Opfer berichtet von „Military Romance Scam“

Andrea verliebt sich auf Facebook - und bezahlt dafür bis heute

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„Ich denke immer noch an ihn“: Andrea Würzinger (53) aus Hausham mit dem Facebook-Profil ihres Betrügers.

Andrea Würzinger (53) war schwer verliebt. Die Sorge um ihren Darren und dessen Sohn Kelvin hat sie fast umgebracht – und viel Geld gekostet. Doch Darren C. Douglas hat nie existiert.

Hausham – Die Freundschaftsanfrage ploppt am 1. März bei Andrea Würzinger in Hausham, Kreis Miesbach, auf. Darren C. Douglas aus Huntsville, Alabama, geboren 1966, Single. Sein Profilfoto: ein Schäferhund. Vielleicht gibt der treue Blick des Tieres den Ausschlag – Andrea Würzinger bestätigt die virtuelle Freundschaft. Mit einem Klick begibt sie sich in eine vierwöchige Gefühlsachterbahn, die sie am Ende Geld kostet – und ihr noch viel mehr Schmerz beschert.

Andrea Würzinger, Flugbegleiterin, 53, Mutter einer erwachsenen Tochter, ist niemand, dem man so schnell etwas vormacht. Trotzdem wurde sie Opfer eines Trickbetrugs der neuesten Art. Military Romance Scam ist der Fachausdruck. Der Militär-Romanzen-Trick. Nigeria-Connection nennt die Polizei diese neue Generation an Trickbetrügern, die die sozialen Medien ausnützen. Angefangen haben die ersten in Nigeria, aber in vielen afrikanischen Ländern blühen ganze Netzwerke, etwa in Ghana. „Das ist dort ein Berufszweig“, sagt Stefan Sonntag, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern-Süd, „die sind geschult.“ Und sie werden täglich besser.

Harmloses Geplänkel im Chat -  so ging alles los

Der Fall von Andrea Würzinger ist klassisch – und er lief so: „Hallo Andrea, wie geht es dir? Danke, dass du meine Freundschaftsanfrage bestätigt hast“, schreibt Darren kurz nachdem sich die Frau mit ihm befreundet hat. So leicht lässt sich die Haushamerin nicht einwickeln. „Wer bist du? Was willst du von mir?“, will sie wissen. Er sei durch ihr Profilfoto auf sie aufmerksam geworden: ihr Hund Sally, eine Bulldogge mit Piratenhut. Er liebe Hunde, genauso wie sie. Klingt plausibel. Und so geht es los. Ein harmloses Geplänkel, ein harmloser Flirt – auf Englisch, was für die Flugbegleiterin kein Problem ist.

Darren meldet sich meist abends. „Hello Honey. Hast du heute schon geduscht, hast du gegessen?“ Banale Fragen, rückblickend sind sie nicht dumm. Wenn Andrea geduscht und gegessen hat, ist sie alleine. Darren kann sie in aller Ruhe einwickeln. „Das hat sich so gut angefühlt“, sagt Andrea Würzinger heute. „Endlich war da jemand, der mir zugehört hat.“ Trotzdem erzählt sie erst einmal niemandem von ihrer Romanze. „Das war mein Geheimnis.“ Und es ist ihr auch unangenehm. „Ich verliebe mich doch nicht in jemanden, den ich gar nicht kenne“, sagt sie sich.

„Hast du mich vermisst?“

Am dritten Tag geht Darren einen Schritt weiter. Er schreibt: „Das Wetter in Syrien ist schön.“ Andrea Würzinger fällt fast das Handy aus der Hand. „Was machst du da?“ Die Antwort kommt prompt: „Peace-Keeping-Mission. Bete für mich.“ Dann meldet er sich ein Wochenende gar nicht. Andrea ist verzweifelt und weiß gar nicht genau, wieso. Trotzdem sitzt sie weinend am Küchentisch, wartet auf ein Lebenszeichen, sieht sich Nachrichten über den Krieg in Syrien an, liest von einem Anschlag in Damaskus, wo Darren angeblich stationiert ist. Erst am Montag die nächste Nachricht: „Hallo Andrea, hast du mich vermisst?“ Darren hat eine Erklärung, warum er sich nicht melden konnte: ein Einsatz. Andrea Würzingers Erleichterung verdrängt Zweifel.

Falscher Sohn: Das Bild soll Darrens Sohn Kelvin auf einer Comic-Messe zeigen. Der Scammer hat es wahrscheinlich irgendwo aus dem Netz geklaut.

Und das ist noch nicht alles. Darren erzählt ihr von seinem Sohn Kelvin, 14, der im Internat in den USA wohne. Die Mutter sei an Darmkrebs gestorben. Und: „Er will dich kennenlernen.“ Also schreibt Andrea Würzinger dem Buben, der, wie sie heute weiß, genauso erfunden ist wie Darren selbst. Der Bub antwortet, er freue sich wahnsinnig über Andreas Mail und noch mehr, dass sein Vater jemanden zum Reden gefunden hat. Kelvin schickt ihr auch Fotos von sich – und von seinem Vater. Im Jogging-Outfit auf einem Wanderweg irgendwo in Amerika. Endlich hat die Oberbayerin auch ein Bild von dem bislang gesichtslosen Mann, in den sie sich verknallt hat: blondes Haar, blaue Augen, tolle Oberschenkel. Sein Sohn sieht ihm ähnlich. „Da hat immer alles gestimmt“, sagt Andrea und schüttelt den Kopf. Später erfährt sie, dass die Bilder von Vater und Sohn aus dem Internet geklaut waren.

