„Haustrunk“ der Brauereien im Visier der Drogenbeauftragten

Flüssiger Lohn soll abgeschafft werden

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Eine gewisse Menge Bier und andere Getränke dürfen Brauerei-Mitarbeiter jeden Monat kostenlos mitnehmen.

80 Liter Bier oder alkoholfreie Getränke dürfen Mitarbeiter der Brauerei Reutberg im Monat kostenlos mit nach Hause nehmen. Bierproduzenten in der Region pflegen die „Haustrunk“- Tradition – aber genau die will die Drogenbeauftragte der Bundesregierung jetzt abschaffen.

Bad Tölz/Sachsenkam – Alkohol darf kein Lohnbestandteil sein, findet Marlene Mortler (CSU). „Das Zahlungsmittel in Europa ist der Euro“, sagt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung. Ihre Kritik zielt auf den sogenannten „Haustrunk“ ab, der im Brauwesen sogar in Tarifverträgen festgelegt ist. Brauereimitarbeiter dürfen demnach Bier und alkoholfreie Getränke für den Eigenbedarf einpacken und kostenlos mit nach Hause nehmen. Die Menge legen die Betriebe fest.

80 Liter im Monat stehen den Angestellten der Brauerei Reutberg zur Verfügung – über fünf Flaschen pro Tag. „Das ist eine gute Sache“, sagt Geschäftsführer Stephan Höpfl. Sie erinnert ihn an die Naturalienentlohnung früherer Tage. „So haben die Mitarbeiter was vom eigenen Produkt.“ 16 seien es in Reutberg – Brauer, Bierfahrer, Lager- und Bürokräfte. Manche arbeiten Teilzeit und bekommen dementsprechend weniger Freibier. „Bei uns nehmen die Leute aber eh vor allem alkoholfreie Getränke mit, Wasser, Limo, Apfelschorle“, sagt Höpfl.

Die Drogenbeauftragte habe Steuereinnahmen im Sinn: Das glaubt zumindest Achim Bürklin, Chef des Mühlfeldbräu. Der Haustrunk – 30 Liter pro Person und Monat – ist nämlich auch an der Tölzer Bahnhofstraße steuerfrei. Nach einer Abschaffung müssten die Brauerei-Mitarbeiter das eigene Bier kaufen. „Bei uns macht das nicht viel aus, bei größeren Unternehmen aber schon“, sagt Bürklin und befindet: „Eine ganz linke Sache.“

Auch sein Braumeister Sebastian Heuschneider versteht Mortlers Aussagen nicht: „Das ist kein Problem, das den Alkoholismus befördert.“ Die beiden Lehrlinge fragen Heuschneider ab und an, ob sie ein Tragerl mitnehmen dürfen. Auch für Praktikanten springt ein Six-Pack auf „Haustrunk-Rechnung“ raus. „Das wird dann gleich notiert“, sagt der Braumeister. In Reutberg müssen die Mitarbeiter Getränke-Marken im Büro abgeben, wenn sie sich und ihre Familien versorgen.

Wird so etwas nicht ausgenutzt? „Nein“, sagt Reutberg-Chef Höpfl sofort kategorisch. „Ich trinke nicht jeden Tag eine Mass, nur um auf meinen Haustrunk zu kommen“, sagt Heuschneider. Wenn jemand wirklich 30 Liter Bier im Monat mitnähme, würden die Kollegen schon mal nachfragen.

Wie Heuschneider hat auch „Binderbräu“-Brauer Andreas Forstner einst bei „König Ludwig“ in Holzkirchen gearbeitet. Einen Getränkemarkt sah er zu dieser Zeit fast nie von innen. Mit Wasser und Spezi deckte er sich ein, manchmal habe er einen Kasten Bier mitgenommen, zum Beispiel als Geburtstagsgeschenk. Teilen ist erlaubt. Wer den Haustrunk allerdings weiterverkauft, dem droht die fristlose Kündigung. Heuschneider nutzt den Lohnanteil als Geschenk – „zum Beispiel, wenn ein Freund mal das Auto repariert“.

Beim Tölzer „Binderbräu“ gibt es keinen flüssigen Lohn. Noch nicht: „Wir wollen demnächst einem mittelständischen Brauerverband beitreten“, sagt Inhaber Andreas Binder. Dann werde auch der Haustrunk eingeführt, die Menge lege man in Absprache mit den beiden Braumeistern fest: „Das ist doch eine Motivation für die Brauer, es besonders gut zu machen.“

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