Fast 40 Jahre später

Exorzismus-Fall Anneliese Michel: Neues Buch

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Petra Ney-Hellmuth (rechts) mit ihrer wissenschaftlichen Analyse. Anneliese Michel ist 1976 gestorben.

München - Anneliese Michel ist 1976 an den Folgen extremer Unterernährung während eines Exorzismus gestorben. Ein neues Buch beleuchtet den Fall.

Ein junges Mädchen ist angeblich vom Teufel besessen, wochenlang wird an ihr ein Exorzismus nach dem anderen vollzogen (67-mal!) – bis sie stirbt: Die traurige Geschichte der Anneliese Michel ging um die Welt. Im Sommer des Jahres 1976 geschah die Tragödie in dem kleinen Ort Klingenberg in Unterfranken. Fast 40 Jahre später ist der Fall nun erstmals wissenschaftlich aufgearbeitet worden!

Die Würzburger Historikerin Petra Ney-Hellmuth hat im Rahmen ihrer Doktorarbeit den Tod der damals 23-jährigen Studentin genau untersucht. Ihr Fazit: Der Fall wird noch heute instrumentalisiert, die Existenz des Teufels zu beweisen. Die tz sprach mit der Wissenschaftlerin über den Fall:

Frau Ney-Hellmuth, Sie haben sich mit dem Fall Michel genau beschäftigt. Was ist einst passiert? 

Petra Ney-Hellmuth: Anneliese litt an einer Form von Epilepsie, die zunächst medizinisch behandelt wurde. Nachdem diese Behandlung aber anscheinend nicht den gewünschten Erfolg zeigte, beschlossen ihre tief religiösen Eltern, einen Exorzisten hinzuzuziehen. Der Würzburger Bischof Stangl beauftragte im September 1975 einen Pater mit dem „Großen Exorzismus“, unter anderem aufgrund eines „Besessenheitsgutachtens“. Die exorzistischen Sitzungen wurden dann bis kurz vor Anneliese Michels Tod am 1. Juli 1976 durchgeführt. Die beiden maßgeblich beteiligten Priester wie auch die Eltern von Anneliese Michel wurden in einem Prozess im Jahr 1978 zu Bewährungsstrafen verurteilt.

Ist die Praxis des Exorzismus heute noch die gleiche?

Ney-Hellmuth: Nein. Der Exorzismusritus wurde 1999 dahingehend reformiert, dass zukünftig stets ein Arzt miteinbezogen werden muss.

Der Fall diente als Vorlage für einige reißerische Hollywood-Filme …

Ney-Hellmuth: Schon kurz nach dem Tod von Anneliese Michel wurde in einem Würzburger Kino der Film Der Exorzist aus dem Jahr 1974 „aus gegebenem Anlass“ wieder ins Programm genommen. Bei einem Exorzismus handelt es sich jedoch im Wesentlichen um ein Gebet, das in einer bestimmten seelsorgerischen Betreuungssituation gesprochen wird. Durch derartige Filme aber wurde und wird ein Exorzismus mit entsprechenden Horrorfilmszenarien vermengt, was wiederum ein größeres Publikum anspricht.

Der Gruselfaktor fasziniert also die Leute? 

Ney-Hellmuth: Den wenigsten Menschen war damals bekannt, dass ein Exorzismus auch nach den Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils zur Praxis der katholischen Kirche gehört. Vielen wurde das erst durch den Fall Michel bewusst. Schockierende Details, wie die Exhumierung der Leiche aufgrund der Aussagen einer angeblich hellseherischen Nonne oder die Tonbänder mit Annelieses Stimme, dienten aber auch einem entsprechenden Publikum als Beweis einer echten Besessenheit des Mädchens. In diesen Kreisen wirkt der Glaube daran bis heute fort.

Die Tonbandaufnahmen von Annelieses Stimme während des Exorzismus im Internet – sind sie echt?

Ney-Hellmuth: Ich persönlich glaube an die Echtheit. Die Aufnahmen wurden gezielt von Beginn an angefertigt, um sie später zu instrumentalisieren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

tz-Stichwort: Anneliese Michel

Anneliese Michel starb am 1. Juli 1976 an den Folgen extremer Unterernährung: Sie wog nur noch 31 Kilogramm. Das Mädchen glaubte selbst, vom Teufel besessen zu sein, wehrte sich deshalb nicht gegen die anstrengenden Exorzismus-Rituale. Ihre gesamte Familie war streng gläubig. Zum Ritual des Exorzismus gehören das Besprengen mit Weihwasser, die Anrufung Gottes und das Handauflegen sowie stundenlange Gebete.

Am 25. Februar 1978 fand eine Exhumierung der Toten statt, die die Eltern veranlasst hatten. Hintergrund war die Behauptung einer Nonne aus dem Allgäu, Anneliese sei ihr erschienen. Sie hätte angekündigt, ihr Körper sei bisher unverwest. So werde das Übernatürliche des Geschehenen belegt. Das Ergebnis? Die Leiche war (so sagt es der schriftliche Bericht) so verwest, wie es nach einer fast zweijährigen Totenzeit zu erwarten war. Annelieses Eltern äußerten sich nie über die Tragödie, sie lebten bis zur ihrem eigenen Tod in Klingenberg.

Armin Geier

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