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Erwachsenwerden auf dem Beifahrersitz

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Von: Tamara Scheid

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Er will einen Beruf, bei dem er Menschen helfen kann: Das weiß Michael Mielke, seit er beim BRK in Miesbach den Freiwilligendienst macht. Leider gibt es viel zu wenig junge Leute, die sich dafür melden.
Er will einen Beruf, bei dem er Menschen helfen kann: Das weiß Michael Mielke, seit er beim BRK in Miesbach den Freiwilligendienst macht. Leider gibt es viel zu wenig junge Leute, die sich dafür melden. © Andreas Leder

2011 wurde der Wehrdienst in Deutschland abgeschafft. Damit fiel auch der Zivildienst weg. Seitdem gibt es weniger junge Leute, die ein Jahr lang freiwillig in einer sozialen Einrichtung arbeiten wollen. Obwohl sich das für die meisten lohnt.

Miesbach – Morgens acht Uhr in Miesbach. Michael Mielke steigt gerade zum zweiten Mal in den kleinen Bus mit dem aufgedruckten Roten Kreuz an beiden Schiebetüren. Um sechs Uhr war der 17-Jährige auf seiner ersten Tour unterwegs. Jetzt wird er zusammen mit dem Fahrer Peter Neu Kinder von zu Hause in den Kindergarten bringen – Kinder mit und ohne Handicap. Michael Mielke macht seinen Freiwilligendienst beim Bayerischen Roten Kreuz in Miesbach. Früher wollte er unbedingt was mit IT machen, erzählt er. „Jetzt weiß ich, dass ich was mit Menschen machen will.“ Eine Ausbildung zum Notfallsanitäter bei der Bundeswehr soll es nach dem Freiwilligendienst werden.

Der Freiwilligendienst beschäftigt währenddessen auch Manfred Edenhofer. Als Freiwilligenkoordinator des Miesbacher BRK kümmert sich der 47-Jährige um die jungen Leute, die den Bundesfreiwilligendienst (Bufdi) oder ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) absolvieren. Einen großen Unterschied gebe es zwischen den beiden Gruppen nicht. Für beides bekommen die Freiwilligen 390 Euro und arbeiten 38,5 Stunden pro Woche. Sie werden für Kinderfahrdienst, Patientenfahrdienst oder im Rettungswagen eingesetzt. Als Bufdi habe man lediglich fünf Seminartage mehr. Das sei der offizielle Nachfolger des Zivildienstes, erklärt Edenhofer.

Als es den Zivi noch gab, standen dem BRK 20 Burschen zur Verfügung. Heute muss Edenhofer mit fünf jungen Frauen und Männern im Fahrdienst und vier im Rettungsdienst auskommen. Und auch für das kommende Jahr werden noch dringend Freiwillige gesucht, sagt Edenhofer. Aber warum brauchen die Fahrer überhaupt einen Freiwilligen als Begleiter? „Wir wollen uns beim Roten Kreuz qualitätsmäßig unterscheiden“, sagt der 47-Jährige. Vorgeschrieben sei es nicht. Den Fahrdienst könne mit der nötigen Qualifikation und dem richtigen Auto auch ein Taxi-Unternehmen übernehmen. Der Qualitätsanspruch sei beim BRK aber ein anderer: „Wir wollen zusätzlich jemanden, der mit hinten drinsitzt und aufpasst.“

Manche Schicksale von Kindern haben es in sich

Jemand wie Michael Mielke. Vierter und vorletzter Halt auf seiner zweiten Tour an diesem Morgen. Der BRK-Bus bleibt vor einem Haus in Schliersee stehen: Peter Neu drückt einmal kurz auf die Hupe. Im nächsten Augenblick kommt schon der kleine Fahrgast aus dem Haus gelaufen. Kurzes Abklatschen mit Mielke und schon sitzt der Kleine auf der Rückbank. Die Fahrt geht weiter. Letzter Halt, viertel vor Neun: Heilpädagogischer Kindergarten der Lebenshilfe. Die Kinder werden erst um neun Uhr auf dem Parkplatz von den Betreuerinnen abgeholt. So lange müssen sie im Bus warten. Ein Kind setzt sich auf Mielkes Schoß. Als er aufsteht, springt ein anderes aus dem Bus direkt in seine Arme. Das sind die schönen Momente, sagt er. Die schönen Erlebnisse überwiegen, betont er. Aber manche Kinder-Schicksale haben es in sich. Einige müssen ihr Leben mit geistiger oder körperlicher Behinderung meistern, manche sogar mit beidem. „Man muss seine eigene Art finden, wie man damit umgeht“, sagt der 17-Jährige. Zum Beispiel, indem man mit anderen BRKlern oder Freiwilligen darüber spricht.

