Am Gipfel Klimawandel pur

Bald hat die Zugspitze wohl keinen Schnee mehr

Grainau – Auf der Zugspitze zeigt der Klimawandel seine grässliche Fratze. Der Gletscher verschwindet zunehmend. Die Forschungsstation, das Schneefernerhaus, versucht Wege zu finden, um dies zu verhindern.

Unten am Sonnalpin auf der Zugspitze düsen noch ein paar Menschen mit dem Bob die Piste hinunter. Das geht gerade noch. Ein paar hundert Meter weiter oben wäre das undenkbar. Statt Schneedecke prägt ein Fleckerlteppich aus viel Grau und wenig Weiß das Landschaftsbild. Kahle Felsen dominieren Deutschlands höchsten Berg. Der Gletscher verabschiedet sich. Und zwar im Eiltempo. „Pro Tag verliert er in etwa soviel Wasser, wie die Stadt Augsburg benötigt“, sagt Markus Neumann, einer der Geschäftsführer der Umweltforschungsstation Schneefernerhaus. „In zehn Jahren wird ein Großteil weg sein.“

Der Klimawandel in den Alpen spielt dort oben auf rund 2650 Metern kein Versteckspiel. Das wurde gestern Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) und der bayerischen Umweltministerin Ulrike Scharf (CSU) mehr als bewusst. Anlässlich der deutschen Präsidentschaft der Alpenkonferenz statteten sie der Forschungsstation einen Besuch ab. Der passt in Scharfs Vorhaben. Die bayerische Politikerin hat mit Blick auf die Weltklimakonferenz in Paris 2015 im Freistaat zum Jahr des Klimas ausgerufen. „Wir forschen heute für die Welt von morgen“, verdeutlichte sie. Deshalb ist das Schneefernerhaus und die Arbeit, die dort geleistet wird, ihr ganzer Stolz. „Das ist die Himmelsfiliale des bayerischen Umweltministeriums.“

Schon jetzt versichert Scharf, dass sich die Einrichtung weiterhin auf Unterstützung verlassen kann. Die gewonnenen Erkenntnisse bereiten aber nicht immer Grund zur Freude. Gerade wenn es um den Fortbestand der Gletscher geht, sind sie alarmierend. Denn im Alpenraum ist die Temperatur in den vergangenen 100 Jahren mit 1,5 Grad doppelt so stark gestiegen wie im globalen Durchschnitt. Die Folge hört sich heute noch wie eine Szene aus einem Science-Fiction-Film an. In 20 bis 30 Jahren könnten alle bayerischen Gletscher verschwunden sein. Ein Schreckensbild, das Neumann nicht widerlegt. „An so einem heißen Tag wie heute“, sagt er, „rauscht das Wasser runter wie ein richtiger Gebirgsbach.“ Dieser Prozess lässt sich nicht mal mehr mit dem Versuch beheben, mit Planen das Abschmelzen zu verhindern. „Das machen wir seit zwei Jahren nicht mehr.“ Die ganze Hoffnung, den fortschreitenden Klimawandel einzudämmen, liegt in der Forschung. Das Schneefernerhaus betreibt diese laut Scharf auf „höchstem Niveau“, sei ein Kronjuwel.

Im Gegensatz zu Hendricks kennt Scharf das Haus, in dem früher Hotelbetrieb herrschte, schon von früheren Besuchen. Für die Bundesumweltministerin war es die erste Stippvisite. Umso genauer nahm sie die einzelnen Stationen unter die Lupe und marschierte zum Beispiel durch den tropfenden Permafrost-Stollen. In Kurzfassung, aber dennoch detailliert, erklärten die Wissenschaftler ihre aktuellen Forschungsarbeiten zu den Entwicklungen der Pflanzenarten oder zu Messtechniken bezüglich der Treibhausgase. Gerade letzteres Thema beschäftigte die beiden Frauen. „Wir haben das Ziel, bis 2050 den CO2-Ausstoß im Gegensatz zu 1990 um 80 bis 95 Prozent zurückzufahren“, betonte Hendricks auf der sonnengefluteten Terrasse. Dass beim G7-Gipfel in Schloss Elmau diese Absicht ebenfalls fokussiert wurde, bestärkt sie. „Angela Merkel hat ein klares Bekenntnis zum Klimaschutz gegeben.“

Bayern geht diesen schweren, aber nötigen Weg mit. Auf zwei Tonnen pro Kopf im Jahr solle der Treibhausgas-Ausstoß Scharf zufolge sinken. Damit spricht sie Markus Reiterer, Generalsekretär der Alpenkonvention – einem Übereinkommen zum Schutz der Alpen – aus der Seele. Die Zeiten, in denen man die Augen vor dem Klimawandel verschließen kann, sind seiner Meinung nach vorbei. „Das ist kein Glaubensbekenntnis“, sagt er. „Wir müssen uns ihm widmen.“ Für die nächsten Generationen, „die das ausbaden müssen, was andere verschuldet haben.“

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