"Der Mann durfte nicht Kanzler werden"

"Stoppt Strauß": Das macht die Demo-Schülerin heute

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Christine Roth, geb. Schanderl, ist heute Anwältin für Arbeitsrecht in Nürnberg.

München - Christine Schanderl war einst im ganzen Land bekannt, weil sie mit der „Stoppt Strauß“-Plakette rumlief. Deshalb flog sie vom Gymnasium. Das Mädchen wurde zum Albtraum der CSU – und bekam das noch Jahre später zu spüren.

Kurz vor der Geburt ihres Sohnes war Christine Roth, dieser fröhlichen Nürnberger Anwältin mit den rotbraunen Haaren, dann doch noch das Lachen vergangen. Und schuld daran war wieder mal die CSU.

Diese eine Geschichte spielt 1994. Roth war damals schwanger, arbeitete aber natürlich weiter als Anwältin. Als eine Hauptverhandlung ausgerechnet auf den Geburtstermin angesetzt wurde, bat sie um Verlegung. Geht nicht, sagte der Gerichtspräsident. Hätte sie halt das Mandat nicht annehmen dürfen, als Schwangere. „Ich hab’ gedacht, ich spinn“, sagt Christine Roth heute. Ja, solche Sachen hat ein Gerichtspräsident damals ungestraft loslassen können.

Jetzt bekam der Landtag in München von der Sache Wind. In einem Ausschuss schimpften die Abgeordneten: So was geht doch nicht! Die Roten, die Grünen, ja sogar die CSU, alle waren sich einig in ihrem Mitleid – und das will was heißen. Doch dann passierte Folgendes: Eine von den Grünen stichelte schadenfroh in Richtung CSU, sinngemäß, der exakte Wortlaut ist nicht dokumentiert: „Wisst’s fei scho, wer des is, die Frau Roth – eine geborene Schanderl.“ Und die Schwarzen wurden blass. Sehr blass. Aus dem Mitleid wurde blanke Wut – mit der Unterstützung war es prompt vorbei. Roth sagt heute: „Das fand ich so was von entlarvend!“

Schanderl - der persönliche Albtraum für Franz Josef Strauß

Christine Schanderl. Für die Partei war dieser Name über viele, viele Jahre ein dunkelrotes Tuch, ein Stachel im breitgehockten Hinterteil, ein „Schanderl-Fleck“, wie mal geschrieben wurde. Christine Schanderl – der Albtraum der CSU und der persönliche Albtraum von Franz Josef Strauß. Denn: Christine Schanderl war die, die als 18-Jährige vom Gymnasium Regensburg flog, weil sie im Bundestagswahlkampf 1980 mit einer „Stoppt Strauß“-Plakette in die Schule ging. Sie klagte, am Ende musste die Staatsregierung die Schulordnung ändern. Das Zähneknirschen der CSU war von Rosenheim bis Rostock zu hören. Es gab, damit lehnt man sich nicht zu weit aus dem Fenster, bundesweit keine einzige Zeitung, die ihre Geschichte nicht gedruckt hat.

Mit dieser Aufschrift auf einer Plakette sorgte Christine Schanderl in der Schule für Aufregung.

