Zwei FSJ-Gefährten im Gespräch

Interview Gauweiler vs. Aust: Streitfall Strauß

+
Peter Gauweiler (l.) und Stefan Aust im Streitgespräch über Franz Josef Strauß.

München - Franz Josef Strauß war ein Politiker, der polarisierte. Ein treuer Wegbegleiter und ein Kritiker diskutieren zum 100. Geburtstag von Strauß im Interview über dessen Werk.

Der eine ist ein glühender Verehrer und war ein treuer Wegbegleiter: Peter Gauweiler (66). Der andere, Ex-SPIEGEL-Chefredakteur Stefan Aust (69), sieht ihn bis heute kritisch und hat ihn journalistisch bekämpft. Münchner Merkur, tz und DIE WELT haben beide zum Streitgespräch über FJS getroffen. Erkenntnis: Strauß bleibt ein Streitfall – und würde dennoch der heutigen Politik guttun.

(…)

Herr Aust, 1980 drehten Sie mit Volker Schlöndorf und anderen den Anti-Strauß-Film „Der Kandidat“. Waren Sie ehrlich davon überzeugt, Strauß verhindern zu müssen?

Aust: Der Film, den Rudolf Augstein (SPIEGEL-Herausgeber; Anm. d. Red.) übrigens als Mitproduzent unterstützte, war kein Wahlkampffilm oder pure Propaganda. Sondern ein Stück Aufklärung und auch ein wenig Satire, die das Ganze gar nicht so ernst nahm. Mein Part war, die Historie aufzurollen, die ganzen Affären von Strauß, ob es nun Fibag war oder die Sache mit Hahlbohm. Dem Verkehrspolizisten, der den Dienstwagen von Strauß gestoppt hatte, worauf der damalige Verteidigungsminister ihn aus dem Dienst entfernen lassen wollte. Unfassbar aus heutiger Sicht!

Aber waren Sie nun der Meinung, Strauß verhindern zu müssen?

Aust: Ja. Aber ich bin Journalist, ein teilnehmender Beobachter, ich bin da mal ganz links, mal durchaus konservativ. Das ist mein Privileg. Wenn ich mich mit einem Thema beschäftige, bin ich nicht automatisch Sympathisant – ich war also kein RAF-Sympathisant, nur weil ich die Isolationshaft der RAF-Häftlinge darstellte. Oder ein Kommunist, nur weil ich das Berufsverbot für einen Lokführer, der DKP-Mitglied war, für absurd hielt. Ein Punkt hat mich bei Strauß von Anfang an verstört.

Wir hören!

Aust: Das war der Ton. Das war das wesentliche Motiv bei jenen, die Strauß verhindern wollten. Der Altliberale Reinhold Maier hat einmal im Bundestag mit zitternder Stimme ausgerufen: „Wer so spricht wie der Bundesverteidigungsminister, der schießt auch.“ Ein gut Teil der Leute wiederum, die Strauß in seinen Bann zog wie etwa Peter Gauweiler, war durch den militanten Tonfall beeindruckt. Mich hat es gefröstelt. Es war etwas anderes, ob sich Adenauer über die Wiederbewaffnung äußerte oder Strauß. Inhaltlich war es gleich, aber im Tonfall anders. Diese Art der Aggressivität war das wirkliche Problem bei Strauß.

Hätte er mit mehr Besonnenheit die Wahl 1980 gewinnen können?

Aust: Ich weiß es nicht. Die Stärke von Strauß war es ja, ganze Säle zu füllen. Das hätte er mit Besonnenheit nicht geschafft. Er wusste das auch – sehen Sie die Wienerwald-Rede von 1976, wie er die Junge Union verspottet: „Ihr schafft es doch gerade, 20 Leute zu versammeln. Der Einzige, der die Säle füllt, bin ich.“ Bei all dem war er witziger, humorvoller und bösartiger als jeder andere Politiker. Unübertroffen. Aber was ihn stark gemacht hat, war auch seine Schwäche.

Also keine Abbitte für den Film „Der Kandidat“? 

Aust: Nicht die Spur.

Gauweiler: (lacht) Ich wäre ja auch enttäuscht, wenn Stefan Aust heute sagte, dass ihm sein Film leid täte. Er konnte nicht anders.

(…)

Bei Strauß kommt man an Skandalen nicht vorbei. Die SPIEGEL-Affäre zum Beispiel mit der Titelgeschichte „Bedingt abwehrbereit“!

