Wo war nur sein Schutzengel?

Familienvater (35) stirbt bei Explosion

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Jeden Tag besucht Olgica das Grab ihres Mannes in Puchheim. "Es soll immer eine Kerze für ihn brennen."

München - Ende Januar, an einem Montag, sah Olgica (39) ihren Mann zum letzten Mal.

Sie saßen zusammen in der Küche, tranken Kaffee, redeten. Es war gegen sechs Uhr Früh – es war wie immer, wenn Matthias K. auf Montage fuhr: Um halb sieben stand er auf, küsste seine Frau, umarmte sie. „Bin am Mittwochabend wieder da, Schatz“, sagte er. Dann nahm er seine Reisetasche und schloss die Tür hinter sich. Matthias K. kam nicht zurück. Der 35 Jahre alte Puchheimer starb einen Tag später bei einer Explosion auf der stillgelegten Rastanlage „Piding Nord“.

Gegen 8.50 Uhr sollte Matthias K. am 29. Januar mit Kollegen die unterirdischen Treibstofftanks der Rastanlage reinigen. Alle dachten, in dem Tank sind nur noch Reste von Diesel – sie irrten sich. Es war Benzin. Hochexplosiv. Am Anfang versucht der 35-jährige Hilfsarbeiter noch, die Schrauben an den Tanks mit der Hand zu lösen. Doch es klappt nicht: Sie sind eingerostet. Deshalb will Matthias K. die erste Schraube mit einer Flex trennen. Bruchstücke von Sekunden, dann entzündet ein Funke das Gasgemisch in einem Tank.

Die Explosion schleudert Matthias K. durch die Luft. Sein Körper prallt 70 Meter weiter auf den Asphalt der A 8,. Die Rechtsmediziner stellen später fest, bei dem Aufprall war der Familienvater bereits tot: Die Druckwelle hatte seine Organe und seinen Körper zerstört.

Ein Lkw-Fahrer kommt wenige Zentimeter vor der Leiche zum Stehen. Es bilden sich Kilometer lange Staus, die Salzburger Autobahn ist stundenlang gesperrt. Die Kollegen von Matthias K. stehen unter Schock, sie haben gesehen, wie ihr Kamerad durch die Luft geschleudert wurde.

Drei Stunden nach dem Unfall klingeln zwei Polizisten an der Wohnungstür von Olgica K. „Sind Sie die Frau von Matthias K.?“ Sie nickt, dann setzt sie sich. „Ihr Mann ist tot. Es gab eine Explosion auf der Rastanlage“

Olgica K. hört die Stimmen der Polizisten, aber sie versteht nicht, was sie sagen. „Nein, das kann nicht sein. Er kommt morgen Abend wieder“, stammelt Olgica K. Dann weint sie, schreit, läuft durch alle Zimmer der Wohnung .

Zwei Stunden später kommt ihr Sohn Maik (15) von der Schule. Olgica K. stellt das Mittagessen auf den Tisch. Sie erzählt nichts. Sie kann nicht. „Ich habe es selbst noch nicht glauben können.“ Am nächsten Tag geht sie nachmittags zu Maik ins Zimmer. „Dein Vater ist tot, es gab eine Explosion.“ Als sie das Zimmer verlässt, starrt Maik aus dem Fenster. Sein Vater kommt nicht mehr zurück.

Sechs Wochen ist Matthias K. nun tot – seit sechs Wochen steht seine Familie vor dem Nichts. Olgica K. musste Hartz IV beantragen. Eine Witwenrente bekommt sie nicht: Vor einigen Jahren hatte sie sich von ihrem Matthias scheiden lassen. Als die Scheidung durch war, fand das Paar wieder zueinander. In diesem Jahr wollten Matthias und Olgica nochmal heiraten. „Wir konnten nicht ohne den anderen leben. Es war Liebe.“

Olgica und ihr Sohn Maik suchen jetzt eine Wohnung. Eine kleinere, eine, die nicht so teuer ist. „Das Geld ist knapp. Ich weiß nicht einmal, wie ich den Grabstein bezahlen soll“, sagt Olgica. Sie sitzt auf der Wohnzimmercouch. Dort hat sie oft mit „ihm“ gesessen, „er“ hat ihre Hand gehalten. Heute liegt ein blauer Fleecepullover auf „seinem“ Platz, „er“ hat ihn zuletzt getragen. Olgica K. hat eine Kerze angezündet für ihren Mann. Sie waren fast zwanzig Jahre zusammen. „Es ist, als wäre er nur auf Montage. Ich habe immer das Gefühl, er kommt gleich zur Tür herein und nimmt mich in den Arm“, sagt Olgica. Dann streicht sie mit der Hand über den blauen Fleecepullover – und wieder füllen sich ihre Augen mit Tränen. „Wo war nur sein Schutzengel?“

Jacob Mell

Quelle: tz

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