Modeschöpferin Laura Biagiotti gestorben

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Deggendorfer dürfen wieder heim

Flut-Opfer: Bitte lasst uns nicht allein!

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Christine Pfeffer steht vor ihrem Haus in der Siedlungsstraße in Natternberg. „Alles in meinem Haus ist nur noch Müll“, sagt sie.

Natternberg - Die Bewohner des Deggendorfer Stadtteils Natternberg sind nach dem Hochwasser in ihre Häuser zurückgekehrt. Sie stehen vor einem Chaos.

Die Sonne brennt – und es stinkt: Nach Moder, fauligem Schlamm und nach Öl. Kopfschüttelnd blickt Christine Pfeffer auf den riesigen Müllhaufen in ihrem Vorgarten. Möbel, Geschirr, Töpfe, ganz oben liegt ihr antiker Schrank. „Alles kaputt“, sagt die 52-Jährige leise. Dann blickt sie die Straße hinab – es ist die Siedlungsstraße im kleinen Natternberg. Vor jedem Haus stehen Trümmerhaufen. Menschen werfen ihr zerstörtes Hab und Gut aus den Fenstern. „Sieht aus wie im Krieg, oder?“, fragt Christine Pfeffer, ohne eine Antwort zu erwarten. Dann packt sie ihre Schaufel und geht wieder ins Haus.

Natternberg – seit Wochen hört man diesen Namen immer wieder in den Nachrichten. Den idyllischen Ortsteil Deggendorfs mit all seinen Einfamilienhäusern traf die Flut mit am härtesten. Am 4. Juni mussten hier hunderte Bewohner aus den Gebäuden evakuiert werden, weil das Hochwasser das Dorf teils regelrecht untergehen ließ. „Wir hatten nicht einmal Zeit, irgendetwas mitzunehmen“, erzählt Christine Pfeffer. „Es standen plötzlich Einsatzkräfte da und sagten, wir müssten sofort mitkommen.“ Nur ein wertvolles Geschirrset – ein Familienerbstück – packte sie noch in eine Tasche, dazu die Pässe, die Papiere – das war’s. „Es war wie in einem schlechten Film.“

Gut zwei Wochen ist das nun her. Am Sonntagnachmittag und am Montag konnten die Bewohner der Siedlungsstraße nun erstmals wieder zurück zu ihren Häusern. Das Wasser hatte sich hier und im benachbarten Fischerdorf endlich soweit zurückgezogen, dass man wieder Fuß in die eigenen vier Wände setzen konnte. Doch der Anblick war für viele nichts als ein Schock: „Alles ist voller Schlamm, alles ist zerstört – und du stehst da und bekommst kaum noch Luft“, schildert Ernst Seiner die Situation. Auch er hat ein Häuschen in der Siedlungsstraße, mit feschem Holzbalkon und Rosengarten. Nun klebt sogar auf den Blättern der Blumen eine Schlammkruste. Sein Garten ist noch immer eine riesige stinkende Pfütze. Und seit Stunden drischt der 61-Jährige die Fliesen in seiner Küche von der Wand. „Ich muss das ganze Innere neu verputzen“, erzählt er dabei. „Den ganzen ersten Stock.“ Der Schaden? Er wird in die Zehntausende gehen. Versichert ist hier keiner. Eine Schmutzlinie direkt unterhalb der Decke zeigt, wie hoch bei ihm die Dreckbrühe stand. „Wissen Sie, das war mein Lebenswerk, dieses Heim. Jahrelang bin ich auf Montage gegangen, um mir das hier ermöglichen zu können“, erzählt der gelernte Schachtmeister. „Und dann musst du plötzlich wieder vor vorne anfangen. Ein Wahnsinn!“