Aust: Es ging um einen Bericht über das Nato-Manöver „Fallex 62“. Das Originalprotokoll, das bei der Stasi landete und deshalb heute in der Gauck-Behörde liegt, ist immer noch geheim. Im Kern sah es Strauß wohl so: Die Bundeswehr brauchte im Wettrüsten mit dem Ostblock keine 500 000-Mann-Armee, die viel zu teuer gewesen wäre, sondern Atomwaffen.

War das Größenwahn?

Aust: Nein. Strauß war nicht davon überzeugt, dass die Amerikaner für Deutschland einen neuen Weltkrieg riskieren würden, falls Russland angreift. Deswegen müsse er selbst Verfügungsgewalt über Atomwaffen zur Verteidigung haben. Und da passte ein Bericht unter der Überschrift „Bedingt abwehrbereit“ überhaupt nicht ins Bild. Dass die Bundeswehr nur bedingt abwehrbereit sei, dachte Strauß auch. Nur durfte es niemand wissen. Deshalb der Vorwurf des Landesverrats. Wir dürfen nicht vergessen: Die Geschichte erschien in der Zeit der Kuba-Krise, als wir an der Schwelle zu einem dritten Weltkrieg und womöglich einer atomaren Auslöschung der Erde standen.

Gauweiler: Letzteres trifft schon den Kern. Es ging damals – an der Schwelle einer dramatischen Weltkriegsdrohung – um die Verteidigung von militärischen Staatsgeheimnissen, die von frustrierten Bundeswehroffizieren an SPIEGEL-Redakteure verraten worden waren. Es war ein bisschen wie heute bei Edward Snowden oder Wikileaks, die aktuell ja auch von ihren Regierungen wegen Landesverrats verfolgt und mit schwersten Strafen bedroht werden. Jeder weiß bis heute, dass in einem freien Land die Regierung bei der Verteidigung von Staatsgeheimnissen eigentlich immer schlechte Karten hat.

Aust: Gewiss. Aber richtig ist auch: Das Ziel von Strauß war falsch. Wenn die Bundesrepublik Zugang zu Atomwaffen gehabt hätte, dann hätte das die Schwelle zum Atomkrieg auch senken können. So sah es Augstein. Ihm wurde heiß und kalt, wenn er sich vorstellte, Strauß könne auf den roten Knopf drücken. Strauß wollte die Atombombe!

Gauweiler: Das Ziel von Strauß war richtig: FJS setzte nicht auf konventionelle Verteidigung, sondern hielt nur die atomare Abschreckung für wirklich geeignet, Kriege zu verhindern, sie unführbar zu machen. Seine These, die Bundeswehr müsse eine „nukleare Kriegsverbotsschule“ werden, wurde heftig bekämpft, von alten Wehrmachtsgenerälen und jungen SPIEGEL-Redakteuren. Das Straußsche Veto gegen konventionelle Kriegsbeteiligungen führte unmittelbar dazu, dass die Bundesrepublik sich nicht einmal mit Zivilkräften an konventionellen Kriegen wie in Vietnam oder UN-Blauhelm-Missionen wie in Zypern beteiligte. Ich hielt und halte das für den besseren Weg als unsere missglückten Missionen in Afghanistan, im Kosovo oder in Afrika.

Vielleicht sind wir naiv. Aber wir dachten, in der SPIEGEL-Affäre ging es um die Verteidigung der Pressefreiheit!

Aust: Das ist auch richtig, aber die sekundäre Geschichte. Strauß hatte einen etwas laxen Umgang mit Gesetzen und Finanzen, wenn man das mal freundlich ausdrücken möchte. So brauchte man nicht erst die neueste „Enthüllung“, die der Strauß-Biograf Peter Siebenmorgen dem SPIEGEL überließ, um das zu wissen. Danach hat Strauß in den 1960er-Jahren über eine Beratungsfirma, die ihm gehörte, Geld von Firmen wie BMW oder die Friedrich Flick KG bekommen – offenbar ohne dafür nennenswerte Leistungen erbracht zu haben. Das kann man mit Fug und Recht als Korruption werten. Aber nach der deutschen Rechtslage können Bundestagsabgeordnete ja nicht bestochen werden. Bekannt ist auch seit den 1990er-Jahren, dass Strauß Parteispenden entgegennahm und die nach eigenem Gutdünken verwendete. Dadurch gab es in der Tat eine ganze Menge an Affären. In der SPIEGEL-Affäre hat er seine Kompetenzen überschritten und dem Militärattache Achim Oster an der Deutschen Botschaft Madrid den dienstlichen Befehl erteilt, er solle das faschistische Spanien zur Verhaftung des Redakteurs Conny Ahlers veranlassen.

(…)

Herr Aust, sehen Sie auch gute Seiten bei Strauß? Die Außenpolitik? Die Industriepolitik?

