Die Gegner bringen sich in Stellung

Die tz am G7-Protest-Camp: Garmisch steht unter Strom

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Das Protestcamp in Garmisch-Partenkirchen: Am Freitagnachmittag waren die 1000 Plätze fast alle belegt.

Garmisch-Partenkirchen - Am Freitagmittag waren die 1000 Plätze im G7-Protest-Camp fast komplett belegt. Die tz hat sich vor Ort umgeschaut und -gehört.

Jürgen aus Waldkraiburg glaubt, dass es kracht.

Die Berge ringsum, das Rauschen der Loisach – ein Traum, dieses Camp. Wirklich der Gipfel, meint Markus anerkennend. Der junge Berliner ist zum ersten Mal im Werdenfelser Land, sieht zum ersten Mal die Zugspitze. „Ähnlich schön“ war’s höchstens noch auf der griechischen Insel Lesbos. Dort war er vor ein paar Jahren, um gegen die Flüchtlingspolitik der Europäer zu demonstrieren. Und natürlich ist er auch nicht nach Garmisch-Partenkirchen gekommen, um die Aussicht zu genießen. Er ist da, um „gegen die Kriege der selbst ernannten Herrscher der Welt und ihre Folgen“ zu demonstrieren (siehe Programm rechts). Wie all die anderen, die im StopG7-Camp wohnen. Langsam wird’s eng. Am Freitagmittag sind die 1000 Plätze fast komplett belegt.

Leon ist gegen neoliberalen Kapitalismus.

Und der Zustrom vom Bahnhof reißt nicht ab. Dort hätte eigentlich um 10 Uhr eine Kundgebung beginnen sollen, doch die vorgesehenen Redner, darunter zwei prominente Globalisierungsgegner aus Afghanistan und Indien stecken im Kontrollstau auf der Autobahn. Das sorgt für Ärger. Ebenso wie die nicht enden wollenden Kontrollen auf dem Bahnhofsvorplatz. Wobei auffällt, dass sich mehr die Organisatoren in Rage reden als die Teilnehmer.

Einer davon ist Leon (33) aus Stuttgart. Der IT-Fachmann hat kein Problem mit den Kontrollen. Ohnehin sei er bei der Anreise über München nur ein einziges Mal wirklich gefilzt worden. „Und das war in Stuttgart“, erzählt er schmunzelnd. Er ist gekommen, weil er festgestellt hat, „dass es eigentlich genug Ressourcen in der Welt gibt, aber der neoliberale Kapitalismus, den die G7 vertreten, dazu beiträgt, dass diese immer ungerechter verteilt werden.“ Man könne das ändern, ist er sich sicher, wenn man die anderen davon überzeuge. „Und zwar durch friedlichen Protest.“ Gewalt lehnt er ab. „Ich würde auch dazwischengehen, wenn einer eine Flasche wirft!“

Um friedlichen Protest geht es auch Margot Landgraf. Die rüstige 74-Jährige empfängt die G7-Gegner am Bahnhof mit einem Schild Demo bitte friedlich. Das ist aber längst nicht alles. Sie versorgt das Camp auch mit Kuchen und Obst. Ihre Botschaft an die Jugend: Habt Geduld. Veränderungen brauchen Zeit. Sie habe das beim Thema Gleichberechtigung erlebt.

Camp-Versorger wie sie gibt es übrigens viele. Angeliefert wird alles, was essbar ist – und glücklicherweise auch Sonnencreme. Die ist bei Temperaturen um die 30 Grad dringend nötig.

Es ist heiß in Garmisch-Partenkirchen. Und Jürgen aus Waldkraiburg ist sich sicher, dass es in den nächsten Tagen noch heißer wird. „Weil’s Krach geben wird!“ Der 49-Jährige aus Waldkraiburg wünscht sich das nicht, der hält es angesichts der weltpolitischen Lage aber für fast unvermeidlich. Er hat sich vor sieben, acht Jahren von seinem Fernseher getrennt, weil er die „Volksverdummung schlichtweg nicht mehr ertrug“. Seitdem versucht er sich selbst zu informieren, direkt und ungefiltert. Und deshalb ist er jetzt in Garmisch-Partenkirchen zum ersten Mal in seinem Leben auf einer Demo. Er wohnt im Camp, „weil ich mir selbst ein Bild davon machen will, was das für Leute sind“.

So wie er denken auch viele Garmisch-Partenkirchener. Viele radeln mal beim Camp vorbei, um sich ein Bild von der Protestgemeinde zu machen. Darunter auch der Eigentümer der Nachbarwiese, der mal „schauen will, ob noch alles steht“.

Derweil steht im Ortszentrum ein verzweifelter Helfer, der sein Radl sucht. „Ich war nur kurz im Laden, um mir einen Sonnenhut zu kaufen“, erzählt er. Den Strohhut hat er schon auf dem Kopf, aber dafür ist das Fahrrad geklaut. „Du fasst es nicht“, meint er, „bei 20 000 Polizisten in der Stadt …“

Ohne Radl sieht’s schlecht aus in der Marktgemeinde. Denn mit dem Auto ist man angesichts der zahlreichen Kontrollpunkte deutlich entschleunigt unterwegs. Das gilt unter Umständen auch für die Post, wie eine Passantin erleben musste, die verzweifelt ihren Briefkasten suchte – bis ihr einfiel, dass die ja aus Sicherheitsgründen abmontiert wurden.

Wolfgang de Ponte

G7-Gipfel-Ticker auf Merkur.de

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