Wollte er einen Bub entführen?

Gerichtsgutachter selbst ein Psycho?

Aschaffenburg - Jahrelang war er als der biedere Gerichtsgutachter bekannt – aber was spielt sich im Kopf von Professor Martin K. wirklich ab? Er soll versucht haben, einen 12-Jährigen zu entführen.

In einem kleinen Vorort von Aschaffenburg soll der 52-Jährige bereits im November versucht haben, einen 12-Jährigen zu entführen.

Immer wieder soll der Leiter der Würzburger Klinik für Forensische Psychiatrie betont haben, dass er Psychiater sei und den Jungen „nur retten“ wolle. Nur kannten der Bub und seine Großeltern, in deren Hausflur sich die seltsame Attacke abgespielt haben soll, den Professor gar nicht …

Dafür kennen ihn Bayerns Juristen umso besser: In unzähligen Schwurgerichtsverfahren an Landgerichten hat K. psychiatrische Sachverständigengutachten über die Angeklagten erstattet. Seine Expertisen entschieden über Knast oder Krankenhaus. Ein Satz von ihm machte aus Lebenslang eine begrenzte Freiheitsstrafe – oder andersrum. Nun muss sich der aus Miesbach stammende K. selbst auf seinen Geisteszustand untersuchen lassen: „Ich habe ein Sachverständigengutachten zur Frage der Schuldfähigkeit in Auftrag gegeben“, sagte Aschaffenburgs Leitender Oberstaatsanwalt Lothar Schmitt gestern auf tz-Anfrage. Spätestens im Mai soll es vorliegen – und über K.’s weiteres Schicksal entscheiden.

Seit drei Monaten läuft ein Ermittlungsverfahren wegen versuchter Entziehung Minderjähriger gegen ihn. Darauf stehen bis zu fünf Jahre Haft. Von seiner Tätigkeit als Gutachter wurde K. sofort entbunden. In seiner Klinik am Würzburger Steinberg wurde er seitdem nicht mehr gesehen: „Er ist einfach krank“, sagt Oberstaatsanwalt Schmitt. Pikant: Schmitt war selbst lange Vorsitzender Richter in Würzburg und vertraute auf die Expertisen des Professors Dr. K. Sein „äußerst ungewöhnliches Verhalten“ (Schmitt) kann im Extremfall die Wiederaufnahme diverser Verfahren bedeuten, an denen K. mitwirkte. So schrieb der Psychiater unter anderem ein Gutachten im Winzermord (siehe rechts) sowie im Foltermord von Volkach. Das Justizministerium ist alarmiert. Es wies das OLG Bamberg an, eine Materialsammlung über alle infrage kommenden Prozesse ab 2012 zu erstellen.

Und was sagt K.? Bei der Polizei-Befragung hat er Angaben zur Sache gemacht und von einem „Missverständnis“ gesprochen. Allerdings forschte er zuletzt am Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom, einer speziellen Form der Kindesmisshandlung. Vielleicht ist ja auch hier sein Motiv zu suchen.

Müssen diese Fälle neu aufgerollt werden?

Der Foltermord von Volkach

Harald G. (57) hatte seine Stiefmutter in einem alten Keller zu Tode gefoltert. Martin K. schrieb das Gutachten.

Der Winzermord von Dettelbach

Siegfried L. (57) steckte seinen Bruder in ein Weinfass. Wegen des Gutachtens kam er mit zehneinhalb Jahren Haft günstig weg.

Der Kindsmord von Tauperlitz

2007 diagnostizierte K. bei Iris S. (39) Depressionen! Sie hatte ihren Sohn Ben getötet, die Leiche dann in einen See geworfen.

tz

Rubriklistenbild: © Symbolfoto: dpa

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