Und die geht so. Christine Schanderl, Jahrgang 1962, wächst in Regensburg in einem Elternhaus auf, in dem zwei Dinge heilig sind. Der Kirchgang am Sonntag. Und das Kreuzl bei der CSU. Die Tochter aber tickt anders, ganz anders. Und das sorgt nicht nur für Zerwürfnisse mit den Eltern. Die Gymnasiastin Christine ist 17, als Franz Josef Strauß, der bayerische Ministerpräsident, der CSU-Übervater, zum Kanzlerkandidaten der Union gekürt wird. Überall im Land verkaufen seine Gegner damals für ein Fuchzgerl kleine Anstecker: „Stoppt Strauß“ steht drauf. Auch Christine besorgt sich einen, heftet ihn sich an die Brust – und geht damit ins Albert-Magnus-Gymnasium. „Dieser Mann durfte nicht Bundeskanzler werden“, findet sie damals, und das sagt sie noch heute. Die Schülerin hat sich viel mit der deutschen Nazi-Vergangenheit beschäftigt, sie verschlingt alles, was es an Literatur über Nazi-Zeit und Faschismus gibt. „Die gleichgültige Haltung mancher aus der älteren Generation hat mich wütend gemacht“, sagt sie rückblickend. Die Nähe Strauß’ zu Diktatoren geht ihr wahnsinnig gegen den Strich. Und dass Strauß über den Schriftsteller Bernt Engelmann sagt: „Mit Ratten und Schmeißfliegen führt man keine Prozesse.“ Engelmann war unter anderem „Spiegel“-Reporter, bei Strauß-Gegnern galt er als Kult-Autor. Engelmann war nicht unumstritten, hatte Stasi-Kontakte – aber er war in seiner Jugend auch ein NS-Widerstandskämpfer, der ins Konzentrationslager kam, weil er jüdischen Verfolgten gefälschte Papiere besorgt hatte. „So einen darf man nicht diffamieren“, sagt sie.

Sie war eine politische Schülerin

Strauß als wildgewordener Stier auf einem Plakat im Herbst 1980.

Christine Schanderl ist eine politische Schülerin. Sie verfasst Flugblätter, mischt in der Schülerzeitung mit, beschwert sich über veraltete Schulbücher, in denen Deutschland Ende der 70er-Jahre noch mit den Grenzen von 1937 eingezeichnet ist. Sie nimmt an Anti-Strauß-Demos teil, die es zu jener Zeit zuhauf gibt. Einmal, bei einem Strauß-Auftritt vor dem Regensburger Dom, klettert ein Spezl von ihr an einer Regenrinne hoch, um ein „Stoppt Strauß“-Plakat aufzuhängen. Als die Strauß-Fans voller Hass brüllen „Schiaßts ’n oba“, wird ihr mulmig. „Dieser Mob konnte einem wirklich Angst machen“, erinnert sie sich. Strauß wird für sie zum Gegner Nummer eins. Deshalb nimmt sie die Plakette nicht ab, als ausgerechnet ihr Ethiklehrer sie als Erster dazu auffordert. Und auch später weigert sie sich, das Wapperl abzunehmen. Sie beruft sich auf ihr Grundrecht der freien Meinungsäußerung – die Schulbehörde argumentiert, das gelte nicht in der Schule. Nun beginnt das, was die überregionale „Zeit“ damals als „bajuwarisches Schulspektakel“ bezeichnet.

Auch andere Schüler, die mit der Plakette rumlaufen, bekommen Ärger. Aber bei den meisten blieb es bei kleinen Schulstrafen. Christine bekommt einen verschärften Verweis; dann Ausschluss vom Unterricht für zunächst zwei Wochen; danach Androhung der Entlassung von der Schule; am 17. Juli 1980 wird sie von der Schule geworfen. Und aus einer Posse wird ein Politikum.

Christine Schanderl wehrt sich gegen ihren Rauswurf, alleine, denn ihre Familie ist anderer Meinung. Sie klappert drei Regensburger Anwälte ab, bittet um rechtlichen Beistand. Alle drei lehnen ab: Der Fall, so sagen die Juristen, habe keine Aussicht auf Erfolg. „So ein Schmarrn“, sagt Schanderl, jetzt Roth, heute. „Das, was juristisch für diesen Fall nötig war, lernt man im ersten Semester.“ Zum Glück sei sie damals doch noch an eine gute Anwältin geraten. Bis heute ist diese Juristin ihr Vorbild. Sie war ihr Anstoß, selbst Jura zu studieren.

Sie gewinnt den Prozess gegen den Schulauschuss

Die beiden Frauen gewinnen damals den Prozess vor dem Verwaltungsgericht, im Mai 1981 gibt ihr auch noch der Bayerische Verfassungsgerichtshof recht. Schanderl habe das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung auch in der Schule ausüben dürfen, weil das Grundrecht der Meinungsfreiheit nicht durch eine Allgemeine Schulordnung, sondern nur durch ein Gesetz eingeschränkt werden dürfe. Der Landtag muss also das Gesetz über das Erziehungs- und Unterrichtswesen neu beschließen und die Schulordnung ändern.

