Von Oetker-Entführung bis zum Doppelmord

50 Jahre „Aktenzeichen XY“: Die fünf spektakulärsten Fälle aus Bayern

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„Er hat die Hektik etwas rausgenommen“: Soko-Chef Markus Deindl (l.) spricht mit „Aktenzeichen XY“-Moderator Rudi Cerne über den Doppelmord von Höfen.

Seit nunmehr 50 Jahren werden Bürger über die ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ zur Mithilfe bei der Verbrecherjagd gebeten. Das sind die spektakulärsten Fälle aus Bayern.

München - Seit 50 Jahren sind die Macher von „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ im ZDF in Zusammenarbeit mit den Ermittlungsbehörden Deutschland dem oder den Tätern auf der Spur. Mord, Raub, Entführung - fast 4600 Fälle wurden seit der Premiere am 20. Oktober 1967 in der Sendung behandelt, davon fast 2000 im Film. Fast 1900 Fälle wurden bisher gelöst, die Aufklärungsquote beträgt stolze 40 Prozent. Auch in Bayern gelang es den Fernsehfahndern, viele Verbrechen aufzuklären. In Teil 2 unserer tz-Serie stellen wir fünf spektakuläre Fälle vor, die dank der Mithilfe der Bevölkerung gelöst werden konnten.

Diese bayerischen Mordfälle sind bis heute ungelöst

2017: Doppelmord von Höfen

In einem Einfamilienhaus in Königsdorf-Höfen bei Bad Tölz findet die Polizei am 26. Februar dieses Jahres drei Opfer eines brutalen Raubüberfalls. Wohl schon drei Tage zuvor waren die Täter gewaltsam in das Haus eingedrungen. Sie erschlugen eine 76-jährige Frau und einen 81-jährigen Mann, die sich als Gäste in dem Anwesen aufhielten, und verletzten die 76-jährige Haus­eigentümerin Luise S. lebensgefährlich.

Schon drei Tage später ist der Fall Thema in der von Rudi Cerne moderierten ZDF-Fahndungssendung „Aktenzeichen XY ... ungelöst“. Erste Hinweise führen die „Soko Höfen“ zu einer aus Polen stammenden Frau, die als Pflegerin für den verstorbenen Ehemann von Luise S. tätig war. Eine am Tatort gefundene DNA-Spur kann deren Bruder Robert P. zugeordnet werden. Er wird am 31. März in Stettin festgenommen, später werden noch Michal P., der Sohn der Pflegerin, sowie Jakub G., ein Bekannter des Trios, gefasst. Diese vier Tatverdächtigen warten derzeit in bayerischer Untersuchungshaft auf ihren Prozess.

Von einer DNA-Spur überführt: Robert P. gehört zu den Tatverdächtigen.

Das sagt der Weilheimer Chef-Ermittler

Kriminaloberrat Markus Deindl (51), Chef der Kriminalpolizeiinspektion Weilheim, war damals Leiter der „Soko Höfen“ mit bis zu 60 Beamtinnen und Beamten.

Herr Deindl, war Ihnen gleich klar, dass Sie ohne Fernsehfahndung nicht auskommen?

Markus Deindl: Zu dem Zeitpunkt, als Aktenzeichen auf uns zukam, hatte ich ehrlich gesagt an eine Fernsehfahndung überhaupt noch nicht gedacht. Die Tat-Entdeckung war in der Nacht von Samstag auf Sonntag, das Angebot der Redaktion kam am Montag, und schon am Mittwoch war die Sendung. Zum Zeitpunkt des Anrufs hatten wir noch keine Erkenntnisse zum Tat­hergang und zu möglichen Tätern und waren im Prinzip noch mit dem Aufbau der Soko beschäftigt. Wir haben das Angebot trotzdem nicht ausgeschlagen, sondern zugesagt, weil wir die Gelegenheit nutzen wollten, das Lebensumfeld des überlebenden Opfers auszuleuchten: der Hausbesitzerin Luise S.

In welche Richtung gingen die ­Zuschauerhinweise - und haben diese aus Ihrer Sicht entscheidend zur Festnahme der Tatverdächtigen geführt?

Deindl: Es kamen - wie erhofft - Hinweise, die das Lebensumfeld der Hausbesitzerin aufgehellt haben, der entscheidende Hinweis kam jedoch nicht von einem Zuschauer, sondern aus der näheren Nachbarschaft beziehungsweise war Ergebnis der Spurensicherung. Erst mit einer gesicherten DNA-Spur konnten wir die Tat mit einer Person hinterlegen und darauf weiter aufbauen.

Wer entscheidet, dass Sie in die Sendung und damit an eine große Öffentlichkeit gehen?

Deindl: Das läuft in Absprache mit dem Präsidium Oberbayern-Süd und der Staatsanwaltschaft.

Wie haben Sie die Sendung empfunden? Waren Sie aufgeregt?

Deindl: Dadurch, dass wir noch ganz am Anfang unserer Ermittlungen standen, die extrem arbeitsaufwendig waren, hatte ich gar nicht viel Zeit, darüber nachzudenken, was da auf mich zukommt. Ich bin aus dem Soko-Betrieb heraus zusammen mit dem Pressesprecher des zuständigen Präsidiums ins Auto gestiegen und ins Studio gefahren. Dort ging es schnell in die Maske, es gab eine kurze Besprechung mit Rudi Cerne, und schon ging es los.

Wie fanden Sie den Moderator?

Deindl: Sehr professionell, sehr locker, sehr sympathisch. Er hat die Hektik etwas rausgenommen, das war sehr angenehm.

