Manches fällt Lea (5) immer noch schwer

Frühchen: Ein hart erkämpftes Leben

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Lea (M - vorne) und ihre Eltern Jenny (r - vorne) und Horst Köstler (l - vorne) sowie das Team des Nürnberger Südklinikums mit (l-r, hinten) Judith Peltner, Pflegedienstleiterin des Eltern-Kind-Zentrums, Wolfgang Köhler, Bereichsleiter der Klinik für Geburtshilfe, und Jan-Holger Schiffmann, Chefarzt der Klinik für Neugeborene, Kinder und Jugendliche

Nürnberg - Manche Frühgeborene sehen fast noch aus wie ein Fötus. Winzig sind sie, der Kopf ist kleiner als ein Zeigefinger. Von den extrem früh auf die Welt Gekommenen ringen viele verzweifelt um ihr Leben. Die kleine Lea hat es geschafft.

Manche Sachen fallen der fünfjährigen Lea noch ein bisschen schwerer als ihren Altersgenossen. Treppensteigen, zum Beispiel. Oder einen Stift richtig halten. Auch ist sie keines der Kinder, die lauthals durch die Gänge tollen und den ganzen Tag toben wollen. Dennoch ist Lea heute ein ganz normales, fröhliches Kindergartenkind. Wie hart und verzweifelt ihr Start ins Leben war, erkennt nur noch ein geschultes Auge: Lea ist extrem früh zur Welt gekommen, hart an der Grenze zur Überlebensfähigkeit.

Nahezu jedes zehnte Kind in Deutschland und weltweit ist ebenfalls ein Frühchen. An ihr Schicksal erinnert an diesem Sonntag (17.11.) der Welt-Frühgeborenen-Tag.

Denn nicht alle betroffenen Kinder haben so viel Glück wie Lea. Wenn sie überhaupt überleben, tragen viele dauerhafte Schäden davon, weil ihre Organe zum Zeitpunkt der Geburt noch nicht ausgereift sind. Lunge, Niere, Darm, aber auch Gehör und Netzhaut sind noch nicht vollständig funktionsfähig. Zudem kann es zu Hirnblutungen kommen.

Normalerweise dauert eine Schwangerschaft 40 Wochen. Knapp zehn Prozent aller Kinder kommen jedoch als sogenannte Frühchen vor Vollendung der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt. „Das ist keine Minderheit“, betont Wolfgang Köhler, Bereichsleiter der Klinik für Geburtshilfe am Klinikum Nürnberg Süd. Er erklärt: „Die meisten Frühgeburten entstehen durch lokale Infektionen am Muttermund.“ Ungefähr zwei Prozent der Frühchen gehören zur Hochrisikogruppe, die vor der 30. Woche geboren werden.

Lea hatte gerade einmal 23 Wochen und 2 Tage Zeit, um sich im Bauch ihrer Mutter zu entwickeln. „Vor der 23. Schwangerschaftswoche gibt es so gut wie keine Überlebenschancen“, schildert Jan-Holger Schiffmann, Chefarzt der Kinderklinik im Nürnberger Südklinikum. Dort war Lea im Sommer 2008 zur Welt gekommen. In anderen europäischen Ländern hätte man ein Kind wie sie gar nicht erst behandelt. Aber die deutschen Ärzte kämpften um ihr Leben - oft genug verzweifelt.

„Ihr Leben stand mehrmals auf der Kippe“, erinnert sich ihre Mutter Jenny Köstler. 150 Tage lang lag Lea im Brutkasten, viermal wurde sie operiert. „Das waren schwere Zeiten.“ Jeden Tag fuhr Jenny Köstler eine gute Stunde mit dem Zug nach Nürnberg, um ihre Tochter zu sehen. Nach der Arbeit stieß dann auch Vater Horst dazu.

Er erinnert sich ebenfalls gut an den Überlebenskampf seiner Tochter. „Lea war so lang wie ein DIN A4-Blatt, also 30 Zentimeter, und 630 Gramm schwer.“ Die unerwartete Situation habe ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen. „Vom Tag der Geburt an war unsere Welt aus den Fugen, um 180 Grad gedreht.“ Auch die Menschen im Umfeld der jungen Familie seien mit der Situation überfordert gewesen. „Gratuliert man da überhaupt?“ Schließlich habe bei der Ankunft im Krankenhaus sogar die Frage im Raum gestanden, ob die Mediziner überhaupt noch etwas für Lea tun sollen.

Der Grund: Nur etwa die Hälfte der extrem unreifen Frühchen kann später ein weitgehend normales Leben führen. Rund ein Viertel der Kinder stirbt, ein weiteres Viertel überlebt mit starken körperlichen und/oder geistigen Behinderungen. Die ärztlichen Leitlinien sehen deshalb vor, dass erst ab der 24. Schwangerschaftswoche grundsätzlich versucht werden soll, das Leben des Neugeborenen zu retten.

Auch nach diesem Zeitpunkt fühlen sich viele Eltern mit der Situation hoffnungslos überfordert. „Man schreit nach Hilfe“, erinnert sich Johannes Bisping, der mit seiner Frau Susanne deshalb den Verein „Zu früh ins Leben“ gegründet hat. Der dem Bundesverband „Das frühgeborene Kind“ angeschlossene Nürnberger Verein soll neben den Ärzten eine Anlaufstelle für betroffene Eltern sein, von denen viele nicht wissen wohin mit ihren Fragen und ihrer Angst.

„Es ist nahezu ein Tabuthema“, schildert Bisping. „Wenn Menschen keinen direkten oder nahen Kontakt zu einem Frühchen hatten, verdrängen die das Thema, und es kommt zu absurden Situationen.“ So würden betroffene Eltern im Babyladen gerne darauf hingewiesen, dass die gerade eingekauften Bodys und Schnuller eigentlich für Puppen gedacht seien. Die extrem kleine Größe 42, die etwa Lea am Anfang gebraucht hat, führt jedoch so gut wie kein Babygeschäft.

dpa

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