Erfundene Geschichte über krebskrankes Kind

Gemeinden fallen auf Kettenbrief rein

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Betreff: „Wunsch eines krebskranken Kindes“ – hier einige der von Gemeinden verschickte Kettenbriefe.

München - Seit mindestens zehn Jahren verschicken Gutgläubige einen Kettenbrief, um den angeblich ein siebenjähriger krebskranker Bub gebeten hat. Derzeit fallen eine ganze Anzahl von Gemeinden auf den Schwindel rein. Denn das Kind hat es nie gegeben.

Die Geschichte klingt herzzerreißend: Ein Siebenjähriger ist an Krebs erkrankt. Er liegt im Universitätsklinikum Tulln in Niederösterreich. Sein letzter Wunsch: Er will den längsten Kettenbrief der Welt erzielen und einen Eintrag im Guinness Buch der Rekorde erreichen.

So rührend – und so ein Quatsch. „Dieses Kind existiert nicht und hat auch nie existiert“, erklärt die Technische Universität Berlin, die zu Ketten-Fälschungen per Email, Briefpost oder Facebook eine eigene Forschungsstelle unterhält. „Bitte verbreiten Sie diesen Kettenbrief und solche ähnlicher Art nicht weiter“, lautet der Appell der TU. Und das Guiness Buch nimmt keine derartigen Rekorde auf.

Aber vergebens: Viele Behörden, Firmen und Privatpersonen sind auf den Kettenbrief schon hereingefallen. Derzeit kursiert er auch in Ober- und Niederbayern. Unserer Redaktion liegen Schreiben von zehn Gemeinden vor, die den Brief gutgläubig weitergeleitet haben – zum Beispiel Fürstenfeldbruck, Bad Griesbach, Brunnthal, Rott (Kreis Landsberg), Schönau oder Postmünster bei Landshut. Der Betreff ist stets derselbe: „Wunsch eines krebskranken Kindes“, darunter wird in ein bis zwei Sätzen der Fall des Siebenjährigen geschildert und dann die Bitte geäußert, den Brief doch an „zehn Unternehmen, Schulen, Behörden o. ä. weiterzuleiten“. Unterschrieben haben zumeist die Bürgermeister – auch Amtspersonen sind vor Irrtum also nicht gefeit.

Immer wieder wurde in den Medien vor dem Kettenbrief gewarnt

Dem Schwindel nicht aufgesessen ist Petra Riedmair, Inhaberin eines Elektro-Geschäfts in Moorenweis (Kreis Fürstenfeldbruck). Sie erhielt den Brief vom örtlichen Lebensmittelhändler zugeschickt, der ihn wiederum von der Gemeindeverwaltung erhalten hatte. Moorenweis wiederum wurde von den Stadtwerken Fürstenfeldbruck angeschrieben, die wiederum von der Stadt Fürstenfeldbruck, wo ihn der derzeit amtierende zweite Bürgermeister Erich Raff (CSU) unterschrieben hatte. Warum auch nicht – er hatte den Brief ja von der Gemeinde Gräfelfing empfangen. Gräfelfing wiederum von Brunnthal. Und so weiter.

Ein paar Klicks im Internet – dann wusste Petra Riedmair Bescheid. Die ersten Exemplare erhielt die TU Berlin im Sommer 2004. Danach wurde immer wieder in den Medien vor dem Kettenbrief gewarnt – schon 2007 beispielsweise im Maintal, 2013 in Leverkusen, Anfang 2015 in Stuttgart.

"Wir weisen darauf hin, dass es dieses Kind nicht gibt"

Aber Kettenbriefe sind ein nicht tot zu kriegendes Phänomen. Es funktioniert wie folgt: Ein Absender verschickt zehn Briefe mit der Bitte, der Empfänger möge seinerseits zehn Briefe an Personen seiner Wahl weiterschicken. Angenommen, jeder tut das, so gibt es nach dem fünften Empfänger schon ein theoretisches Aufkommen von 100 000 Briefen. Theoretisch – denn wie sollte man diese Zahl überprüfen?

Dieses Problems war sich offenbar der – bis heute unbekannte – Erst-Absender des Kettenbriefs bewusst. Denn er endete mit einer raffinierten Bitte: Jeder, der den Brief weiterverschickt, solle die Adressaten in einem Schreiben an das Universitätsklinikum Tulln mitteilen. Was auch die Bürgermeister unserer Gemeinden übrigens pflichtbewusst getan haben.

In Tulln stöhnt man nur noch über diese Art der Fürsorge. Seit Jahren erreichen das Klinikum täglich bis zu hundert Bestätigungsschreiben. „Wir weisen darauf hin, dass es dieses Kind nicht gibt. Die hinter diesem Kettenbrief stehende Motivation und der Zusammenhang mit dem Universitätsklinikum Tulln sind uns nicht bekannt“, heißt es auf der Homepage des Krankenhauses. Trotzdem „kommen laufend Briefe, derzeit 20 bis 30 pro Tag“, erklärt ein Sprecher gegenüber unserer Zeitung. Was sie mit den Schreiben tun, sagt er auch: „Wir schmeißen sie weg.“

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