38 Jahre nach Tod von Zehnjähriger

Ursula Herrmanns Bruder fordert neue Ermittlungen: „Der Falsche wurde verurteilt!“

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Michael Herrmann war 18, als seine zehnjährige Schwester Ursula gekidnappt wurde. Sie erstickte in einer Kiste im Wald.

Die Ermittlungen im Fall Ursula Herrmann endeten 2010 mit dem Schuldspruch gegen einen damals 59-jährigen Mann. Nicht für ihren Bruder Michael: Er bezweifelt, dass der verurteilte Werner M. der Täter ist - und glaubt, dass die wahren Täter noch frei herumlaufen.

Eching/Augsburg Michael Herrmann hatte von Anfang an Zweifel, sagt er. 2010 wurde Werner M. verurteilt, er soll Herrmanns Schwester Ursula im September 1981 auf dem Heimweg in Eching (Kreis Landsberg am Lech) vom Radl gezogen und entführt haben. Die damals Zehnjährige wurde in eine Kiste im Wald gesperrt, in der sie qualvoll erstickte. Jahrzehntelang ermittelte die Polizei, 2008 dann die Festnahme von Werner M. Er lebte im Nachbarort, wenige hundert Meter vom Haus der Herrmanns entfernt. Das Urteil im Indizienprozess lautete lebenslänglich. Heute glaubt Michael Herrmann, dass der Falsche verurteilt wurde, „und die Täter noch frei herumlaufen“.

Fall Ursula: Bruder hat in den Akten erneut recherchiert

Herrmann war 2010 Nebenkläger im Strafprozess. „Ich wusste selbst nicht genau, wovon ich überzeugt sein soll. Aber ich war von seiner Schuld auf keinen Fall überzeugt.“ 2013 strengte der 55-Jährige eine Zivilklage gegen Werner M. an, die noch nicht abgeschlossen ist. Herrmann hatte im Strafverfahren einen Tinnitus erlitten und forderte Schadenersatz. Vor allem aber erhoffte er sich neue Erkenntnisse. Im Zuge dessen befasste er sich erneut mit den Akten des Strafverfahrens. Er habe auch neue Hinweise erhalten. Vieles deute darauf hin, „dass es eigentlich gar nicht sein kann, dass er zum Täterkreis gehört“, so Herrmann. „Es müssen mehrere Täter gewesen sein.“

Herrmann ließ die Erpresserbriefe, die seine Eltern damals erhielten, untersuchen. Eine Expertin entdeckte darauf die Druckspur eines Wahrscheinlichkeitsbaums, eine Skizze aus der Stochastik, die am Gymnasium im Matheunterricht der Oberstufe gelehrt wird. Die neuen Indizien deuteten auf jugendliche Täter hin. Und die sollen im ehemaligen Landeserziehungsheim Schondorf, ein Elite-Internat am Ammersee, gelebt haben, glaubt er.

Michael Herrmann: „Man hätte weiterforschen müssen.“

Dort habe die Polizei, so Herrmann gegenüber dem Bayerischen Rundfunk, kaum ermittelt, obwohl früh eine wichtige Spur dorthin geführt habe. Ermittler hatten am Tatort einen grünen Klingeldraht gefunden, der als Warnsystem der Entführer benutzt worden sei. Im Januar 1983 tauchte der Draht bei zwei Schülern auf. „Man hätte weiterforschen müssen“, sagt der 55-Jährige.

Ursula Herrmanns Leiche wurde drei Wochen nach ihrem Verschwinden gefunden.

Bereits im Oktober vergangenen Jahres legte Michael Herrmann seine Hinweise der Augsburger Staatsanwaltschaft vor. „Mein Anwalt hat ein Schreiben hinterhergeschickt. Seitdem liegt das bei der Staatsanwaltschaft.“ Er könne nicht beurteilen, was man juristisch daraus machen könne, sagt er. „Ich sehe nur, dass die Sachlage neue Ermittlungen notwendig macht. Aber das macht die Staatsanwaltschaft bisher nicht. Man hat irgendwie den Eindruck, dass sie sich damit nicht beschäftigen möchte.“

Wiederaufnahme des Falls Ursula Herrmann? Es gibt rechtliche Hürden

Die Augsburger Staatsanwaltschaft äußert sich zurückhaltend: „Es sind Unterlagen bei der Staatsanwaltschaft eingegangen, die durch die anwaltliche Vertretung vergangene Woche telefonisch und mündlich ergänzt wurden“, sagt Oberstaatsanwalt Matthias Nickolai. „Es erfolgt die Prüfung, wie diese Unterlagen zu bewerten sind und in welcher Form sie strafrechtliche Relevanz haben.“

Einer Wiederaufnahme des Verfahrens stehen rechtliche Hürden im Weg, und der Verurteilte müsste sie selbst anstrengen. Werner M. sagt bis heute, dass er mit dem Tod von Ursula Herrmann nichts zu tun hatte. Zumindest ihr Bruder Michael glaubt ihm: „Ich gehe davon aus, dass der Mann unschuldig ist.“

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