matsumura benutzte den amerikanischen Begriff des „snipers“, des Scharfschützen aus dem Hinterhalt. Doch dazu kam es nicht.

    Ungefähr auf der Linie Bad Tölz, Waakirchen, Miesbach hatten sie die Häftlinge schließlich am 30. April 1945 eingeholt. Erst sah er nur die Toten, so hat es Matsumura beschrieben. Tote Körper am Straßenrand in gestreiften Jacken und Hosen. Dann traf er endlich auf die ersten Überlebenden.

    Natürlich war Matsumura an jenem ungewöhnlich kalten Apriltag – es hatte in den Stunden davor noch einmal geschneit – nicht allein. Eine ganze Einheit, das 522nd Field Artillery Battalion, bestand aus japanischen US-Soldaten. Etwa 650 Mann, hoch dekoriert, Spezialisten für punktgenauen, mathematisch berechneten Artilleriebeschuss hinter der kämpfenden Truppe. Seit 1943 waren sie in Europa im Einsatz, erst in Italien, dann in Frankreich, wo sie sich in den Vogesen bei der Befreiung des Lost Battalion, einer fast schon aufgegebenen Armeeeinheit, bis heute nachhallenden Ruhm erwarben. Im März jedoch änderte sich ihr Einsatzgebiet, sie waren nun selber Frontkämpfer.

    Befreite KZ-Häftlinge vor 75 Jahren: ClarenceMatsumura.

    Das  war die Lage, als der 25-jährige Matsumura und seine Kameraden am 29. April 1945 Dachau erreichten. Da einige der Soldaten Kameras dabei hatten, ist das Folgende durch Fotos gut dokumentiert. Die Geschichte der Befreiung des Dachauer KZ ist oft erzählt worden. Nicht das 522nd Battalion war der Hauptbefreier des KZ Dachau, sondern eine Colonel Sparks unterstehende Abteilung der 45. US-Infanterie-Division war es, die zusammen mit US-Soldaten der 42. Infanterie-Division die Lagertore öffneten – und dann im Lagerinneren unvermittelt auf das Grauen schlechthin stießen: einen langen Güterzug, der erst tags zuvor nach wochenlanger Irrfahrt aus dem KZ Buchenwald eingetroffen war. In den Waggons waren Berge von Leichen, insgesamt 2300 verhungerte oder aber einfach erschossene KZ-Häftlinge.

    Lesen Sie auch: Zweiter Weltkrieg: Das mörderische Kriegsfinale in Oberbayern

    Für den Jerusalemer Historiker Daniel Blatman, der die Todesmärsche untersucht hat, war der Zug schlicht eine „rollende Vernichtungsanlage“ – was die Amerikaner fassungslos machte und zur spontanen Hinrichtung von einigen Dutzend SS-Männern, frisch rekrutiertes Wachpersonal, führte.

    Kriegsende von 75 Jahren: Die US-Soldaten holten Milchpulver für die Ex-Häftlinge

    Auch Clarence Matsumura hatte das Lagergelände betreten, allerdings nur kurz. Er erinnerte sich später an das Haupttor mit der infamen Inschrift „Arbeit macht frei“, auch an das Krematorium. Andere Truppenteile waren aber schon im Bilde, Häftlinge wurden versorgt, Kameraleute dokumentierten das Grauen. Für das 522nd Field Artillery Battalion blieb nichts zu tun – es erging die Order, den in den Tagen zuvor Richtung Süden geführten Häftlingskolonnen nachzusetzen.

    Die Straßen Oberbayerns müssen in jenen Tagen Ende April voll von Elendsgestalten in gestreifter Häftlingskleidung gewesen sein. „Zusätzlich zu den großen Transporten aus dem Stammlager waren etliche kleinere Häftlingsgruppen aus abgelegenen Arbeitskommandos auf dem Weg nach Süden“, heißt es in Blatmans Studie. Aus Riem, Allach und anderen kleinen Lagern. In langen Kolonnen trieben SS-Wachleute tausende Häftlinge von Landsberg und Kaufering Richtung Dachau, von dort wiederum gingen mehrere große Häftlingsgruppen Richtung Süden ab – meist zu Fuß. Die Füße der Häftlinge waren trotz Schneefalls nur umhüllt von Lumpen oder schmerzhaften Holzpantinen. Wer nicht mehr konnte, wurde erschossen. Zu einer Vernichtungsanlage auf Rädern wurde auch ein Güterzug, mit dem 4000 Häftlinge des KZ-Außenlagers Mühldorf erst bis Poing, nach einer Irrfahrt weiter bis Tutzing geleitet wurden – mitten drin der junge Max Mannheimer, der nach Jahrzehnten des Schweigens später eindrucksvoll davon berichtet hat.

    Die Spezialeinheit im Mai 1945 vorm Kehlsteinhaus, das für Hitler gebaut wurde.

    Matsumura und seine Leute jagten den Häftlingen nach, die sie dann nahe den schneebedeckten Bauernhäusern bei Waakirchen entdeckten. Eindrucksvoll beschrieb der Veteran in seiner Rede, wie er Häftlinge in Feldscheunen scheuchte, wo sie sich wenigstens etwas aufwärmen konnten. Wie er dann Frauen und Männer („es waren nur noch ältere Männer da“, wunderte er sich; aber die Jüngeren waren ja im Krieg) dazu brachte, Wasser zu erhitzen, damit sich die Häftlinge die halb erfrorenen Füße wärmen konnten.

    Zu essen hatten die jungen US-Soldaten fast nichts dabei, aber Milch- und Eipulver trieben sie irgendwo auf. Bei der Zubereitung halfen dann die Bauern der Umgebung. Heißhungrig, so schilderte es Matsumura, stürzten sich Ex-Häftlinge auf das Essen in den Küchen, prompt kam es zu Handgemengen, keiner stellte sich ordentlich an („they knew nothing of lining up“).

    Dann musste die 522. Einheit weiter, der Krieg war ja noch nicht ganz vorbei. Fotos zeigen die japanisch-stämmigen Soldaten Tage später an der nächsten Etappe, am ausgebrannten Berghof von Hitler bei Berchtesgaden. Erst dann war es vorbei. Matsumura kehrte heim – und zog bald in die nächste Schlacht: den Koreakrieg 1950. Erst 1951 wurde er Zivilist.

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