Aust: Was ich über ihn gesagt habe, war ja nicht nur negativ. Wir bräuchten dringend jemanden, der klare Positionen äußert. Einer der wenigen, der das wagt, sitzt mir hier gegenüber. Strauß riskierte es, auch mal unrecht zu haben. Wenn ich mich an die berühmte Wienerwald-Rede 1976 erinnere, wo er über Helmut Kohl sagte: Der werde nie Kanzler, ihm würden die geistigen, charakterlichen und politischen Voraussetzungen fehlen. Da hatte er unrecht, denn Kohl wurde Kanzler. Und er hatte recht: Denn Kohl fehlten eigentliche wesentliche Voraussetzungen. Diese Defizite haben Kohl aber nicht davor bewahrt, zumindest mit der Wiedervereinigung einer der ganz großen deutschen Politiker zu werden. Im positiven Sinne: Das soll ihm mal jemand nachmachen!

Und Strauß als Staatsmann?

Aust: Sicher ist: Dass es Bayern heute so gut geht, hat auch mit Strauß zu tun. Verzeihung, früher war Bayern ja ein subventioniertes Agrarland. Strauß hatte einen zentralen Anteil an Airbus. Der SPIEGEL schrieb abfällig: „Der flügellahme Eurovogel“ – da lag das Magazin falsch. Es ist gelungen, dem US-Riesen Boeing Paroli zu bieten. Wenn wir sehen, wie wir heute von amerikanischen Giganten wie Google oder Amazon dominiert werden, würde ich mir jemanden wünschen, der heute ähnlichen Mumm aufbringt wie damals Strauß. Ein europäisches Google zum Beispiel. Strauß würde das probieren.

Herr Gauweiler, Strauß pflegte engen Umgang mit Militärdiktaturen wie zu Pinochet in Chile!

Gauweiler: Die Welt war damals voller autokratischer Systempolitiker, von links bis rechts. Dann hätte Strauß auch Mao nicht treffen dürfen. Stattdessen Boykott und Handelsembargo wie heute – ist das der Weg, den Sie bevorzugen?

China ist ein anderes Kaliber!

Aust: Da fängt das Dilemma halt an. Da würde ich Herrn Gauweiler nicht widersprechen. Pinochet ist allerdings ein Streitfall.

Gauweiler: Richtig ist: Was damals beim Sturz von Allende geschah, war unerhört. Äußerst problematisch war es aber auch schon, wie Allende seinen christdemokratischen Vorgänger Eduardo Frei ums Amt brachte. Mitten im großen Ost-West-Konflikt hielt der gesamte Westen die Leitentscheidung der USA für richtig, die Regierung Pinochet zu stützen. Nach damaliger Meinung ging es nicht anders.

Würde Strauß heute wieder nach Moskau zu Putin fliegen?

Gauweiler: Natürlich.

Aust: Ich sehe das genauso. Er wäre sehr viel zurückhaltender bei der Verurteilung Moskaus und der Verhängung von Sanktionen, sie bringen doch gar nichts. Siehe Kuba.

(…)

Abschlussfrage: Was wäre heute ein gerechtes Urteil über Strauß?

Aust: Er hat nicht total falsch gelegen, war im persönlichen Gebaren manchmal zweifelhaft, in seinem Auftritt aggressiver, als man sich das damals wünschte.

Gauweiler: Um es kurz zu machen: Deutschland verdankt ihm wirklich viel. Und Bayern ganz besonders.

Münchner Merkur und tz haben zum 100. Geburtstag von Franz Josef Strauß eine Sonderbeilage herausgegeben. Diese können Sie hier für 1,99 Euro als E-Book herunterladen.

Lesen Sie dazu auch

Franz Josef Strauß: Sein Leben in einer Multimedia-Reportage

Das Leben des Franz Josef Strauß auf einer interaktive Landkarte

Interview: Georg Anastasiadis, Claus Christian Malzahn, Dirk Walter und Stefan Dorner

auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Ex-Ski-Star schwer gestürzt: „Ich hatte einen großen Schutzengel“
Ex-Ski-Star schwer gestürzt: „Ich hatte einen großen Schutzengel“
Sepp Haslinger: Wetterkerze wieder voll daneben
Sepp Haslinger: Wetterkerze wieder voll daneben
So skurril wurde der Balkan-Bandenchef überführt
So skurril wurde der Balkan-Bandenchef überführt
Mutter des WM-Mörders: "Er tötet mich, wenn er rauskommt"
Mutter des WM-Mörders: "Er tötet mich, wenn er rauskommt"

Kommentare