Deutliches Ergebnis

Gemeinderat entscheidet: Hitler ist Ex-Ehrenbürger

Dietramszell – In einer extrem emotionalen Sitzung hat am Dienstagabend der Dietramszeller Gemeinderat Hitler und Hindenburg die Ehrenbürgerwürde förmlich aberkannt.

Es war der zweite Anlauf in dieser Sache. Jetzt war das Gremium im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen vollständig, und das Votum war mit 21:0 Stimmen so klar wie nur irgend möglich.

In Dietramszell war am Dienstagabend auffallend viel Polizei präsent. Zufall? Wohl kaum. Denn im Humbacher Feuerwehrhaus ging es um das Thema Hitler, und da merkt die Ordnungsmacht eben auf. Die Gemeinderäte trafen sich, um einen Beschluss von der vergangenen Woche zu korrigieren, der sich als fatal erwiesen hatte. Mit acht zu acht Stimmen hatte der Rat es abgelehnt, sich von der Ehrenbürgerwürde für Hitler und andere Politiker des Dritten Reiches zu distanzieren. Seither sehen sich die Räte im Dorf einem Spießrutenlauf ausgesetzt, ihre Heimat ist in Verruf geraten, ein Riss geht durchs Dorf.

All das sollte gestern korrigiert werden. Zu einer Demonstration vor dem Feuerwehrhaus kam es nicht, die Polizei musste nicht eingreifen. Dafür war im Sitzungssaal einiges los: Etwa 50 Zuhörer wollten Zeuge werden, wie der Rat die hochnotpeinliche Sache aus der Welt schafft. Der Auftakt ging daneben, denn gleich zu Beginn verbat sich das Gremium (mit Ausnahme von Hubert Prömmer), fotografiert zu werden. Das provozierte Unmutsbekundungen. Die Stimmung war aufgeheizt.

Bürgermeisterin Leni Gröbmaier bedauerte in ihren einleitenden Worten, dass es so weit gekommen war. „Es ist ein Eindruck entstanden, der uns nicht gerecht wird“, sagte sie. Auf der einen Seite nahm sie ihre Gemeinderäte in Schutz: „Das Thema ist einfach nur unterschätzt worden, ich bin sicher, dass hier niemand braunes Gedankengut hegt.“ Auf der anderen Seite sah sie sich veranlasst, zwei Referenten einzuladen, die dem Gemeinderat den Ernst der Sache vermitteln sollten: Amelie Fried und Peter Probst, seit mehr als 20 Jahren Wahl-Dietramszeller und gegen rechte Gewalt engagiert.

Bevor das Schriftsteller-Ehepaar das Wort erhielt, las Barbara Regul eine Erklärung jener acht Gemeinderäte vor, die sich vergangenen Dienstag gegen die Distanzierung ausgesprochen hatten (siehe Kasten). Regul ist die Einzige der acht Räte, die sich öffentlich zu ihrem Votum bekannte. Die anderen sieben wurden nicht mit Namen genannt, auch nicht auf Nachfrage von Waltraud Bauhof. „Steht auf, versteckt Euch nicht“, sagte sie. Doch das ließ Gröbmaier nicht zu. „Wir sollten vermeiden, dass einzelne stigmatisiert werden.“

Dann gab Gröbmaier Peter Probst das Wort. Das gefiel Georg Häsch gar nicht, er rief dazwischen: „Stimmen wir doch sofort ab, wir werden hier in eine Ecke gestellt, wo wir nicht hingehören.“ Konter Probst: „Bitte ertragen Sie, wenn Sie eine andere Meinung hören.“ Der bekannte Drehbuch-Autor sprach etwa zehn Minuten, bezeichnete das Votum der vergangenen Woche als „unsäglich einzigartig“, und appellierte: „Revidieren Sie diesen schrecklichen Beschluss.“ Dafür erhielt er von den Zuhörern Applaus.

Die Journalistin und Moderatorin Amelie Fried, die aus einer jüdischen Familie stammt – viele ihrer Verwandten sind in Konzentrationslagern umgebracht worden – hatte in den vergangenen Tagen nur einen Gedanken: „Hier möchte ich nicht mehr leben.“ Sie erzählte etwa fünf Minuten mit großem Ernst aus ihrer Familiengeschichte. Die Gesichter der Gemeinderäte versteinerten.

Auf Anregung von Peter Probst distanzierte sich das Gremium nicht nur von der Ehrenbürgerwürde für Hitler und Hindenburg, sondern erkannte sie ihnen sogar förmlich ab. Mehr geht nicht. Wieder gab es Applaus von den Zuhörern – diesmal für den Gemeinderat.

Volker Ufertinger

Rubriklistenbild: © Sabine Hermsdorf

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