Er war einer von Seehofers „69 Afghanen“: Der zähe Kampf um Marofs Rückkehr

+
Marof Khail.

Marof Khail saß in dem Abschiebeflugzeug, das am 4. Juli von München nach Kabul startete. Trotz Härtefallantrag und Arbeitsstelle. Er war einer von Seehofers „69 Afghanen“. Bis heute kämpfen sein Chef und seine Freunde für seine Rückkehr – und der 32-Jährige kämpft in Afghanistan ums Überleben.

Kaufbeuren – Marof Khail versteckt sich im Nirgendwo. Er lebt in einem kleinen afghanischen Dorf, eine Autostunde entfernt von Jalalabad. Nicht mal zum Einkaufen traut er sich – aus Angst vor den Taliban. Erst vor Kurzem kamen sie in das Dorf und nahmen einen seiner Nachbarn mit. Wenige Tage später brachten sie den Mann zurück. Er war tot, man hatte ihm die Augen ausgestochen und die Ohren, die Nase und die Hände abgeschnitten.

So schildert es der 32-Jährige in einer WhatsApp-Nachricht, die er an Waltraud Schürmann geschickt hat. Sie engagiert sich im Helferkreis in Irsee und kennt Marof, seit er 2011 nach Deutschland geflüchtet war und im Allgäu landete. Seit vier Jahren brauchte er die Hilfe des Asylkreises nicht mehr. Er hatte eine Wohnung und eine Arbeitsstelle, er war Mitglied im Sportverein und engagierte sich für die Caritas. „Er hat alles getan, um sich zu integrieren und auf eigenen Beinen zu stehen“, sagt Schürmann. Trotzdem wurde sein Asylantrag abgelehnt. Anfang Juli wurde er abgeschoben (wir berichteten). Trotz laufenden Härtefallantrags. Das komme äußerst selten vor, betont ein Mitglied der Härtefallkommission. Höchstens drei Mal in den vergangenen Jahren. Nach der Abschiebung könne die Kommission nichts mehr tun.

Seine Stelle halten seine Chefs bis heute für ihn frei

Seit vier Monaten versteckt sich Marof Khail nun in Afghanistan vor den Taliban. Und im Allgäu kämpfen seine Freunde und sein Arbeitgeber noch immer dafür, dass er zurückkehren kann. Sie haben die Miete für seine Wohnung von seinen Ersparnissen und dann von ihrem eigenen Geld weitergezahlt. Seine Chefs, das Ehepaar Burkhard, haben ihm seine Stelle in dem gleichnamigen Schweißtechnikunternehmen in Kaufbeuren bis heute frei gehalten. Sie haben die Hoffnung nicht aufgegeben, dass er zurückkommen könnte. Auch deshalb, weil der ehemalige Wirtschaftsminister Franz Pschierer (CSU) bei einem Besuch in dem Unternehmen gesagt hatte, Khails Abschiebung sei falsch und „schwer nachvollziehbar“ gewesen. Er stellte sich damit gegen die harte Linie seiner eigenen Partei und kündigte an, sich dafür einzusetzen, dass die Entscheidung korrigiert werde.

Doch bis heute ist nichts passiert. „Wir haben auf unseren Brief und die Unterschriftenliste an Innenminister Joachim Herrmann nicht mal eine Antwort bekommen“, berichtet Schürmann. Herrmann hatte im September gegenüber unserer Zeitung betont: „Wenn sich jemand gut integriert hat und in einem Betrieb gebraucht wird, werden wir in den allermeisten Fällen eine Lösung finden.“ Auch im neuen Koalitionsvertrag steht der Satz: „Besondere Integrationsleistungen von Asylbewerbern erkennen wir im Einzelfall an.“

In diesem Gebäude in einem kleinen Dorf in Afghanistan versteckt sich Marof Khail vor den Taliban.

Rückwirkend wird das für Marof Khail aber wohl keine Folgen haben. Es stehe ihm frei, zu Beschäftigungszwecken bei einer deutschen Auslandsvertretung ein Visum zur Wiedereinreise zu beantragen, teilte das Innenministerium gestern mit. Die Entscheidung darüber liege bei der Auslandsvertretung. Abgeschoben worden sei Khail, weil er zwar eine afghanische Tazkira, aber keinen gültigen Reisepass vorgelegt habe. Damit habe er bei der Identitätsklärung nicht ausreichend mitgeholfen, deshalb sei seine Duldung nicht verlängert worden, sagt ein Sprecher des Ministeriums und ergänzt: „Selbstverständlich wird der Freundeskreis Marof von Innenminister Herrmann ein Antwortschreiben bekommen.“

Lesen Sie auch: So berichtete der Münchner Merkur über die Abschiebung von Marof Kail von München nach Kabul: 

An Seehofers Geburtstag abgeschoben: Überlebenskampf in Afghanistan 

Darauf können die Helfer nicht mehr warten. Die Zeit drängt. „Das Geld für die Miete ist aufgebraucht“, sagt Schürmann. Auch für die Burkhards wird es immer schwerer, seine Stelle offenzuhalten. Arbeit und Wohnung sind aber die Voraussetzungen, um ihn über ein Arbeitsvisum zurückzuholen. Marof Khail muss nach Pakistan reisen, um es zu beantragen – und ohne Vorabzusage wäre die Wartezeit sehr lang. Die Vorabzusage scheitert im Moment aber daran, dass die Ausländerbehörde Schwaben seine Akte nicht an die Stadt Kaufbeuren aushändigt. Waltraud Schürmann und die anderen Helfer sind machtlos. Und wütend. „Der CSU geht es nur darum, hohe Abschiebezahlen melden zu können“, sagt sie. Gestern ist erneut ein Abschiebeflug nach Kabul gestartet.

Auch interessant: Bayerische Sammelabschiebung nach Italien? Salvini droht, Bundesministerium dementiert

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Großbrand im Chiemgau: Gebäude stürzt vor Feuerwehrkräften ein - Polizei nennt Details
Großbrand im Chiemgau: Gebäude stürzt vor Feuerwehrkräften ein - Polizei nennt Details
Winter-Wetter: Achtung, DWD gibt mehrere Warnungen heraus
Winter-Wetter: Achtung, DWD gibt mehrere Warnungen heraus
Messer-Attacken in Nürnberg: Polizei zeigt Foto der Tatwaffe - und nennt schockierendes Detail über Täter
Messer-Attacken in Nürnberg: Polizei zeigt Foto der Tatwaffe - und nennt schockierendes Detail über Täter
Mann gerät mit Auto in Fluss: Großeinsatz nimmt tragisches Ende
Mann gerät mit Auto in Fluss: Großeinsatz nimmt tragisches Ende

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion