Alles zum Prozess

Fall Peggy: Hier reicht ihre Mutter Ulvi K. die Hand

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Nebenklägerin Susanne K. (r.), die Mutter von Peggy, reicht Ulvi K. am 10. April vor Beginn des Wiederaufnahmeverfahrens die Hand. Neben ihr steht ihre Anwältin.

Bayreuth - Die Mutter der vermissten Peggy ist froh, dass wieder nach ihrer Tochter gesucht wird. Vor Prozessbeginn im Landgericht Bayreuth reichte sie dem Angeklagten Ulvi K. die Hand.

Der 36-jährige Angeklagte Ulvi K. wurde beim Betreten des Gerichtssaal von den Zuhörern mit Applaus begrüßt. Der geistig Behinderte wurde als Mörder Peggys zu lebenslanger Haft verurteilt - eine Leiche des damals neun Jahre alten Mädchens wurde aber nie gefunden.

So könnte sie heute aussehen: Mario S., Vater von Peggy, zeigt am 10. April 2014 vor Beginn des Wiederaufnahmeverfahrens vor dem Landgericht Bayreuth ein computergeneriertes Foto von Peggy.

Das Wiederaufnahmeverfahren im Fall der seit 13 Jahren spurlos verschwundenen Peggy hat mit schweren Vorwürfen gegen Polizei und Staatsanwaltschaft begonnen. Der Anwalt des Angeklagten Ulvi K., Michael Euler, warf der Sonderkommission vor dem Landgericht Bayreuth gravierende Pannen vor. Falschaussagen und fehlerhafte Ermittlungsergebnisse seien nicht erkannt worden. Für Ulvi K. entlastende Ergebnisse seien auf Nebenakten verteilt worden, ohne dies dem Gericht bei dem Prozess vor zehn Jahren mitzuteilen.

Prozess beginnt mit Foltervorwürfen

Die Ermordung der damals Neunjährigen aus dem fränkischen Lichtenberg hat der Angeklagte geleugnet. Sein Mandant bestreite das Tötungsdelikt und den ebenfalls angeklagten sexuellen Missbrauch des Mädchens, sagte sein Verteidiger Michael Euler. Das Geständnis des geistig Behinderten K. im ersten Prozess 2004 sei durch massiven Druck der Polizei entstanden.

Ulvi K., der derzeit wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern in der Psychiatrie sitzt, wurde im April 2004 als Mörder von zu lebenslanger Haft verurteilt. Eine Leiche wurde aber nie gefunden. Der Fall muss neu aufgerollt werden, weil beim ersten Prozess nicht bekannt war, dass die Ermittler eine Tathergangshypothese angefertigt hatten - sie war dem späteren Geständnis von Ulvi K. verblüffend ähnlich.

Hier lesen Sie eine Chronologie zum Fall Peggy.

Sein Verteidiger hat den Ermittlern Foltermethoden vorgeworfen. „Mein Mandant ist während der Vernehmung auch gefoltert worden“, sagte Anwalt Michael Euler. Ein Polizist habe damals mit seinem Daumen in den Rücken des Angeklagten gedrückt und ihm Schmerzen zugefügt. Die Staatsanwältin Sandra Staade wies den Folterverdacht zurück und warf Euler vor, sich im Ton vergriffen zu haben.

Euler bestritt außerdem, dass es die als Mordmotiv vermutete Vergewaltigung überhaupt gegeben haben kann. Sowohl Peggys Mutter als auch ihre Turnlehrerin, die das Mädchen kurz nach dem mutmaßlichen Übergriff gesehen hätten, hätten nichts Auffälliges an Peggy erkannt. Ulvi K. habe in den Vernehmungen zudem weder die Kleidung des Mädchens noch körperliche Auffälligkeiten richtig beschreiben können.

Belastungszeuge widerrief seine Aussage

Zudem widerrief ein wichtiger Belastungszeuge seine Aussage. Hierzu hat am Donnerstag ein früherer Ermittlungsrichter ausgesagt. Er schilderte vor Gericht, wie es zu einer verhängnisvollen Falschaussage gekommen war. Der mittlerweile gestorbene Zeuge hatte im ersten Prozess 2004 behauptet, der Angeklagte Ulvi K. habe ihm den Mord an der neunjährigen Schülerin Peggy gestanden. Im September 2010 widerrief er diese Behauptung gegenüber dem Ermittlungsrichter.

Der Jurist schilderte diese Wende so: „Bei seiner Vernehmung berichtete er mir, es sei ihm von der Polizei nahegelegt worden, zu sagen, Ulvi K. habe das Mädchen erdrosselt.“ Dem Mann sei als Gegenleistung angeblich versprochen worden, aus der Psychiatrie frei zu kommen, in der er zusammen mit Ulvi K. saß. „Dass es so ein Angebot gab, glaube ich persönlich allerdings nicht, könnte mir aber vorstellen, dass er sich das eingebildet hat.“

Seine Falschaussage habe den 55-jährigen Mann später sehr belastet, berichtete der Zeuge. Sein Rechtsbeistand soll ihm aber geraten haben stillzuhalten, bis die Falschaussage verjährt sei. Erst als bereits todkranker Mann habe er dann reinen Tisch gemacht.

Aus Angst vor Gefängnis Geschichten erzählt

"Mein Mandant ist während der Vernehmung auch gefoltert worden": Diesen Vorwurf erhob Ulvi K.s Anwalt Michael Euler am Donnerstag vor dem Landgericht Bayreuth. Dort wird der Fall Peggy neu aufgerollt.

Euler hält seinen Mandanten Ulvi K. für ein Justizopfer: „Denn es ist nur schwer zu glauben, dass ein geistig Behinderter das perfekte Verbrechen begangen haben soll. Ohne Leiche. Ohne Spuren“, sagte der Verteidiger vor Prozessbeginn.

Wer sich die Mühe mache, die rund 14.000 Aktenseiten durchzuarbeiten, erhalte ein ganz anderes Bild von dem „an Komplexität kaum zu übertreffenden Fall“, sagte Euler vor Gericht. Ulvi K. habe bei seinen damaligen Vernehmungen insgesamt vier völlig widersprüchliche Geständnisse abgelegt. Euler zitierte aus einem psychiatrischen Gutachten, wonach Ulvi K. die Begabung habe, selbst Lügengeschichten äußerst fantasiereich zu erzählen. Die Geständnisse seien solche Fantasiegeschichten gewesen.

In dem Fall tritt auch Peggys Mutter als Nebenklägerin auf. Durch ihre Anwältin ließ sie erklären, sie sei dankbar für den neuen Anlauf. "Wir hoffen, dass am Ende ohne Zweifel feststeht, was passiert ist", sagte Rechtsanwältin Ramona Hoyer. Außerdem sehe es ihre Mandantin als großes Glück, dass nach ihrer Tochter nun wieder gesucht wird - damit habe sie es besser als andere Eltern von vermissten Kindern.

Am 7. Mai 2001 war die Schülerin Peggy im oberfränkischen Lichtenberg spurlos verschwunden. Ulvi K. nannte den Ermittlern verschiedene Orte, wo er Peggys Leiche entsorgt haben wollte. Doch an keiner Stelle wurde das Mädchen gefunden.

Fotos aus dem Gerichtssaal

Fall Peggy: Fotos aus dem Gerichtssaal

Ulvi K. habe aus panischer Angst vor dem Gefängnis die Geschichten erzählt, sagte Euler. Die Beamten hätten ihn teils mit Schokolade zu Aussagen überredet. Immer wieder sei ihm eingeredet worden, er müsse nicht ins Gefängnis, wenn er nur die Wahrheit sage. Der Gastwirtssohn, der damals das geistige Niveau eines Zehnjährigen gehabt habe, sei nach den Befragungen immer „fix und fertig“ gewesen. Er habe am ganzen Körper gezittert und mit Medikamenten beruhigt werden müssen. „Selbst jemand, der nicht geistig behindert ist, gibt in so einer Situation vieles zu“, sagte Euler.

Zehn Verhandlungstage angesetzt

Staatsanwalt Daniel Götz verlas zum Auftakt - von wenigen Ausnahmen abgesehen - die gleiche Anklageschrift wie beim ersten Prozess vor zehn Jahren. So sehen es die Regularien für ein Wiederaufnahmeverfahren vor. Die Strafkammer am Landgericht Hof war vor zehn Jahren davon überzeugt, dass Ulvi K. die Schülerin zunächst auf einem Feldweg verfolgte und ihr dann so lange Mund und Nase zuhielt, bis sie sich nicht mehr rührte. Mit diesem Mord habe er einen vier Tage zuvor begangenen sexuellen Missbrauch an Peggy vertuschen wollen, hieß es im Urteil.

Staatsanwältin Sandra Staade entgegnete Euler, er habe nur die für seinen Mandanten entlastenden Fakten aus den Ermittlungsakten erwähnt. Einiges sei auch falsch geschildert worden. Für das Verfahren sind zunächst zehn Verhandlungstage angesetzt.

Speziell ausgebildete Beamte erstellen Tathergangshypothesen

Eine Tathergangshypothese, wie sie die Ermittler im Fall Peggy aufstellten, wird in Deutschland seit den 80er Jahren bei der Operativen Fallanalyse eingesetzt. Das Bundeskriminalamt sieht Tötungsdelikte und sexuelle Gewalttaten als klassische Anwendungsbereiche für Fallanalysen.

In einem Analyseteam arbeiten mindestens drei speziell ausgebildete Beamte. Nur gesicherte Falldaten und Informationen zum Opfer sollen ihnen als Basis für die Arbeit dienen. Dabei wird nach einer Besichtigung des Tatortes schrittweise der Tatablauf rekonstruiert. Danach wird geprüft, wie das Verhalten des Täters den Fall prägte.

In einem weiteren Schritt wird der Fall als Ganzes charakterisiert: Handelt es sich mehr um eine geplante oder um eine spontane Tat? Welche Kriterien waren für die Opfer-, Tatzeit- und Tatortauswahl maßgeblich? Daraus treffen die Ermittler Ableitungen zum möglichen Täter, um weitere Ermittlungen und Fahndungen bündeln zu können. Bei der Analyse müssen sie berücksichtigen, ob der Hergang eindeutig feststeht, oder ob verschiedene Tathergangshypothesen möglich sein können.

Soll ein Täter überführt werden, können sich die Ermittler nicht allein auf fallanalytische Tathergangshypothesen stützen: Bei einer Gesamtwürdigung aller Beweise kann eine fallanalytische Wahrscheinlichkeitsaussage aber - wie auch einzelne Indizien oder Zeugenaussagen - zu einer Verurteilung beitragen.

Hier sucht die Polizei nach Peggys Leiche

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dpa/AFP

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