Den Mördern auf den Fersen: Hinter den Kulissen von „Aktenzeichen XY“

2011: Augsburger Polizistenmord

Ein Streifenbesatzung will am 28. Oktober 2011 um 3 Uhr früh auf einem Waldparkplatz bei Augsburg einen Motorradfahrer und seinen Sozius kontrollieren. Die beiden flüchten, bei einer Verfolgungsjagd stürzen sie mit ihrer Maschine. Als die Beamten aussteigen, eröffnen die Männer das Feuer. Mathias Vieth (41) stirbt im Kugelhagel, seine Kollegin Diana K. wird verletzt und erleidet ein Trauma. Eine Sofortfahndung nach den Tätern verläuft ergebnislos.

Zu lebenslanger Haft verurteilt: Rudolf Rebarcyk muss für den Angriff auf die Polizisten hinter Gitter.

Am 29.10.2011 wird die Tatwaffe gefunden, am 9. November 2011 berichtet Aktenzeichen über den Fall. Schon Ende Dezember 2011 kommt es zur Festnahme zweier Tatverdächtiger: zwei Brüder. Einem konnten am Tatort gefundene DNA-Spuren zugeordnet werden. Rudolf Rebarcyk ist kein unbeschriebenes Blatt. Im Jahr 1975 hatte er bereits den Augsburger Polizisten Bernd-Dieter Kraus erschossen und dafür 19 Jahre im Gefängnis gesessen. Das Landgericht Augsburg verurteilt Rebarczyk am 27. Februar 2014 zu lebenslanger Freiheitsstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung. Sein Bruder Raimund Mayr erhält am 5. März 2015 ebenfalls lebenslänglich.

2004: Sexmord an Murat (15)

Ein Blind Date wurde für Murat (15) zur Todesfalle. Arglos vereinbarte der homosexuelle Schüler mit zwei unbekannten Männern ein Treffen, bei dem es zum Sex kommen sollte. Auch die beiden Männer kannten sich nur über das Internet. Niemand außer ihnen wusste, dass sie sich seit Monaten in Mails darüber ausgetauscht hatten, wie sie einen möglichst jungen Mann umbringen könnten. Am 16. Juli 2004 wurde Murats grausam zugerichtete Leiche in einem Waldstück bei Donauwörth gefunden.

Soll Murat zusammen mit einem anderen Mann ermordet haben: Mathias B. wurde über ein Phantombild mit dem Fall in Verbindung gebracht.

Sechs Wochen später, nachdem Aktenzeichen darüber berichtet hatte, konnte die Polizei die beiden Männer verhaften. Ein Phantombild hatte auf die Spur von Mathias B. geführt. Der Mann aus dem Landkreis Neuburg-Schrobenhausen erhielt eine lebenslange Freiheitsstrafe mit Feststellung der besonderen Schuld. Zusätzlich verhängte die Kammer noch anschließende Sicherungsverwahrung. Seinem Komplizen, dem Schweizer Berufssoldaten Rolf H., wurde in seinem Heimatland der Prozess gemacht.

Jo Groebel: „Die Zuschauer erleben doppelten Nervenkitzel“ bei „Aktenzeichen XY“

1981: Entführungsfall Ursula Herrmann

Als der oder die Entführer von ihrer Familie zwei Millionen Mark Lösegeld fordern, ist die zehnjährige Schülerin Ursula Herrmann aus Eching am Ammersee schon tot, erstickt in einer im Wald vergrabenen Holzkiste. Am 15. September 1981 war sie verschwunden, am 4. Oktober 1981 wird ihre Leiche gefunden. Der oder die Täter hatten mittels Telefonanrufen, bei denen via Tonband die Erkennungsmelodie von Radio Bayern 3 abgespielt wurde, Kontakt zu den Eltern aufgenommen.

Im Wald vergraben: In dieser Holzkiste wurde die Schülerin Ursula Herrmann im Herbst 1981 gefangen gehalten.

Der Fall ist mehrmals Thema der Fahndungssendung. Beim letzten Mal tritt Eduard Zimmermann fünf Jahre nach seinem Abschied nochmals vor die Kamera. In Interviews hatte er stets erklärt, dass dies sein schlimmster Fall in 35 Jahren gewesen sei. Das Tonbandgerät führt die Polizei schließlich zu Werner M. aus Kappeln (Schleswig-Holstein), der in den 80er-Jahren in Utting am Ammersee gelebt hatte. Er wird am 25. März 2010 zu lebenslanger Haft verurteilt.

50 Jahre „Aktenzeichen XY“: Der Bankräuber vom Gemeinderat

1976: Oetker-Entführung

Der Menschenraub beginnt am 14. Dezember 1976, gegen 18.45 Uhr auf einem Parkplatz der Universität Weihenstephan in Freising. Knapp 47 Stunden musste der damals 25 Jahre alte Student Richard Oetker in einer sarg­ähnlichen Holzkiste verbringen, ehe er - lebensgefährlich verletzt - freigelassen wurde. Die Unternehmerfamilie hatte zuvor 21 Millionen Mark Lösegeld bezahlt.

Verbrachte knapp 47 Stunden in einer sargähnlichen Holzkiste: Richard Oetker wurde im Alter von 25 Jahren entführt.

Eine beispiellose Fahndung beginnt: Nach über zwei Jahren kann eine Sonderkommission des Bayerischen Landeskriminalamtes einen Täter präsentieren, der die Tat aber hartnäckig leugnet - Dieter Zlof, heute 74. In einem Indizienprozess wird er zu 15 Jahren Haft verurteilt. Dass die Tausender aus dem Lösegeld bald ungültig sind, wird Zlof mehr als 20 Jahre später zum Verhängnis. Beim Versuch, die Scheine umzutauschen, wird er in London verhaftet und wegen versuchter Geldwäsche und Betrugs zu zwei Jahren Haft verurteilt.

rog

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