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Geiselnahme in Straubing: So überlebte ich die Hölle

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Ein Krankenwagen fährt am 7. April 2009 vor, um die Verletzte zu versorgen © dpa

München - In ihrem Buch "Sieben Stunden im April" schildert die Gefängnisthe­rapeutin Susanne Preusker, wie sie von Mörder Ro­land K. in ihrem Büro als Geisel genommen und vergewaltigt wur­de

Serienkiller, Vergewaltiger, Betrü­ger – das war Susanne Preuskers Alltag hinter Straubinger Stachel­draht. Die Psychologin sollte den Häftlingen helfen, ihre Taten auf­zuarbeiten, sie auf ein Leben in Freiheit vorbereiten. Bis zum 7. April 2009, jenem Tag, seit dem sie selbst Hilfe braucht.

In ihrem Buch Sieben Stunden im April (Patmos-Verlag, 17,90 Euro) schildert die Gefängnisthe­rapeutin, wie sie von Mörder Ro­land K. in ihrem Büro als Geisel genommen und vergewaltigt wur­de (siehe unten). Schonungslos beschreibt sie die Tat, ihre Ängste, ihren Hass. „Das ist mei­ne Botschaft“, schließt sie nach 157 Seiten: „Überleben.“

Erstmals druckt die 51-Jährige darin auch einen Brief ab, den sie ihrem Peiniger schrieb: „Ihnen war völlig be­wusst, wie Sie mich verletzen und dauerhaft schädi­gen. (...) Sie haben es gewusst und beabsich­tigt. Das war doch genau das, was Sie wollten – mal wie­der eine Frau zutiefst demütigen und zer­stören.“ Der Brief hat seinen Adres­saten nie erreicht. Umso mehr hofft Susanne Preus­ker nun, anderen Opfern von Straftaten Mut zu machen. Zum Beispiel mit der Schilderung ihres Auftrittes als Nebenklägerin vor Gericht. Hand in Hand mit ihrem Mann betrat sie den Sit­zungssaal, stellte sich dem Blick des Angeklag­ten. Zehn Tage nach der Verge­waltigung hatte sie geheiratet. „Jetzt erst recht!“, hatte ihr Mann damals gesagt. Im Buch be­schreibt sie ihre Gefühle im Ge­richt: „Das letzte Opfer – tot. Das vorletzte Opfer – schwer geschä­digt (...). Einen Ehemann sieht er zum ersten Mal. Er hat Angst. Das sehe ich und das macht mich glücklich.“

Am 7. April 2009 war sie es, die Angst empfand: Todesangst! Denn sein Tatmuster kannte sie nur allzu gut aus den Akten. Er sagte zu ihr: „Ich will von der Sache hier was haben“, zerschnitt ihren BH, knebelte sie mit einem Schal. Preusker schreibt: „Mir wird schlecht und schwindelig. Ich weiß, dass sein letztes Opfer (Lehrerin Judith T., 25) an seiner Knebelung erstickt ist. Ich bin si­cher, gleich zu sterben.“ Sie fühlt sich verlassen, allein.

Noch heute kann Susanne Preus­ker nicht begreifen, wie ihr das am angeblich sichersten Ort Bay­erns passieren konnte. Ihren Zorn lässt sie nur gefiltert ins Buch einfließen – im Brief an einen Ex-Kollegen, der ihr Nest­beschmut­zung vorwarf: „Ich habe niemanden plattge­macht. Ich habe nur Fragen ge­stellt. Und zwar den Leuten, die in den sie­ben Stunden, in denen ich unter Todesangst immer wie­der verge­waltigt worden bin, ihre Arbeit nicht so gemacht haben, wie sie sie hätten machen müssen.“ Heute lebt die 51-Jährige in Magdeburg. Wenn sie im Theater nach einem Platz am Ausgang verlangt, sucht sie nicht mehr nach Ausreden, spricht ihr Trauma an. Auch sucht sie nach einer neuen Aufga­be im neuen Leben: „Meinen Rucksack trage ich weiter mit mir herum. Er ist leichter geworden. Leer ist er noch lange nicht.“

Das geschah am 7. April 2009 in Straubing

Es ist der 7. April 2009: Gegen 17.15 Uhr betritt Frauenmörder Roland K. (53) das Büro seiner Therapeutin Susanne Preusker. (51) im Hochsicherheitsgefängnis Strau­bing. Er will mit einer Brieffreun­din telefonieren, doch die Therapeutin ist im Aufbruch – sie ahnt nicht, dass K. sie kurz darauf mit einem selbstgebauten Messer, zwei Schnürsenkeln, einem Kle­beband und Sekun­denkleber gefügig machen und als Geisel nehmen wird. „Doch nicht der K.“, schießt es ihr durch den Kopf, als der einstige Mus­ter-Patient sie knebelt und verge­waltigt. Sie­ben Stunden Todesangst – während drau­ßen Spezialeinsatzkräfte stehen, Hubschrauber über der JVA krei­sen. Im Prozess vor dem Landge­richt Regensburg kommt raus: Es gibt in Straubing keine Codewör­ter für Notfälle, kein Personen­notrufsystem. K. wird für die Tat zu 14 Jahren Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung verur­teilt. Susanne Preusker hat Straubing verlassen, ihren Beruf als Psycho­login aufgegeben.

Jörg Völkerling

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