Wassermassen gehen zurück: Deggendorf nach der Flut

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Draußen fährt in diesem Moment ein Verpflegungswagen vor. Ja, die Feuerwehren aus der gesamten Region haben sich um alles gekümmert, um den Betroffenen zur Seite zu stehen: Da werden Getränke vorbeigebracht, Essen, gespendete Putzmittel sowie Kleidung, Schläuche und Stromaggregate – und natürlich Helfer. „Wir vermitteln auch die“, sagt Reinhard Janka, der Erste Kommandant der Natternberger Feuerwehr. Alle Freiwilligen, die anpacken wollen, laufen sozusagen in einer Zentraldatei ein und werden dann den betroffenen Haushalten zugeteilt. Ob es Helfer gibt? „Bisher jede Menge, die Hilfsbereitschaft ist riesig“, so Janka. „Und diese Unterstützung gibt allen hier natürlich sehr viel Kraft.“

Ohne Freiwillige wüsste auch Linda Zankl nicht, was sie machen sollte. Seit den Morgenstunden schaufelt sie nun schon mit ihrer Familie das Haus der Schwester frei. „Ich bin die einzige, deren Heim verschont geblieben ist, weil es am Hang liegt“, erklärt sie. Zwölf Leute wohnen daher zur Zeit bei ihr. Die Schwester, der Bruder, die Mama – samt Anhang. Wie lange noch? Das weiß keiner hier so genau. „Jetzt müssen wir halt zusammenrücken.“ Sogar ihr kleiner Neffe Lukas (5) wollte mit zum „Hochwasser-Haus“, um kräftig anzupacken. „Aber wir haben ihn lieber in den Kindergarten gebracht. Man weiß ja nicht, was alles in der Brühe hier schwimmt.“ Am Straßenrand hat die Feuerwehr Mülltonnen für Tierkadaver aufgestellt. Viele sind voll. „Es wird noch eine Weile dauern, bis hier wieder Kinder spielen“, fügt Linda Zankl an.

Dauern – das wird es wohl. Monate sicherlich. Aber die Menschen hier, das merkt jeder schnell, haben keine Angst vor der harten Aufräumarbeit. „Irgendwie bekommen wir das hin“, sagt ein Anwohner. Und über manche Probleme können sie gar Schmunzeln: eine Mückenplage wegen des Hochwassers? „Das ist ganz sicher unser kleinstes Problem“, sind sich alle einig. Nur eins fürchten hier alle: das Alleinsein. „Ich hoffe, uns hat man in ein, zwei Wochen nicht vergessen“, sagt Christine Pfeffer. Dann blickt sie die Siedlungsstraße in Natternberg hinab. Die Sonne – sie brennt.

Armin Geier

Ein großes Lob an alle Helfer

Die Flutgebiete bei Natternberg – unser tz-Redakteur Armin Geier (oben im Bild) war mittendrin und sprach mit vielen Flutopfern. Ein ganz besonderer Einsatz, wie der Journalist später in der Redaktion erzählte: „Ich habe noch nie soviel Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit erlebt. Egal, ob Polizist, Feuerwehrmann oder freiwilliger Helfer – alle machen sich zusammen mit einem Lächeln an diese riesigen Aufräumarbeiten. Es war wirklich beeindruckend“, so unser Redakteur. „Kein Wort des Ärgers, der Wut.“ Auch die Betroffenen zeigten Optimismus – trotz der immensen Zerstörung überall. „Da merkt man wirklich, wie wir Bayern alle zusammenstehen können in harten Zeiten. Für mich war dies ein wichtiges Erlebnis.“

Soviel Hilfe soll es geben

Acht Milliarden Euro an finanzieller Hilfe will der Bund für alle Flutopfer per Fond bereitstellen. Dies ist schon beschlossene Sache. Wie das Geld verteilt werden soll? Gutachter sollen sich in den nächsten Tagen und Wochen ein Bild von den Schäden in den Hochwassergebieten machen. Dann wird entschieden, wie viel welche Familie bekommt. Keine Frage – das wird dauern. Besonders, da manche Bundesländer nun schon beginnen, um ihre Summe zu feilschen. So wollen Länder, die von der Flut nicht betroffen sind, plötzlich weniger in den Fond (den Bund und Länder je zur Hälfte tragen) einzahlen. Immerhin deutete Finanzminister Wolfgang Schäuble gestern an, dass der Staat erst in Vorkasse gehen werde. Fakt ist: Die vielen Geld-spenden werden bei bei den Betroffenen wohl schneller ankommen als die Hilfe vom Bund.

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