Stadt vor dem Kollaps

Freilassings Bürgermeister: Hilfe, meine Stadt blutet aus

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Der Flüchtlingsstrom in Freilassing lässt nicht nach.

Freilassing - Aufgrund der Flüchtlingskrise ruft der Bürgermeister von Freilassing um Hilfe. Josef Flatscher (CSU), zunächst optimistisch, sieht nun seine Stadt "ausbluten".

Noch Mitte September, als Freilassing (Landkreis Berchtesgadener Land) wegen des Flüchtlingsansturms plötzlich Grenzkontrollen bekam und zum Drehkreuz für Flüchtlinge wurde, gab sich Bürgermeister Josef Flatscher (CSU) zuversichtlich: „Wir haben das im Griff.“ Obendrein bestand die Aussicht, dass das Städtchen mit Ende des Oktoberfests durch den Einsatz der Münchner wieder entlastet wird. Jetzt, sechs Wochen und rund 50.000 Flüchtlinge später, herrscht in der Stadt im Rupertiwinkel Verunsicherung, Erschöpfung, Enttäuschung, purer Frust. So sehr, dass Flatscher ein „Ausbluten einer Stadt“ befürchtet.

In einem Brief, eher einem Hilfeschrei an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und zahlreiche andere Politikern, schildert er die gesellschaftlichen Einschnitte in seiner Stadt. Von freiwilligen Helfern und Ärzten, die teils ihren Jahresurlaub opfern, ist da die Rede, die zugleich sagen: „Wir sind schon lange am Limit.“ Oder von der Grenzkontrolle, „die Freilassing in seinen Grundfesten belastet“.

Flüchtlingskrise: Alles blickt nach Passau, Freilassing fühlt sich allein gelassen

Während derzeit alles nach Passau, Wegscheid und Simbach blickt, hält der Zustrom der Flüchtlinge nach Freilassing ununterbrochen an. Hier kommen die Leute unter, werden versorgt, kommen binnen 48 Stunden vom Bahnhof aus weiter nach ganz Deutschland. Die Bundespolizei in Rosenheim berichtet von einem Schnitt von 1000 Menschen am Tag, mal mehr, mal weniger. Sie alle werden in kleinen Gruppen über das Saalachwehr geleitet. Doch hin und wieder kommt es auch zu einem Ansturm, so wie Mitte der Woche, als die Notunterkunft in einem ehemaligen Möbelhaus mit über 1240 Frauen, Männern und Kindern übervoll war und auf Salzburger Gebiet 1600 Flüchtlinge auf die Einreise warteten.

Wie sich der Ort wirtschaftlich wie atmosphärisch binnen sechs Woche verändert hat, stellt der Bürgermeister in einigen Punkten gegenüber (siehe Kasten). Und er spricht unbequeme Fragen an, wie lange etwa Ärzte, Hilfsorganisationen und Bundespolizisten den Schichtdienst fortsetzen könnten. Wie Flüchtlinge menschenwürdig versorgt werden könnten, wie lange sie alleine bleiben müssten mit traumatischen Erlebnissen, ohne psychologische Betreuung. Flatscher: „Die viel zu lange, abwartende Haltung löst leider keine Probleme, schon gar nicht die, die wir täglich lösen müssen.“ Ein Ansatz könnte seiner Meinung nach sein, dass Grenzkontrollen und Flüchtlingstransporte von Österreich aus durchgeführt werden. „Fünf Wochen oder mehr in Freilassing sind genug!“ Ansonsten ist der Ausblick düster. Flatscher schätzt: Sollte die Krise in diesem Maß weiter anhalten, „wird unsere die Stadt dauerhaft (…) zerstört“. Eine Antwort auf das Schreiben gibt es übrigens noch nicht...

Markus Christandl

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