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Die vergessenen Symbole der Trauer - Kunstschmied will das Wissen bewahren

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Von: Katrin Woitsch

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Im Bann der Grabkreuze: Matthias Larasser-Bergmeister ist Kunstschmied. Schon von Berufs wegen interessiert er sich seit Jahren für Grabkreuze. Doch viel Wissen über die Symbolik geht verloren. Er will es bewahren – mit einem Grabkreuzmuseum. © Stefan Rossmann

Wenn Matthias Larasser-Bergmeister über einen Friedhof spaziert, sieht er überall Geschichten. Sie stecken in den Grabkreuzen. Die meisten Symbole kennt heute niemand mehr. Er möchte das Wissen bewahren.

Ebersberg – Der pensionierte Schulrat kam immer wieder. Anderthalb Jahre lang. Er ließ sich von Matthias Larasser-Bergmeister durch das Grabkreuz-Museum führen, stellte Fragen, machte sich Notizen. Bis er genau wusste, wie sein Grabkreuz aussehen soll. 

„Das war damals extrem spannend für uns beide“, sagt Larasser-Bergmeister. Denn der 54-jährige Kunstschmied erlebt es selten, dass sich Menschen so viele Gedanken um ihr Grabkreuz machen, bevor sie oder ihre Familien es bei ihm in Auftrag geben. Immer mehr verzichten ganz darauf, entscheiden sich für einen unpersönlichen Grabstein, erzählt er. Oder noch schlimmer: für „jede Menge Kitsch und Schmarrn“ auf dem Grab. Und das ist für jemanden wie Larasser-Bergmeister, der sich sein ganzes Leben lang mit der Trauer-Symbolik befasst hat, schwer zu ertragen.

So wie ihm ging es schon seinem Onkel und seinem Vater. Beide ebenfalls Kunstschmiede. Sie hatten vor Jahrzehnten damit begonnen, alte Grabkreuze zu bewahren, zu restaurieren, auszustellen und zu erklären. So ist das Grabkreuzmuseum in Ebersberg entstanden. Wenn Gräber in Oberbayern aufgelöst und alte Kreuze ausrangiert wurden, landeten sie oft in der ehemaligen Werkstatt, in der Larasser-Bergmeister noch seine Ausbildung gemacht hatte. Heute steht dort ein Kreuz neben dem anderen. Rund 500 sind es inzwischen. „Ich bin sicher, das ist die größte Sammlung, die es gibt“, sagt Larasser-Bergmeister. Ginge es nach ihm, wäre sie noch größer – nur der Platz geht ihm aus.

Früher war der Tod mit Hoffnung verbunden

Kreuz an Kreuz stehen sie auf mehrere Räume verteilt. Ein Anblick, der im ersten Moment etwas düster ist. Doch was Larasser-Bergmeister über die Grabkreuze zu erzählen hat, ist alles andere als bedrückend. Am liebsten bleibt er mit seinen Besuchern zuerst vor einigen Kreuzen aus dem Mittelalter stehen. Denn sie haben eine ganz besondere Symbolik. 

„Damals hat man sogenannte Seelenhäuschen am Kreuz angebracht“, erzählt der 54-Jährige und deutet auf die kleinen Kästchen, die von vorne und hinten zu öffnen sind. „Die Menschen glaubten, dass die Seele der Toten noch drei Tage am Grab bleibt, bevor sie aufersteht. Dafür sollte sie einen geschützten Raum haben.“ In die Häuschen wurden Gebete gelegt, die die Seele auf ihrer Reise begleiten sollten.

Das ist nur ein Beispiel dafür, wie groß die Bedeutung von Symbolen früher war. „Der Tod war damals viel mehr Teil des Lebens als heute“, erklärt Larasser-Bergmeister. Die Menschen starben viel jünger, einige schon als Kinder. „Traurig war’s immer – aber mit viel mehr Hoffnung verbunden.“

Lilien sind Zeichen der Reinheit

Und mit schönen Symbolen, findet er. Er läuft ein paar Schritte durch den Raum, bleibt vor einigen Grabkreuzen mit eisernen Blüten stehen. Lilien sind Zeichen der Reinheit, erklärt er. Das Motiv des Lebensbaums taucht immer wieder auf. Oder der Ring, als Zeichen der Unendlichkeit. „Aber auch eingearbeitete Bergkristalle waren beliebt“, sagt er. „Sie standen für Licht, für das Göttliche.“ Viele Kreuze waren bunt gestaltet. „Die Menschen waren früher viel gläubiger als heute“, erklärt er. Und deshalb auch viel hoffnungsvoller. Das sah man den Kreuzen an. Sie symbolisierten den Übergang ins Paradies, die Erlösung von weltlichen Qualen – oft auch die guten Wünsche, die die Toten mit auf den Weg bekamen. 

„Auf jeden Fall sieht man, dass sich die Menschen damals viel mehr mit dem Sterben auseinandergesetzt haben“, sagt Larasser-Bergmeister. Wenn er über einen Friedhof spaziert und einen grauen Stein neben dem anderen sieht, macht er sich manchmal Sorgen um den Verfall der Sepulkralkultur in Deutschland. 

„Früher“, sagt er, „als Eisen teuer war, konnten sich nur die Reichen die Kreuze leisten.“ Heute seien sie aber nicht teurer als Grabsteine. „Nur wissen eben die meisten Menschen nicht mehr, was die Symbole bedeuten.“ Ein Stein sei eben schnell ausgesucht, sagt er. Mit einem Kreuz müsse man sich intensiver befassen.

Larasser-Bergmeister wertet es als gutes Zeichen, dass ständig Gäste in sein Museum kommen, um mehr über die Symbolik von Grabkreuzen zu erfahren. „Werbung machen muss ich nicht“, sagt er. Trotzdem passiert es gelegentlich, dass er auch mal einen Auftrag ablehnt. Einmal kam ein Mann zu ihm, der ein Kreuz wollte, in das ein chinesischer Glücksdrachen beißt. Larasser-Bergmeister schüttelt verständnislos den Kopf. Aber dann gibt es eben auch die anderen Fälle. Zum Beispiel das Ehepaar aus der Schweiz, das sich von ihm ein Kreuz anfertigen ließ. Es steht nun bis zu ihrem Tod in ihrem Garten, berichtet er. Neulich haben sie ihm einen Brief geschrieben, dass sie sich jeden Tag daran erfreuen.

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