Warum Nadine ihr Kind umbrachte

Getötetes Baby: Wende im Prozess

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Nadine K. vor Gericht.

Regensburg - Nadine K. (20) soll ihr Baby getötet haben. Im Prozess kam es nun zu einer Wende: Die Staatsanwältin rückte vom Heimtücke-Vorwurf ab.

Hinter dem toten Baby von Saal steht offenbar eine Familientragödie von unfassbarem Ausmaß: In ihrem Plädoyer gegen Metzgereiverkäuferin Nadine K. (20) rückte Staatsanwältin Ulrike Klein am Montag vom Heimtückevorwurf ab, bezeichnete die Angeklagte im Gegenteil sogar selbst als Opfer!

Unfassbar: Die junge Frau, die laut Anklageschrift ihr Neugeborenes mit einem Schnitt in den Hals tötete, empfand bei der Geburt sogar Glücksgefühle! „Sie nahm es auf den Arm, putzte es ab“, so schilderte die Staatsanwältin das Geständnis in der bisher nicht öffentlichen Verhandlung. Doch zugleich habe sie sich in einem Gefühlschaos befunden: Vom Freund und Kindsvater verlassen, von der Familie unverstanden. Sie habe sich gefragt, wie sie das Kind unter diesen Umständen allein würde aufziehen können. Daher habe sie ein Paketmesser genommen und es getötet. „Sie sah dabei nicht hin, deckte den Schnitt danach mit einem Tuch ab.“

Monatelang bewahrte sie den Leichnam in der elterlichen Garage auf, ging wohl auch immer wieder zum Beten dorthin. Schließlich brachte sie ihren zunächst namenlos gebliebenen Sohn an die Donau: „... auf dass der Fluss den Leichnam und damit auch ihre Sorge wegschwemme“, so Staatsanwältin Klein in ihrem bewegenden Plädoyer vor dem Landgericht Regensburg.

Die Ermittler tauften das Baby aufgrund der Auffindesituation in einem Einkaufskorb „Moses“. Nachdem man der Verkäuferin auf die Spur gekommen war, nannte sie es selbst Moses. Dass man sie überhaupt überführte, daran hatte ausgerechnet die Mutter der Angeklagten großen Anteil: „Das ist doch dein Korb“, sagte sie, als die Beamten Nadine K. das Beweismittel auf den Tisch stellten. Einkaufszettel in dem Korb hatten auf ihre Fährte geführt. Und um ihre Tochter zu überführen, kramte die Mutter dann auch noch den Kaufbeleg für den Korb heraus.

Eine Stunde später sprang Mutter Kerstin K. vor einen Zug. In ihrem Abschiedsbrief schrieb sie: „Seit ich das Bild am Donnerstag in der Zeitung gesehen habe, weiß ich, was Nadine gemacht hat.“ An ihre Tochter schrieb sie keinen Abschiedsbrief. Schweigen war auch sonst in der Familie an der Tagesordnung. Das Fazit der Staatsanwältin: „Sie ist nicht allein schuld, sie ist keine gewissenlose Mörderin.“ Ihre Familie sieht das offenbar anders. Außer ihrer Tante besuchte sie seit ihrer Festnahme niemand. „Man macht sie für den Tod der Mutter verantwortlich und sagt: Du bist für uns gestorben.“ Aus diesem Grund beantragte Ulrike Klein eine verhältnismäßig milde Strafe von sechs Jahren und neun Monaten wegen Totschlags. Ihr Verteidiger Michael Haizmann forderte fünf Jahre. Am Dienstag um 10.30 Uhr wird man sehen, ob Richter Carl Pfeiffer die Tötung eines Kindes in ähnlich mildem Licht sieht ...

tz

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