Die bewegende Flüchtlings-Geschichte

Varfie (18): Er hat es sogar schon zum FC Bayern geschafft

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Varfie lebt jetzt seinen großen Traum.

Rosenheim - Flüchtling Varfie (18) aus Liberia hat seine Chance genutzt. Er fand mit Mut, Fleiß, Talent, seinem strahlenden Lachen und hilfreichen Menschen an seiner Seite, wonach er sich zeitlebens sehnte.

Mit 2,08 Metern ist Varfie ein Basketball-Riese mit großem Talent.

Als der Zug am frühen Morgen des 18. Mai 2014 in den Bahnhof Rosenheim einfährt, fragt Varfie Kromah, ein damals 17-jähriger Junge, mehrfach nach, ob er auch wirklich „in Germania“ sei. So groß ist seine Angst, am Ende dieser unvorstellbar schweren Reise doch noch einen Fehler zu machen. Denn er weiß: „Ich habe nur diese eine Chance.“ Heute – neun Monate später – hat Flüchtling Varfie (18) aus Liberia seine Chance genutzt. Hat mit Mut, Fleiß, Talent, seinem strahlenden Lachen und hilfreichen Menschen an seiner Seite gefunden, wonach er sich zeitlebens sehnte: Ein Zuhause, Halt und Schutz in der Gemeinschaft, Freundschaft, Anerkennung. Die kostbare Gewissheit, endlich in Sicherheit leben zu dürfen nach zehn Jahren auf der Flucht. In Rosenheim ist er zur Ruhe gekommen. „Hier ist jetzt meine Heimat. Ich bin dankbar und sehr glücklich.“ Nun lebt er seinen Traum von einer großen Karriere als Basketballer.

Aufbruch

Als Varfie am 12. Oktober 1996 in der Stadt Nimba in Liberia zur Welt kommt, tobt in seiner Heimat schon der Bürgerkrieg. Varfie erinnert sich noch genau an seine Familie: „Ich hatte Vater und Mutter, zwei Schwestern, drei Brüder.“ Als Varfie sieben Jahre alt ist, flieht der Vater mit ihm und dem älteren Bruder in Richtung Elfenbeinküste. Er will seinen Söhnen das Schicksal als Kindersoldaten ersparen.

Es wird eine Reise in den Tod: Räuber erschießen Varfies Vater und verschleppen seinen Bruder. Auf Umwegen landet das verstörte Kind bei einer Großfamilie in Abidjan. Sechs Jahre darf Varfie dort bleiben – bis der Bürgerkrieg auch die Elfenbeinküste erreicht. Der Bub flieht nach Mali, findet eine neue Familie. Ungefähr 13 Jahre alt ist er da – schon damals groß gewachsen. „Ich fand neue Freunde, zuletzt auch eine Freundin. Und ich konnte Basketball spielen.“ 2012 zetteln Rebellen in Mali blutige Kämpfe an. 200 000 Menschen ergreifen die Flucht – und mit ihnen Varfie. Seine Freundin hat ihm ihr ganzes Geld gegeben.

Varfie und zwei Freunde erreichten Libyen. In der Nacht kommen Männer. Sie schießen seinem Freund ins Bein. Varfie springt aus dem Fenster in die Nacht. Was aus den Freunden wurde, erfährt er nie. Auch von seinen Geschwistern, Eltern und Ersatzfamilien hat er nie wieder etwas gehört. Er hat auch keine Fotos, nur seine Erinnerungen.

Im März 2014 steigt Varfie an der Küste Libyens auf einen kleinen Seelenverkäufer. 140 Männer, Schulter an Schulter auf einem Boot. Zum Sitzen ist kein Platz. So schippert Varfie übers Mittelmeer in eine ungewisse Zukunft. An diese Tage und Nächte denkt er mit Schrecken: „Es waren hohe Wellen. Alle wurden seekrank, alle hatten große Angst.“ Vor Sizilien entdeckt die Küstenwache das Boot. Die Italiener nehmen die Entkräfteten auf – und schießen das Flüchtlingsboot auf den Meeresgrund. Im Flüchtlingslager in Sizilien hält es Varfie nicht lange aus. Er hat nur ein Ziel: „Ich muss nach Bayern!“ Warum? „Ich bin FC Bayern-Fan. Ich wusste, dass Bayern schön ist und das Leben dort sicher. Und ich wollte Basketball spielen.“

Er schlägt sich durch bis nach Rom. Ein Basketball-Verein wird zufällig auf das mittlerweile 2,08 Meter große KorbjägerTalent aufmerksam. Doch Varfie lehnt das Angebot ab.

