Regierungspräsidentin gewährt Einblicke in Einrichtung

780 Flüchtlinge unter einem Dach: So läuft der Alltag im Anker-Zentrum

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Triste Szenen in der Unterkunft: Eine Mutter sitzt zwischen ihrem Baby und Mülltonnen auf dem Gang.

780 Flüchtlinge leben aktuell in der Anker-Einrichtung in Fürstenfeldbruck. Einiges konnte die Regierung von Oberbayern dort verbessern, wie sie gestern bei einem Rundgang präsentierte. Doch noch immer müssen viele Asylbewerber monatelang auf eine Entscheidung warten. Rückführungen gelingen selten. Einige Flüchtlinge verschwinden spurlos.

Fürstenfeldbruck – Jedes Geräusch hallt laut durch die langen, menschenleeren Gänge. Es riecht wie in einer schlecht gelüfteten Turnhallen-Umkleide. Wie es an einem Ort unvermeidlich riecht, wenn hunderte Menschen auf engem Raum zusammenleben. Schier endlos reiht sich Tür an Tür. Hinter jeder stehen Stockbetten und Metallschränke. Manchmal sechs Betten, manchmal acht. Einige Bewohner haben bunte Tücher an Fenster und Wände gehängt, damit die tristen Räume etwas freundlicher aussehen. Denn viele der Menschen, die gerade darin leben, werden noch Monate hier verbringen.

Früher war hier die Luftwaffe untergebracht

Die ehemalige Fliegerhorst-Kaserne in Fürstenfeldbruck ist ein altes Gebäude. Früher war hier die Luftwaffe der Bundeswehr untergebracht. Seit 2014 leben dort Flüchtlinge. Seit vergangenem Sommer ist die Unterkunft eine Dependance des oberbayerischen Anker-Zentrums in Manching bei Ingolstadt.

Hinter den Anker-Einrichtungen steht die Idee, alle Behörden, die an einem Asylverfahren beteiligt sind, unter einem Dach zu vereinen und so die Verfahren zu beschleunigen. Auch Rückkehrberatung und Rechtsantragsstellen gehören in das Konzept. Was die Außenstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) angeht, ist Fürstenfeldbruck eine Ausnahme. Denn wegen der Nähe zu München, wo es bereits eine Bamf-Außenstelle gibt, sind in der Fliegerhorst-Unterkunft keine Bamf- Mitarbeiter untergebracht, berichtet Maria Els. Die Regierungspräsidentin von Oberbayern führte gestern Journalisten durch die sonst streng abgeschirmte Einrichtung. Sie präsentierte die Klassenräume, in der Berufsschüler unterrichtet werden, zeigte den Raum für die Kinderbetreuung, die Kleiderkammer, die vom BRK organisiert wird, die Beratungsstelle der Caritas und die Räume, in denen die Flüchtlinge medizinisch versorgt werden können.

Deutschunterricht gibt es nur für eine kleine Gruppe von Asylbewerbern.

Derzeit seien nur 780 der 1000 Plätze in der Unterkunft belegt, berichtet Els. Das habe die Probleme, die es in der Vergangenheit gegeben habe, etwas entschärft (2018 musste 330 Mal die Polizei in die Unterkunft kommen). Außerdem hat sich durch die Umwandlung zum Anker-Zentrum auch die Zusammensetzung der Bewohner verändert, erklärt die Regierungspräsidentin. „Früher waren die Bewohner zu 90 Prozent Nigerianer.“ Inzwischen liege ihr Anteil bei 70 Prozent. Weitere Herkunftsländer sind Afghanistan, Jemen, Jordanien und Syrien.

Regierung versucht, Konflikte zu entschärfen

Auch an anderer Stelle versucht die Regierung, die Konflikte durch das Zusammenleben so vieler Menschen zu entschärfen. „Wir wollen künftig zusätzliche Angebote zur Tagesstrukturierung machen“, kündigt Els an. Sportliche oder handwerkliche Aktivitäten zum Beispiel. Außerdem solle eine sozialpädagogische Fachkraft eingestellt werden. Keiner der Asylbewerber in der Unterkunft hat eine Arbeitserlaubnis – entweder wegen der schlechten Bleibeperspektive oder weil die Aufenthaltszeit in Deutschland noch weniger als drei Monate beträgt. Für die Flüchtlinge gibt es aber 80-Cent-Arbeitsgelegenheiten in der Unterkunft, betont Els. Zum Beispiel Aufräumtätigkeiten in der Kantine oder Hilfe beim Waschen.

Hinter jeder Tür leben vier, sechs oder acht Menschen zusammen.

„Die Verfahrensdauer beträgt mittlerweile im Schnitt sechs Monate“, sagt Els. In Manching sind es sogar nur drei Monate. Allerdings würden die meisten Asylbewerber, deren Antrag abgelehnt wird, vor dem Verwaltungsgericht klagen. Das Gerichtsverfahren dauere dann durchschnittlich noch mal neun Monate.

Lesen Sie dazu bei Merkur.de*: Blick hinter die Kulissen: So funktioniert das Ankerzentrum für Asylbewerber in Fürstenfeldbruck 

Von den Anker-Zentren hatte sich die Staatsregierung auch versprochen, abgelehnte Asylbewerber schneller abschieben zu können. Doch das scheint zumindest in Fürstenfeldbruck nicht zu gelingen. Grundsätzlich versuche man jeden Tag, einen Asylbewerber zurückzuführen, berichtete eine Mitarbeiterin der Zentralen Ausländerbehörde. „Dabei sind wir aber nicht sehr erfolgreich“, räumte sie ein. Vergangenes Jahr ist es nur 38 Mal gelungen. In den meisten Fällen traf die Polizei die Flüchtlinge nicht in den Zimmern an und musste wieder abrücken.

Immer wieder komme es auch vor, dass Flüchtlinge längere Zeit verschwunden sind, berichtet der Einrichtungsleiter Lars Pfaff. Wenn sie sich mehrere Tage nicht zurückmelden, bekommen sie kein Taschengeld mehr ausgezahlt. Aber es passiert hin und wieder auch, dass Flüchtlinge gar nicht mehr auftauchen – und spurlos verschwinden.

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