Das Protokoll des Irrsinns

Nerv-Fahrt im Meridian: "Bitte aussteigen, wir sind zu schwer"

München - Die Woche nach der Hitze ging für viele Pendler zwischen Salzburg und München nicht gut los. Wer mit dem EC 390 um 9.41 Uhr am Hauptbahnhof ankommen wollte, musste erst einmal schlucken:

Zugausfall, weil diese Wagen-Garnitur schon am Sonntag ihr Ziel in Österreich nicht erreichte. Also warten auf den nächstfolgenden Meridian, geplante Ankunft in München Hbf um 10.06 Uhr. Doch was in diesem Zug passierte, dürfte selbst für hartgesottene Pendler denkwürdig gewesen sein. Das Minutenprotokoll:

8.49 Uhr, Traunstein: Mit fünf Minuten Verspätung rollt der Zug mit der Kennung 79016 in den Bahnhof, die Waggons sind an diesem dritten Halt nach dem Start in Salzburg bereits üppig gefüllt.

9.17 Uhr, Bad Endorf: Einfahrt in den Bahnhof. Auch hier steigen wie an den übrigen vier Halten etliche Fahrgäste zu. Im Meridian ist mittlerweile jeder Sitzplatz belegt, besonders im vorderen Zugteil stehen die Menschen schon vor den Türen und auf den Gängen, allerdings schafft man es immer noch von Anfang bis Ende durchzulaufen, zumal im mittleren und hinteren Abschnitt auch die Gänge noch frei sind.

9.25 Uhr: Der Triebfahrzeugführer meldet sich: Der Zug sei dank der zusätzlichen Fahrgäste zehn Tonnen zu schwer – und werde nicht weiterfahren, wenn nicht Fahrgäste aussteigen. Zehn Tonnen – das wären wohl rund 120 Erwachsene. Es rührt sich jedoch kaum jemand.

9.27 Uhr: Der Triebfahrzeugführer wiederholt seine Aufforderung und erleichtert manchem die Entscheidung mit dem Hinweis, ein Folgezug werde fünfzehn Minuten später die Freiwilligen einsammeln. Jetzt bewegen sich tatsächlich rund ein, zwei Dutzend auf den Bahnsteig.

9.30 Uhr: Der Zug setzt seine Fahrt fort.

9.33 Uhr: Ein kurzer Halt auf freier Strecke.

9.38 Uhr: Nun muss die Zugbegleiterin zum Mikro greifen: „Wenn sich ein Arzt an Bord befindet, bitte beim Zugpersonal melden.“ Ein Frau ist zusammengebrochen. Auf sie wird in Rosenheim ein Notarzt warten.

9.45 Uhr: Ankunft in Rosenheim. Während der Notarzt am Bahnsteig von Gleis 1 Erste Hilfe leistet und die Dame auf einer Trage abtransportiert, wird – planmäßig – eine zweite Zug-Garnitur angekoppelt. Die Sitzplatzsituation entspannt sich, von Überladung ist keine Rede mehr.

9.52 Uhr: Die Abfahrt aus Rosenheim verzögert sich aufgrund einer Überholung.

9.55 Uhr: Es geht weiter. Ein Glück, dass es nicht so warm ist und entsprechend die Gefahr nicht hoch, dass die Klimaanlage ausfallen könnte und deshalb noch mehr Menschen kollabieren könnten.

10.02 Uhr: Erneut ein Halt auf freier Strecke – vorausfahrende Züge blockieren den Streckenabschnitt.

10.27 Uhr: Ankunft in München Ost, ein halbe Stunde später als geplant. „Meine S-Bahn zum Flughafen“, ruft eine Frau aus. Kaum haben sich die Meridian-Türen geöffnet, fährt die S8 ab.

10.35 Uhr: Endstation Hauptbahnhof. Der ICE nach Berlin um 10.28 Uhr und der ALEX nach Hof um 10.34 Uhr konnten leider nicht warten. „Super!“, entfährt es einem jungen Mann. Gute Fahrt.

Das sagen Hersteller und Bahngesellschaft

Blick in den angeblich überfüllten Meridian 79016 am Montagfrüh.

Wie kann es sein, dass ein Zug so überfüllt ist, dass er nicht mehr weiterfahren kann? Die tz erkundigte sich bei der Betreibergesellschaft, der Bayerischen Oberlandbahn (BOB), und dem Zug-Hersteller Stadler. Bei der BOB gab es die Auskunft, dass wegen des defekten EC 390 zusätzlich Fahrgäste aufgenommen werden mussten. „Dadurch war der Meridian zu voll, die Notausstiege waren blockiert“, hieß es bei der BOB. Weil die Sicherheit absolut Vorrang habe, hätte der Lokführer Fahrgäste gebeten, auszusteigen und den nächsten Zug zu nehmen.

Warum man aussteigen soll und nicht nur die Türen räumen, erklärt sich indes nicht. Der Waggonbauer Stadler bestätigte zwar die Möglichkeit des Lokführers, mittels einer Anzeige zu erkennen, wann ein Zug wirklich überladen ist. Doch sei das bislang noch nie vorgekommen, denn die Züge wären auf enorme Belastungen ausgelegt. Vielmehr habe die Diagnoseauslese bei der betroffenen Garnitur ergeben, das es kein Gewichtsproblem gegeben habe, sondern schlichtweg die Türen blockiert waren. Bei Druck von innen auf die Türen gebe es auch ein Warnsignal, weshalb der Zug gleichfalls nicht weiterfahren dürfte.

M. Brommer

Rubriklistenbild: © fkn

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