1. tz
  2. Bayern

Frankreich kauft massiv Strom ein, weil Atommeiler ausfallen - mit Folgen für Bayern

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Klaus-Maria Mehr

Kommentare

Atomkraftwerk in Cattenom: Auch ein Reaktor im französischen Kraftwerk nahe der deutschen Grenze ist wegen Korrosionsverdacht im Moment nicht am Netz
Atomkraftwerk in Cattenom: Auch ein Reaktor im französischen Kraftwerk nahe der deutschen Grenze ist wegen Korrosionsverdacht im Moment nicht am Netz. © Karaba/epa/dpa

Frankreich ist traditionell Europas größter Stromexporteur. Doch weil viele Atomkraftwerke nicht am Netz sind, ist die Grande Nation plötzlich auf Strom aus dem Ausland angewiesen.

München/Paris – Noch im Februar schwor Frankreichs Präsident Emanuel Macron die Franzosen auf eine „Renaissance der Atomenergie“ ein. 56 Reaktoren hat das Land, das gut 70 Prozent seines Stroms atomar herstellt – so viel wie kein anderer EU-Staat. Um noch unabhängiger zu werden, will Macron die Laufzeiten der Kraftwerke verlängern und sechs neue Reaktoren bauen. Von Atom-Euphorie ist in Frankreich gerade trotzdem wenig zu spüren, im Gegenteil: Die Netzbetreiber fordern ihre Kunden eindringlich zum Stromsparen auf, Frankreich muss Strom importieren, statt ihn wie sonst zu verkaufen.

Strom: Frankreich hat Probleme mit Atomkraftwerken - Auch der Klimawandel ist schuld

Der Grund: Von den 56 französischen Kernkraftwerken stehen 29 still. Das liegt erstens am hohen Alter der Meiler, die laut World Nuclear Industry Status Report im Schnitt vor 37 Jahren gebaut wurden. Bei vielen sind Wartungen fällig, zumal diese während der Lockdowns verschoben wurden. Zweitens wurden viele Reaktoren des staatlichen Betreibers EDF wegen Verdacht auf Korrosion und Rissen an Kühlrohren überraschend vom Netz genommen. Drittens mussten bereits einige Anlagen ihre Leistung reduzieren, weil wegen gesunkener Pegelstände von Flüssen und Seen nicht mehr genug Kühlwasser vorhanden ist. Durch einen heißen und trockenen Sommer droht sich dieses Problem weiter zu verschärfen. Auch deshalb rechnet EDF laut einem Bericht des Handelsblatts damit, dass in Frankreich dieses Jahr so wenig Atomstrom produziert werden könnte wie seit drei Jahrzehnten nicht mehr.

(Übrigens: Unser Bayern-Newsletter informiert Sie über alle wichtigen Geschichten aus dem Freistaat. Melden Sie sich hier an.)

Die Folgen sind längst spürbar. In Frankreich laufen die Gaskraftwerke zwar auf Volllast, kompensieren können sie die Ausfälle aber nicht. Der einst größte Stromexporteur Europas kaufte im ersten Halbjahr Strom zu – vor allem aus deutscher Windkraft. Das brachte der Atomstrom-Nation viel Häme ein. „Die heißen Monate haben nicht einmal begonnen und die Kernkraftwerke in Frankreich haben schon massive Probleme, ihre Leistung zu halten“, sagt Simone Peters, Präsidentin des Bundesverbandes Erneuerbare Energien. „Jetzt müssen erneuerbare Energien aus Deutschland den angeschlagenen Atomkraftwerken verstärkt unter die Arme greifen“, so Peters, die davon ausgeht, dass die Kühlprobleme wegen des Klimawandels zum Dauerzustand werden.

Strommangel in Bayern? Verbandschef sieht „starkes, verlässliches Netz“

Weil auch Deutschland seit einigen Jahren mehr Strom herstellt, als es verbraucht – vor allem dann, wenn die Sonne scheint und der Wind weht –, musste die Industrie hierzulande bisher keine Angst vor einem Strommangel haben. „Die Krisensituation bezieht sich auf Gas – und nicht auf Strom“, betont Netzagentur-Chef Klaus Müller. Auch die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) geht auf Anfrage davon aus, dass die Stromversorgung in Bayern weiter gesichert ist. „Trotz der Engpässe in Frankreich verfügen wir in Europa über ein starkes und verlässliches Stromnetz“, versichert vbw-Chef Bertram Brossardt.

Stromversorgung in Deutschland: Verbandschef befürwortet Laufzeitverlängerung von Kernkraft

Experten weisen allerdings darauf hin, dass sich die Lage im Winter, wenn keine Sonne scheint und kein Wind weht und dadurch weniger erneuerbare Energien zur Verfügung stehen, ändern könnte – erst recht, wenn jetzt auch noch Frankreich als Stromlieferant ausfällt. Mittelfristig dürfte Strom für die Industrie deutlich teurer werden, befürchtet auch Brossardt. „Obwohl die Preisanstiege wegen der langfristigen Verträge noch nicht komplett bei den Betrieben angekommen sind, belasten die hohen Strompreise Bayerns Unternehmen bereits jetzt massiv“, warnt er.

Neben Entlastungsmaßnahmen wie einer Senkung der Stromsteuer fordert er deshalb eine Laufzeitverlängerung bei den drei verbliebenen deutschen Kernkraftwerken. „Parallel muss mit aller Kraft am Ausbau von Stromnetzen und erneuerbaren Energien gearbeitet werden“, so Brossardt. „Dadurch dämpfen wir die Strompreise langfristig und können uns von einseitigen Abhängigkeiten im Energiesektor lösen.“

Alle News und Geschichten aus Bayern sind nun auch auf unserer brandneuen Facebook-Seite Merkur Bayern zu finden.

Auch interessant

Kommentare