tz-Report von den Kundgebungen in Garmisch

Proteste in der Postkartenidylle: Die Demo dahoam

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Die Demonstranten am Sonntag auf dem Weg nach Elmau.

München - Der G7-Gipfel auf Schloss Elmau ist im Gange, die Demonstranten haben zuvor auf mehreren Kundgebungen in Garmisch  ihren Unmut artikuliert. Der tz-Report:

Er hat alles mit seiner kleinen Filmkamera festgehalten: Den Aufbau der Schutzzäune rund ums Schloss Elmau, den Bau des Hubschrauberlandeplatzes, den Einzug der ersten Polizisten; die Sicherheitsmaßnahmen von Geschäftsleuten, die die Glasscheiben ihre Läden mit Brettern sichern – und er war dabei, als die ersten G7-Gegner ins Camp an der Loisach einzogen. Und jetzt ist der 62-Jährige aus Farchant wieder mit seinem Radl unterwegs. Denn gleich ist es soweit, die große Stop-G7-Demo beginnt. Für den ehemaligen Bäcker wird das sein ganz persönlicher Heimatfilm. Selbst mitgehen? „Lieber nicht“, meint er. Aber er hat Sympathien für einige der Standpunkte der Demonstranten. TTIP, das geplante Freihandelsabkommen mit den USA macht ihm auch Sorgen. Und dass die Schere zwischen Arm und Reich in der Welt immer weiter auseinander geht… Also beobachtet er das Ganze. Das tun auch andere Marktbewohner.

G7-Gipfel auf Schloss Elmau: Weniger Demonstranten als erwartet

Die Demo-Route ist dicht von Zaungästen gesäumt. Manche haben sich schon eine Stunde vorher in einem Straßencafé einen guten Platz gesichert. In der Konditorei Kneitinger ein paar Damen bei Kaffee und Kuchen. „Wir können doch nicht die ganze Welt retten…“ meint eine, als der schwarze Block vorbeimarschiert. Der Moment wird per Selfie festgehalten. Aber dann wird diskutiert. Braucht’s so viele Polizisten? Sind das Berufsdemonstranten oder arbeiten die auch? Solche Gespräche gibt es an jeder Ecke.

G7-Gipfel: Alle Infos rund um das Treffen der Spitzenpolitiker auf Schloss Elmau finden Sie auch im Live-Ticker von Merkur.de!

Franz Altenhofer ist enttäuscht: „Es hieß doch, Zehntausend kommen. Das sind doch nicht mehr als 2500.“ Und die Parolen? „Haben wir vor 40 Jahren auch schon skandiert, als es damals gegen den Vietnamkrieg ging.“ Er wundert sich, dass die Demo in Garmisch-Partenkirchen stattfindet. Dann hätt’ es auch Weilheim, Augsburg oder ein beliebig anderer Ort sein können. „Ich wär nach Elmau!“ Trotz Verbot? „Dort gehört der Protest hin! Wir haben Meinungs- und Versammlungsfreiheit!“

Wolfgang Betz hat Angst vor Randale. Er hat sein Teppichgeschäft in der Bahnhofstraße zugesperrt. Andere Geschäftsleute haben sicherheitshalber zusätzliche Versicherungspolicen abgeschlossen. Betz wäre es am liebsten, „wenn man die alle einsperren würde“. In jedem Fall sei es gut, dass so viel Polizei da sei. So sieht’s die Mehrzahl der Garmisch-Partenkirchner. Einer meint zwar trocken: „Die paar Demonstranten hätten wir auch mit der Freiwilligen Feuerwehr unter Kontrolle." Dafür muss er sich aber ein paar böse Worte anhören.

Gäste aus aller Welt sind für die Menschen in der Zugspitzregion eine Selbstverständlichkeit. Was sich da aber im G7-Camp an der Loisach versammelt haben soll, ist vielen unheimlich – bis man sich beim Discounter trifft. Die Hitze macht alle gleich, jeder lechzt nach Wasser, ob G-7-Gegner, Polizist oder Einheimischer. Und inzwischen ist auch klar: Von den angekündigten 3000 bis 4000 Gewalttätern ist die überwiegende Zahl offensichtlich zuhause geblieben. „Der schwarze Block hat hitzefrei“, meint ein Polizeisprecher am Samstag lapidar.

Respekt für Polizisten beim G7-Gipfel

Viele Jugendliche begleiten den Demo-Zug mit Fahrrädern – wie einen Marathon. „So etwas hab ich noch nie in echt gesehen“, ruft ein Mädchen begeistert ihrer Freundin zu – und ein Bub erklärt seiner Mama immer wieder, dass er unbedingt Polizist werden will.

Die jungen Männer und Frauen, die in ihrer schweren Einsatzmontur in erster Reihe stehen, genießen Respekt bei den Garmisch-Partenkirchnern. „Was die leisten“, meint eine ältere Frau anerkennend. Man sieht es in den Gesichtern, wenn die Helme zwischendurch abgesetzt werden. So erschöpft sehen Fußballer höchstens aus, wenn sie auch noch eine Verlängerung gespielt haben.

„Noch einen Tag, dann ist der Spuk vorbei“, beschreibt Anton Jocher (70) am Sonntagmittag besonders. wie bisher alles abgelaufen ist. Aber eines freut den Partenkirchner ganz besonders: „Ich hab mit vielen Polizisten gesprochen, die gemeint haben, sie kommen im nächsten Urlaub wieder. Und ich glaub, es hat auch vielen Demonstranten bei uns gut gefallen. Wenn die tatsächlich als ganz normale Gäste wiederkommen, dann wär der Gipfel für die Region tatsächlich ein runde Sache.

G7-Gipfel 2015: News-Ticker und die wichtigsten Fakten

Die wichtigsten Fragen und Antworten zum G7-Gipfel 2015 auf Schloss Elmau haben wir bereits zusammengefasst. In unserem News-Blog zum G7-Gipfel erfahren Sie die aktuellsten Nachrichten rund um das Großereignis auf Schloss Elmau.

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