Schwere Vorwürfe

Ettal-Prozess: Mönch streitet alles ab

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Unter seinen Glaubensbrüdern heißt er Pater Georg. Gestern erschien Jürgen R. aber mit Anzug und Krawatte vor Gericht.

München - Es sind schlimme Vorwürfe gegen den Geistlichen. Pater Georg der jahrelang als Präfekt im Kloster Ettal arbeitete, muss sich wegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen verantworten.

Verwerfliche Taten, die die katholische Kirche erschüttern, wenn sie tatsächlich wahr sind. Vor dem Landgericht München II begann gestern der Prozess gegen Pater Georg (44), der jahrelang als Präfekt im Kloster Ettal arbeite. Ihm wirft die Staatsanwaltschaft sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen vor. Angeklagt sind vier Tatkomplexe, die sich in den Jahren 2001 bis 2005 ereignet haben sollen. Der Priester bestreitet sie! Sein Kutte legte er ab, vor Gericht erschien er gestern im grauen Anzug als Privatmann Jürgen R. Und verlas mehr als drei Stunden lang eine persönliche Erklärung. Wie er im Kloster lebte, welche Beziehung er zu den Schülern hatte und was er zu den Vorwürfen sagt.

Ja, er habe Buben auf seinen Schoß gesetzt. Sie umarmt, an Rücken und Bauch gestreichelt. Und sie nah an sich gelehnt, während er seinen heiligen Habit trug. „Aber diese Handlungen waren nie sexuell motiviert. Ich habe immer nur getröstet“, sagt Pater Georg. Er streitet alle Vorwürfe ab. Vier Schüler des Ettaler Klosterinternats soll er laut Anklage sexuell missbraucht haben. „Das stimmt alles nicht. Ich habe zu keinem Zeitpunkt versucht, in die Hose eines Schülers zu greifen.“

Als die Anklage gegen ihn verlesen wird, faltet der Mönch die Hände wie zum Gebet. Patrick P., damals 14 Jahre alt, soll er zu Beginn des Schuljahres 2001 am Penis gestreichelt haben, als der Bub – nur mit Bademantel und Boxershort bekleidet – in seinem Präfektenzimmer eingeschlafen war. Monate später soll sich ein ähnlicher Vorfall beim Ausflug auf eine Hütte wiederholt haben. „Ich schlief in einem Hochbett – aber allein“, sagt der Priester. Er hat über die Jahre genaue Aufzeichnungen angefertigt, was er mit seinen Schülern unternommen hat und will so seine Unschuld beweisen. Fakt ist aber auch: Sein Vorgesetzter wies Pater Georg schon zu Beginn seiner Klosterzeit streng darauf hin, keine Kinder auf den Schoß zu nehmen, als er ihn so sah. „Ich habe leider zu wenig Distanz gewahrt. Das war ein entscheidender Fehler in meiner Arbeit“, räumt der Priester ein.

Häusliche Konflikte der Schüler seien oft auf ihn übertragen worden. Wie im Fall von Sebastian S., damals 14, der ohne Vater aufwuchs. Laut Anklage besuchte er den Pater im Schuljahr 2004/05 nahezu täglich im Präfektenzimmer, suchte Nähe und Vertrauen. „Wir haben zusammen Bilder am Computer sortiert.“ Dabei soll der Geistliche den Bub begrapscht haben – laut Anklage mindestens 20 Mal. „Er hatte Probleme, war aggressiv. Und ich wusste, wie man sich als Versager in der Schule fühlt. Da habe ich ihn auf meinen Schoß genommen und gestreichelt – so wie meine Mutter es mit mir früher tat. Ich empfand diese Geste als wohltuend und schützend.“ Der Bub fühlte sich belästigt, zeigte ihn an.

So auch Andreas M., damals 13 Jahre alt. Auch ihn soll der Pater sexuell missbraucht haben, als beide zusammen am Computer saßen. Laut Anklage wehrte er sich, worauf Jürgen R. von ihm abließ. Adrian S. war sogar erst 12 Jahre alt. „Er rannte mir im Gang hinterher und umarmte mich“, sagt der Pater. Auch ihm soll er in die Hose gefasst haben.

Im Schuljahr 2004/05 eskaliert die Lage im Kloster. „Ich galt als zu streng. Meine Schüler traten in den Hungerstreik“, sagt der Pater. „Dem schwelenden Konflikt ging ich aus dem Weg. Ich fühlte mich menschlich gescheitert.“ Sebastian S., den den Missbrauch wohl am schlimmsten traf, soll die Klasse gegen den Pater aufgebracht haben, sagt er. Aus Rache? Das bleibt ungeklärt. Vielleicht aber nur bis zum 11. Februar, dann müssen die Schüler aussagen.

Dann wird sich auch zeigen, ob Pater Georgs ellenlange Erklärung vor Gericht standhält. Bei einer Verurteilung droht dem Priester jahrelange Haft.

Von Andreas Thieme

Die Chronik des Missbrauchs-Skandals:

Seit 2010 erschüttert die Aufdeckung zahlreicher Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern die Katholische Kirche. Auch in anderen Einrichtungen wie etwa an deutschen Schulen des Jesuitenordens oder bei den Regensburger Domspatzen wurden Fälle bekannt. Im Fokus stand vor allem Kloster Ettal:

  • 22. Februar 2010: Ehemalige Schüler erheben Missbrauchsvorwürfe gegen diverse Patres.
  • 24. Februar 2010: Abt Barnabas Bögle tritt auf Druck der Bistumsleitung zurück.
  • 25. Februar 2010: Die Staatsanwaltschaft nimmt Untersuchungen auf und stellt sie zum Großteil wegen Verjährung wieder ein.
  • 26. Februar 2010: Pater Maurus tritt als Schulleiter des Gymnasiums zurück.
  • 2. März 2010: Die Staatanwaltschaft München führt in Ettal eine Razzia durch.
  • 15. bis 24. März 2010: Der Vatikan führt eine Apostolische Visitation durch.
  • 19. März 2010: Kloster Ettal sagt Opfern „individuelle und kompetente Hilfe“ zu.
  • 12. April 2010: Sonderermittler Thomas Pfister legt seinen Abschlussbericht vor. Er kommt zum Ergebnis, dass über Jahrzehnte hinweg Heranwachsende „brutal misshandelt, sadistisch gequält und auch sexuell missbraucht wurden“. Die Vorwürfe richten sich gegen insgesamt 15 Patres. Die Zahl der Opfer soll weit über 100 liegen.
  • 11. Juli 2010: Die päpstlichen Visitatoren haben die zurückgetretene Klosterleitung entlastet. Daraufhin wählt der Konvent Bögle erneut zum Abt.

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