Christine Schanderl findet nach längerer Suche ein neues Gymnasium, macht Abitur, studiert Jura und schließt mit einer Note weit über dem Prädikatsexamen ab. Das macht sie auch, um der Staatsregierung eins auszuwischen: „Das war mein Ansporn. Ich wollte denen keine Angriffsfläche bieten.“ Auch wenn ihr klar ist: Mit ihrem Namen, mit ihrer Geschichte würde sie niemals eine Richterstelle bekommen.

Leicht hat sie es auch als Anwältin nicht. Wo es geht, legen ihr die Behörden Steine in den Weg, so empfindet sie das – und auch objektiv scheint es so. Alle Kommilitonen erhalten nach dem Examen ihre Anwaltszulassung, bei ihr tut sich lange nichts. Das Justizministerium lässt damals prüfen, ob man ihr die Zulassung wegen Berufsunwürdigkeit versagen kann. Die Begründung: Schanderl wurde in den 80er-Jahren mal angezeigt wegen Beleidigung – auf einem Anti-Strauß-Flugblatt war sie als Verantwortliche angegeben. Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren schnell ein, sie selbst erfuhr gar nichts von der Anzeige. Jetzt wird plötzlich diese alte Akte aus dem Keller gekramt, man wirft ihr vor, sie habe dieses Verfahren verschwiegen und sei deshalb „berufsunwürdig“. Ihre Zulassung bekommt sie irgendwann, geärgert hat sie sich trotzdem. „Ich fand es hundsgemein, mit welcher Verbissenheit man mir immer noch schaden wollte.“

Ihr Mann gibt ihr die erste Arbeitsstelle

Ihr Glück ist, dass sie bei ihrem Mann, ebenfalls Anwalt, in der Kanzlei einsteigen kann. Doch es gibt Jahre, in denen das Büro ständig Besuch von Steuerprüfern bekommt. Liegt’s daran, dass sich Christine Roth noch einmal schlagzeilengewaltig mit dem Freistaat angelegt hat?

Vor dem Bundesverfassungsgericht kämpft sie 1998 erfolgreich gegen den Sonderweg der bayerischen Staatsregierung beim Abtreibungsparagrafen § 218. Einer der Musterkläger, ein Nürnberger Arzt, war zu ihr, der jungen Anwältin, gekommen, weil er einen Juristen gesucht hatte, der nicht mit der CSU kungelte. „Also hat mir mein Ruf als Strauß-Gegnerin auch ein bisschen genutzt“, sagt sie. Und schließlich gewinnt sie im Lauf der Jahre alle Rechtsstreitigkeiten gegen den Freistaat, auch den Prozess wegen der schwangerschaftsbedingten Terminverlegung.

Heute setzt sich die Arbeitsrechtlerin für verfolgte Anwälte ein, sie hat in Nürnberg bei Amnesty International einen „Arbeitskreis Juristen“ gegründet. Sie sagt: „Ich habe das Glück, in einem Land zu leben, in dem ich meinen Beruf ohne Gefahr für Leib oder Leben ausüben kann.“ Diese Freiheit will sie nutzen, um für andere zu kämpfen.

In ihrer Schreibtischschublade liegt immer noch die „Stoppt Strauß“-Plakette von damals, aber da schaut sie nur selten rein. Strauß selbst ist sie nie begegnet.

Münchner Merkur und tz haben zum 100. Geburtstag von Franz Josef Strauß eine Sonderbeilage herausgegeben. Diese können Sie hier für 1,99 Euro als E-Book herunterladen.

Lesen Sie dazu auch

Franz Josef Strauß: Sein Leben in einer Multimedia-Reportage

Das Leben des Franz Josef Strauß auf einer interaktive Landkarte

Carina Zimniok

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