Am Bahnhof in Rom gibt ihm ein Mann aus dem Senegal zwei Tipps: „Steige an einem Samstagabend in den Zug. Da wird kaum kontrolliert.“ Und: „Gib den Österreichern unter keinen Umständen deinen Fingerabdruck. Sonst schicken sie dich in Deutschland sofort zurück.“ Am Abend des 17. Mai – einem Samstag – steigt Varfie in Rom in den Zug. „Die Schaffner kontrollierten dreimal meine Fahrkarte, aber sie fragten nicht.“ An der Grenze kurz hinter Salzburg sieht er im Morgengrauen zum ersten Mal die deutsche Flagge. Völlig überwältigt vor Freude schießen ihm die Tränen in die Augen: „Ich war da. Ich war so glücklich.“

Ankunft

Unzertrennlich: Varfie mit Betreuerin Christine Domek-Rußwurm

Während Varfie im Frühjahr 2014 durch Libyen flieht, führt die CSU-Gemeinderätin, Jugend- und Asylbeauftragte Christine Domek-Rußwurm (43) daheim in Frasdorf (Landkreis Rosenheim) einen harten Kampf um ein Stück Menschlichkeit. Ihr Ziel: Um Verständnis zu werben für die künftige Unterkunft für 26 Flüchtlinge im Gasthaus „Zum goldenen Pflug“ mitten im 3000-Seelen-Vorort Umrathshausen. Und schon sitzt die Gemeinderätin („Ich höre immer auf mein Herz“) zwischen allen Stühlen. Mit Engelsgeduld wirbt die Moderatorin und Mutter zweier Kinder (16 und 18 Jahre) für diese Idee und diskutiert auf einer denkwürdigen Bürgerversammlung Fragen wie diese: „Dürfen die dann etwa frei herumlaufen? Und sollten wir die Bushaltestelle nicht lieber ins Helle verlegen?“

Christine Domek-Rußwurm gründet einen mittlerweile bestens funktionierenden Helferkreis, vermittelt Patenschaften, organisiert den täglichen Deutschunterricht. Ihr Optimismus wirkt ansteckend. Mitte April ziehen die ersten drei Flüchtlinge ein. Nur einen Monat später kommt Varfie. Jemand fragt ihn nach seinem Gepäck. Da muss er lachen. So etwas hat er noch nie besessen. Vom ersten Tag an ist Christine Domek-Rußwurm an seiner Seite. Am Anfang stehen Alltagsprobleme. Wie verlängert man das Bett? Wo gibt es Schuhgröße 52 und passende Klamotten? Sie stellt für Varfie über den FC Bayern den Kontakt zum Rosenheimer Basketballclub her und hilft ihm und sieben anderen Schützlingen bei Behördengängen. Varfie dankt es ihr auf seine Weise. Er liebt sie wie eine Mutter und schenkt ihr sein ganzes Vertrauen. Englisch und Französisch spricht er schon, sein Deutsch wird jeden Tag besser. Er hat jetzt die begehrte Aufenthaltsgenehmigung und arbeitet hart an seiner Basketball-Karriere im Regionalliga-Team des Sportbundes DJK Rosenheim. Er spielt bereits in der 2. Mannschaft und in der U19-Nachwuchs-Basketball-Bundesliga (NBBL) in Dingolfing. Sogar im Münchner Audi Dome hat er schon trainiert – mit dem Bundesliga-Nachwuchs des FC Bayern München, seinem Traumverein. Es war einer der schönsten Tage seines Lebens.

Das Trauma derFlucht tritt allmählich in den Hintergrund. Vor Rückschlägen bleibt freilich keiner verschont. Zum Jahreswechsel bricht in der Unterkunft Angst aus, weil einige Flüchtlinge die Böllerei für scharfe Schüsse halten. Im Sommer wollte Christine Domek-Rußwurm ihre Schützlinge zur Schifferl-Fahrt auf dem Chiemsee einladen. Am Dampfersteg blickt sie in versteinerte Gesichter und erschrickt über ihre Gedankenlosigkeit: „Ich hatte vergessen, welch böse Erinnerung die meisten von ihnen mit einem Schiff verbinden.“

Zuweilen gewährt Varfie ihr kurze Einblicke in sein Seelenleben, meist eher beiläufig. Wie neulich im Auto. Da sagt er plötzlich: „Vielleicht war meine Mutter in Italien im selben Lager wie ich. Aber wir hätten uns ja gar nicht erkannt.“ Varfie und seine Freunde nennen Christine Domek-Rußwurm mittlerweile „Mama“. Ein Riesenkompliment. Und doch auch belastend: „Ich spüre plötzlich, welch große Verantwortung ich übernommen habe.“

Dorita Plange

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