Freiwillige Soziale Jahr: Es gibt zu wenig junge Menschen

Manfred Edenhofer redet vor allem über den Mangel an Freiwilligen, zum Beispiel mit Vertretern von Zeitung und Radio. Auch über Aushänge an Schwarzen Brettern, Inserate in Schülerzeitungen oder auf Ausbildungsmessen versucht er, Interessierte dafür zu finden. Egal, ob sie von Hauptschule, Realschule oder Gymnasium kommen. Auch Arbeitssuchende, Lehre-Abbrecher und junge Menschen mit abgeschlossener Ausbildung haben schon ein Freiwilliges Jahr gemacht, sagt Edenhofer. Denn Spaß und Motivation könne jeder mitbringen. Zuverlässig, pünktlich und hilfsbereit sollte man aber sein. Das sei aber meist nicht das Problem. „Die jungen Erwachsenen sind oft verunsichert“, sagt er. Haben Berührungsängste. Vor Menschen mit Behinderung, vor alten Leuten, vor dem Einstieg in das Arbeitsleben. „Die, die kommen, verlieren die Ängste sehr schnell“, sagt der 47-Jährige. „Weil wir einen guten, kameradschaftlichen Umgang haben.“ Früher wie heute. Nur gibt es eben heute weniger junge Leute, die Edenhofer für den Fahrdienst einsetzen kann.

Dabei lohnt sich das Freiwillige Soziale Jahr trotz des geringen Verdienstes sehr, betont er. Zum einen sei es etwas Sinnvolles, dass sich junge Leute in den Lebenslauf schreiben können, betont er. Aber das Wichtigste ist: „Bei uns werden sie ein Stück weit erwachsen.“ Für Edenhofer ist das Freiwillige Jahr ein Lerndienst. „Sie kommen als junge Burschen und Mädels und lernen bei uns schnell Verantwortung zu übernehmen.“

Die anfängliche Angst verlieren die meisten schnell

Michael Mielke fährt nicht bis zur BRK-Zentrale zurück. Am Krankenhaus Agatharied lässt Neu den 17-Jährigen aussteigen. Diesmal warten keine Kinder auf ihn – sondern Patienten. Er muss für einen erkrankten Kollegen einspringen. Auf Mielke wartet bereits eine Kollegin. Auch sie ist im Fahrdienst tätig. Zeit für eine Unterhaltung bleibt nicht. Ein Patient wartet bereits in der Notaufnahme auf die beiden. Sie müssen ihn abholen. Auch das gehört zu den Aufgaben der Freiwilligen: Patientenfahrdienst. Ältere Patienten werden in ein anderes Krankenhaus verlegt, nach Hause oder ins Seniorenheim gefahren, jüngere, die einen Unfall hatten, können nicht selbst zur Untersuchung fahren. Medizinisch müssen die Fahrgäste nicht versorgt werden, sie haben stabile Vitalwerte und keine infektiösen Krankheiten. Aber unterhalten wollen sie werden. Einfach jemanden zum Reden haben, wenn sie auf dem Weg zum Zahnarzt, Urologen oder zur Dialyse sind. „Man lernt viele Menschen kennen“, sagt Mielke. „Wird offener gegenüber fremden Menschen.“

Um viertel nach Neun fährt Neu den Neunsitzer in die Tiefgarage der Miesbacher BRK-Zentrale. Fahrtenbuch ausgefüllt, dann ist die Morgenschicht fürs Erste erledigt. Der nächste Einsatz steht mittags an, wenn die Kinder von den Schulen und Kindergärten abgeholt und nach Hause oder in eine andere Einrichtung gebracht werden. Dann ist auch Mielke wieder dabei – um die Qualität des BRK zu wahren.

Freiwilligendienst beim BRK

Die Zahl der Bewerber, die freiwillig einen Dienst machen wollen, hat sich in den vergangenen zehn Jahren nicht verändert, sagt Michael Richter, der sich seit 2002 bayernweit um die Freiwilligendienste beim Roten Kreuz kümmert. Die Zahl derjenigen, die allerdings in den Diensten eingesetzt werden können, war zu Wehrdienst-Zeiten doppelt so hoch: 90 000 Zivis waren es bundesweit – Freiwillige gab es noch zusätzlich. Heute sind es noch 90 000 im Freiwilligen Sozialen Jahr und Bundesfreiwilligendienst insgesamt. „Nach oben gegangen ist aber die Abbrecherquote“, sagt Richter. Er glaubt, dass Schulabgänger oft den Druck verspüren, zu viel in ein Jahr packen zu müssen – Urlaub, Auslandsaufenthalt, etwas Geld verdienen. „Viele hören im Juli schon auf.“ Trotzdem ist Richter klar dagegen, den Pflichtdienst wieder einzuführen. „Das verstößt gegen das Grundgesetz und die Menschenrechte.“

Weitere Infos zu Einsatzmöglichkeiten und Bewerbung gibt es unter: www.freiwilligendienste-brk.de/freiwilligendienste.

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