Festspiele Bayreuth: Parsifal im Deutschen Bundestag

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In der Neuinszenierung von Parsifal spielt Christopher Ventris den Parsifal.

Bayreuth - Kann man irgendwo auf den Bühnen der Welt noch Buhs provozieren, wenn man in Wagners Werk die Nazi-Karte spielt?

Wenn man im zweiten Parsifal-Akt, wo das schauerliche Zauberreich des bösen Klingsor dargestellt wird, Hakenkreuzfahnen und Nazi-Adler zeigt? Man kann. Auf dem Grünen Hügel gab es Buhs.

Die gute Nachricht: Es war nur ein Zuschauer, doch der brüllte gnadenlos in die Musik. Der Mann sollte sich warm anziehen in den nächsten Jahren. Denn es scheint fast so, als könnte nach Jahren des oft genug selbstgenügsamen Stillstandes in Bayreuth eine packende, zwingende und zeitgemäße „Werkstatt Wagner“ entstehen. Stefan Herheims Parsifal bringt zumindest so ziemlich alles mit, was man an Kreativität, Lust, Magie und genauer Kenntnis der Partitur mitbringen kann.

Mit Vorgänger Schlingensiefs Parsifal-Deutung eint ihn eine extrem bunte Bühne und Video-Einspielungen – sonst nichts. Während Schlingensief durchaus überzeugend den Parsifal als Anti-Oper begriff, versucht Herheim, das „Bühnenweihfestspiel“ so opernhaft wie möglich zu gestalten – mit verschiedenen Zeitebenen, permanenten Bühnen-Umgestaltungen (wohl noch nie waren die Bayreuther Bühnenarbeiter so gefordert wie hier), Personen-Doppelungen. Sehr mutig, was der junge Norweger da auf die Beine gestellt hat. Und sehr erfolgreich: Viele, viele Bravos. Der Grüne Hügel blüht.

Und das ist schon fast ein Wunder – denn Herheim packt so ziemlich alles in Wagners letztes Werk, das als einziges ja genuin für sein Bayreuther Festspielhaus komponiert worden war: einen historischen Abriss in Räumen aus der Gründerzeit (Villa Wahnfried von innen) und Videos zum Ersten Weltkrieg (beides in Akt I) über den Untergang des Dritten Reichs (Akt II) bis zum Heute, das im Bundestag spielt (Akt III). Der Erlösungs-Schluss ist genial und sollte unserer anwesenden Kanzlerin zu denken geben: Wir alle, so die Spiegel-Reflexionen auf der Bühne ins Publikum, sind verantwortlich für eine heile Welt, für den Einklang von Natur und Mensch – kein Happy End, sondern die Idee einer Utopie. Falls die Regie gefruchtet hat, wird Angela Merkel nach ihrer Sommerpause über eine Verlängerung der AKW-Laufzeiten noch mal nachdenken. Wer’s allerdings glaubt, hat zumindest Parsifal’sche Züge …

Doch der historische Aspekt ist nur einer von dreien: Die Hauptsache ist das psychologische Moment, und hier gelingt Herheim durch einfache, aber faszinierende Kunstgriffe Ergreifendes. Parsifal wird auch als Knabe gezeigt und sogar seine Mutter Herzeleide (die ja bei Wagner nur in Erzählungen vorkommt) ausinszeniert. Ihre Krankheit, ihre Angst, ihren wilden Racker zu verlieren, der sich immer wieder gegen allzu große mütterliche Fürsorge wehrt.Nur so wird wirklich nachfühlbar, wie perfide Kundry im zweiten Akt Parsifal verführen will – indem sie auf seine Mutter und das Leid anspielt, das das Kind einst der Mutter mit seiner Flucht zugefügt hat. Alles überragend ist die Zeichnung Amfortas’ als wirklich zu Tode Leidender. Er trägt die Züge Christi, wird mit einer Art Dornenkrone gezeigt, sieht aus wie ein drastisches barockes Porträt.

Und schließlich Herheims Lust an der Geschichte: Er erzählt von dunkler, mythischer Zeit und findet mächtige, packende Bilder en masse: Die Gralsszene im ersten Akt könnte man durchfotografieren und zu Postern vergrößern – keines wäre langweilig! Herheim lässt den Zauber walten und verrät ihn nicht an seine Intellektualität. Kostüme (Gesine Völlm), Bühnenbild (Heike Scheele), Licht (Ulrich Niepel) und großteils auch die Video-Sequenzen (Momme Hinrichs/Torge Möller) fügen sich zu einem – und hier hat der ausgelutschte Begriff mal seine Berechtigung – Gesamtkunstwerk. Wagner würde nicht Buh rufen. Hier nicht.

Bei Daniele Gattis Dirigat vielleicht schon. Der italienische Maestro zelebriert das, wofür er zu Recht berühmt ist: allerfeinste Klangabstufungen, Delikatesse. Doch was hilft das, wenn die Sänger, die Musiker über den oft zu langsamen Tempi verhungern? Wenn Gatti über ein gepflegtes Musizieren kaum hinauskommt, die radikalen Harmonien nicht plastisch werden lassen, das durchaus auch vorhandene Feuer nicht entfachen kann?

Der tief berührende Darsteller Detlef Roth als Amfortas bringt einen schön gerundeten Bariton mit, muss aber bis zur Erlösung langen Atem haben. Kwangchul Youn, ein kerniger, voller, aber nie protziger Gurnemanz bewältigt seine Partie ebenso wohllaut wie Christopher Ventris, dessen Parsifal geschmeidig und warm den Raum füllt. Thomas Jesatko überzeugt stimmlich und darstellerisch voll und ganz als Klingsor, und Mihoko Fujimura leidet zwar ab und zu an leichtem Höhenkoller und könnte ihre Kundry noch vielfarbiger gestalten, ist aber insgesamt überzeugend – wie auch Diógenes Randes als Titurel. Eines kann man Gatti allerdings nicht absprechen: Dass er die Sänger übertönen würde, die alle eher Leichtgewichte sind. Jetzt noch die Tempi ein wenig anziehen, und das fabelhafte Orchester: Der starke Chor und die Sänger wären erlöst.

Quelle: tz

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