Andere Badegäste schauten nur zu

Vor dem Ertrinken bewahrt: Diese Frau sucht ihren Retter

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Das Ammerwehr bei Peißenberg. Ingrid Klauser aus Böbing deutet auf die Stelle hin, wo sie ins Wasser gerutscht ist und dann in einem Strudel beinahe ertrunken wäre.

Böbing - Für Ingrid Klauser ging es um Leben oder Tod. Die 75-Jährige war am Sonntag in der Ammer in einen Strudel geraten und drohte zu ertrinken. Obwohl sich viele Leute in der Nähe aufhielten, reagierte niemand auf ihre Hilferufe. Nur ein Mann griff beherzt ein und rettete sie.

Mit Schaudern denkt Ingrid Klauser an die paar Minuten zurück, die beinahe ihre letzten waren. „Ohne die Hilfe von Joachim wäre ich nicht mehr am Leben“, ist sich die 75-Jährige sicher. Joachim, so heißt ihr Lebensretter. Seinen vollen Namen kennt sie nicht, nur soviel, dass er aus Peißenberg kommt, Mitte 40 ist und sich mit seiner Ehefrau und seiner kleinen Tochter am Sonntagnachmittag am Ammerwehr in Peißenberg-Süd aufgehalten hat.

Auch Ingrid Klauser, die seit rund fünf Monaten in Böbing-Sprengelsbach wohnt, war an jenem Nachmittag auf der Suche nach Abkühlung. Sie hatte in Weilheim einen Flohmarkt besucht, ihr war heiß, und auf der Heimfahrt bog sie an der Ammerbrücke in einen Seitenweg ab, parkte ihr Auto vor der Schranke und wanderte dann an der Ammer entlang bis zum Wehr. Doch rutschte Ingrid Klauser versehentlich auf einem glatten Stein aus und fiel in die flache Ammer. Nun, dachte sie sich, wenn ihr Sommerkleid schon nass ist, dann kann sie auch gleich ganz ins Wasser gehen. Am Ammerwehr vergnügten sich etwa 30 Badende im Wasser, weitere 20 hielten sich im schattigen Uferbereich auf.

Zunächst hat Ingrid Klauser nur zugeschaut, wie Kinder ihren Spaß beim Hinunterrutschen am Wehr hatten. Aber auch ältere Leute machten da mit – ebenfalls unbeeindruckt von dem großen Hinweisschild mit der Aufschrift „Achtung Lebensgefahr“.

Warum sollte es Ingrid Klauser nicht selber mal versuchen? „Ich bin auch mit 75 Jahren noch eine gute Schwimmerin und Taucherin“, erzählt die frühere Goldschmiedemeisterin, die aus Stettin an der Ostsee stammt und ihre Kindheit viel am Wasser verbracht hat. Später kam sie nach Ohlstadt und wohnte zuletzt 50 Jahre in Murnau. Zum Schwimmen ist sie oft an den Staffelsee gegangen.

Doch an einem Fluss wie der Ammer herrschen andere Gesetze. Vor allem im Bereich eines Wehrs. Ingrid Klauser geriet in einen Strudel und wurde unter Wasser gedrückt. Sie spürte keinen Boden mehr unter den Füßen und wurde wie in einer Waschmaschine von der Welle durchgeschüttelt. Etwa fünfmal gelang es ihr, ihren Kopf kurzzeitig aus dem Wasser zu strecken, Luft zu holen und um Hilfe zu rufen.

„Zwei Meter neben mir stand ein Mann bauchtief im Wasser, wie angewurzelt, ohne einzugreifen“, erinnert sich die 75-Jährige. Sie musste befürchten, dass gleich ihr letztes Stündlein geschlagen hat. Denn allmählich gingen ihr die Kräfte aus – und der Ertrinkungstod rückte immer näher.

Doch bei ihrem verzweifelten Überlebenskampf – so erinnert sich die 75-Jährige – sah sie einen athletischen Mann auf der Wehrmauer, der den Vorfall beobachtet hatte und anscheinend als einziger den Ernst der Lage erkannte. Er begab sich sofort in die Ammer, packte die Ertrinkende an der Hand und zog die Frau aus dem Wasser – kurz vor dem Ultimo. Ein anderer Badegast hat dann – so erinnert sich Ingrid Klauser – noch ihre zweite Hand gegriffen und bei der Rettung mitgeholfen.

Danach wurde Ingrid Klauser sofort an ein schattiges Plätzchen gebracht. Sie hatte viel Wasser geschluckt, bekam einen Schüttelfrost und musste sich übergeben. Erst nach einiger Zeit war sie wieder einigermaßen bei Bewusstsein und konnte klare Gedanken fassen.

Nach einer weiteren Stunde der Erholung wurde sie von Joachim, seiner Frau und seiner kleinen Tochter noch bis zu ihrem Auto geleitet und dann nach Hause verabschiedet.

Ihren Lebensretter kennt Ingrid Klauser nicht. Nur seinen Vornamen. Der Joachim, dem sie ihr Leben verdankt, wollte über seine Rettungstat gar nicht viel Aufheben machen. „Er hat nur gesagt: Des passt scho!“, berichtet die Gerettete, die ihm tausend Mal dankbar ist und gerne seinen vollen Namen wüsste. Hinweise nimmt die Heimatzeitung unter 08861/92133 entgegen.

Michael Gretschmann

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