Eine halbe Ewigkeit im lieblichen Tal

Erich (80) wohnt seit seiner Geburt in einer Mühle

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Das denkmalschützte Haus hat er liebevoll eingerichtet.

Sigmarszell - In seinem Tal kennt er so gut wie jeden Baum, jeden Stein, jeden Vogel. Vor 80 Jahren ist Erich hier in der Immenmühle im Allgäu auf die Welt gekommen.

„Im gleichen Jahr und Monat wie Udo Jürgens. Aber das wusste ich damals natürlich nicht.“ Der Sänger bereiste die ganze Welt, um Konzerte zu geben. Erich schaffte es einmal bis Mallorca. Das war vor 15 Jahren. „Aber da gab’s nur Steine. Deshalb hat es mir nicht so gefallen.“

Der Mittelpunkt seines Lebens.

Jetzt will der Allgäuer sowieso nicht mehr weg von seiner Mühle, die seit acht Jahrzehnten sein Zuhause ist. Und seine Heimat. „Für viele ist das hier nur ein Loch“, sagt Erich. „Für mich ist es ein liebliches Tal.“ Seine Augen werden glasig, wenn sein Blick über die schneebedeckten Streuobstwiesen schweift, über den Wald hinter seiner Mühle und über den steilen Hang. „Erst dahinter steht der nächste Hof.“

Erich (80) hat die Immenmühle im Allgäu nie verlassen.

Seit 1982 lebt der Landwirt alleine auf seinem Hof. Damals starb sein Vater, die Mutter war schon drei Jahre vorher gegangen. Die fünf Geschwister hatten da das kleine Tal schon längst verlassen. Erich ist geblieben. All die Jahre führte er ein Leben in Bescheidenheit. Ohne warmes Wasser aus der Leitung. Im Winter schlief er in der guten Stube, weil nur hier ein Kachelofen stand. Ansonsten war die alte Mühle unbeheizt. Erich lebte von dem, was sein Land ihm schenkte. Er ernährte sich von Äpfeln und Kartoffeln. Für sich selbst gab er kein Geld aus. Von dem, was er durch den Verkauf von Milch verdiente, holte er sich Futter für seine Kühe. Seine Viecher waren sein Ein und Alles. „Lieber hungere ich als meine Kühe“, sagt der Allgäuer.

Ende der 1990er-Jahre kam Bewegung in sein Leben. Erich verkaufte seinen Hof an eine junge Familie. Sie baute ein ökologisches Holzhaus in eine Wiese und errichtete ein modernes Stallgebäude für eine große Ziegenherde. Der Altbauer durfte in seiner alten Mühle wohnen bleiben. Und bekommt seither eine Leibrente.

Plötzlich war alles anders. „Ich habe meine Zeit gebraucht, mich an die neuen Leute zu gewöhnen. Es fiel mir schwer loszulassen.“ Doch Erich sah, dass die jungen Leute fleißig sind. Sie stellen beispielsweise exzellenten Ziegenkäse her, den sie auf den Wochenmärkten im Allgäu verkaufen.

Vor rund 15 Jahren, also in einem Alter, in dem andere in Rente gehen, fing der Allgäuer an als Gärtner zu arbeiten – beim Besitzer einer Luxus-Möbelhaus-Kette im nahen Lindau am Bodensee. „Ich konnte nicht mehr nur herumsitzen.“ Und dadurch hatte Erich die Mittel, um seine fast 700 Jahre alte Mühle liebevoll einzurichten. Er bestellte elegante Möbel und weißes Porzellan. Nach und nach stattete er damit die Zimmer seines denkmalgeschützten Hauses aus. „Das machte mir einfach Freude.“

Heute ist Erich am Ende seines Lebens angelangt. Sein Herz ist schwach. „Der Herrgott allein weiß, wann ich gehe.“ Seit 80 Jahren ist sein liebliches Tal seine Heimat. Hier ist er geboren. „Hier werde ich sterben. Eines Tages.“

Jacob Mell

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