Erstmals fordert der Betrüger Geld

Jetzt drückt Darren auf die Tränendrüse – und fordert erstmals Geld: Das Handy seines Sohnes sei kaputt, seinem Vater könne er nur noch von einem Bekannten aus schreiben. Bald, am 17. März, habe Kelvin Geburtstag. „Was können wir unserem Sohn schenken?“, fragt Darren. Ein Handy vielleicht? Andrea schickt 500 Euro in die USA. Nicht viel für einen Profi-Betrüger, aber ein Zuckerl, um auszutesten, wie weit sein Opfer gehen wird.

Die Bargeldüberweisung – angeblich an Kelvins Schulleiterin – ist kompliziert. Western Union gibt das Geld erst frei, als Andrea Würzinger telefonisch bestätigt, die Frau persönlich zu kennen. Ihr kommen Zweifel: Warum kann sie nicht an Kelvin direkt überweisen? Darren zerstreut ihre Bedenken, es soll ja eine Überraschung werden. Und als sich der Bub überschwänglich bei seiner „neuen Mum“ bedankt, ist es endgültig um Andrea Würzinger geschehen. „Ich war auf Wolke sieben“, sagt sie. Und die Gehirnwäsche geht weiter.

Süßer Schäferhund: Das Profil von Darren C Douglas, inzwischen gelöscht.

Darren spricht jetzt von Besuchen in Deutschland nach seinem Einsatz, von einem neuen Leben mit ihr. Andrea erzählt nun doch einer Freundin von Darren. Die sagt sofort: „Das ist ein Betrüger.“ Als sie Darren damit konfrontiert, verlangt er, dass sie den Kontakt zur Freundin abbricht. Sie gehorcht. Als die Flugbegleiterin sich wünscht, die Stimme ihres Darren einmal zu hören, wimmelt er sie ab. Das sei nicht erlaubt bei der US-Army – eine dreiste Lüge. „Ich hätte nur googeln müssen“, sagt Andrea Würzinger. „Aber mein Kopf wollte nicht anspringen.“

Nach dieser Phrase wird Andrea endlich stutzig

Ihr Job fordert sie, sie fliegt zwischen Shanghai und München hin und her, hat wenig Schlaf. Da lässt Darren seine Bombe platzen. Er werde verlegt, Kampfeinsatz in Nordsyrien. Gegen den IS. „Was kann ich tun?“, schreibt Andrea Würzinger. Nichts, lautet die Antwort, sie müsste sich schon als seine Verlobte ausgeben und seinem General schreiben. Vielleicht fände sich eine Lösung. Wieder gehorcht sie. Der General antwortet – die E-Mail-Adresse sieht offiziell aus: Ein britischer Offizier könnte Darren binnen 24 Stunden ersetzen, Honorar: 3700 Euro. Der Offizier aus Ghana bräuchte 72 Stunden, koste aber nur 1700 Euro. Zu zahlen sofort und in bar. „Is that understood?“, schließt der General. „Kapiert?“ Diese Phrase verwendet Darren wenig später selbst. Ein Fehler.

Endlich wird Andrea Würzinger stutzig, beginnt zu recherchieren. Sie kontaktiert eine Selbsthilfegruppe, fragt eine Bekannte in den USA, deren Vater beim Militär arbeitet. Noch immer kann sie nicht glauben, dass es Darren nicht gibt. Ein letzter Test: Sie sei schwer krank, schreibt sie, habe Krebs und müsse ins Krankenhaus. Die Antwort: „Das tut mir leid, Andrea, wann kannst du bezahlen?“ Das war am 21. März, drei Wochen nach dem ersten Kontakt. Danach löscht ihn Würzinger aus ihrer Freundesliste und meldet das Profil bei Facebook als gefälscht.

„Verstößt nicht gegen Regeln“: Die Reaktion von Facebook, nachdem Würzinger Darrens Profil angezeigt hat.

Wie viele Opfer es in Bayern gibt, ist schwer zu sagen. „Gemeldet wird uns nur eine einstellige Zahl pro Jahr“, sagt Polizeisprecher Sonntag: „Viele schämen sich.“ Nicht so Andrea Würzinger. Sie will verhindern, dass noch mehr dieser Masche zum Opfer fallen. Sie engagiert sich inzwischen in einer Selbsthilfegruppe. Dort prüfen sie Profile auf ihre Echtheit. Das hilft ein bisschen. Auch das gefälschte Darren-Profil wurde inzwischen von Facebook gelöscht. Aus ihrem Kopf kann Darren keiner löschen. Auch wenn er nie existiert hat, denkt sie immer noch an ihn. Jeden Tag.

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