Er genießt seine Freiheit

Gustl Mollath - der Bayer des Jahres

Mollath
+
Als Mollath am 6. August 2013 endlich aus der Psychiatrie entlassen wurde, besaß er nichts mehr – außer seinem selbst gezogenen Orangenbäumchen.

Regensburg - Nach sieben Jahren wurde Gustl Mollath am 6. August 2013 aus der Psychiatrie entlassen. Seither versucht er sein Leben in Freiheit so gut es geht zu genießen - doch noch immer werden ihm dabei Steine in den Weg gelegt.

Gustl Mollath hat die Freiheit wieder – aber der Staat, der ihn sieben Jahre in der Zwangspsychiatrie hat schmoren lassen, verwehrt dem 57-Jährigen jegliche Hilfe. „Sie haben ihn einfach vor die Tür gesetzt“, sagt Mollaths Anwalt Gerhard Strate. Wenn es nicht das große Netzwerk von Sympathisanten gäbe, die Deutschlands berühmtesten Psychiatriepatienten unterstützen, würde Mollath völlig mittellos, hilf- und obdachlos dastehen.

So kann er von den Spenden seiner Unterstützer leben, bis er eine Arbeit findet – und er hat Freunde, die sich um ihn kümmern. Etwa den Oberpfälzer Brauerei­besitzer Franz Xaver Glossner senior, der sich über die mangelnde staatliche Hilfe für Mollath entrüstet: „Ein Straftäter bekommt einen Bewährungshelfer, an den er sich wenden kann, wenn er zum Beispiel Unterstützung bei der beruflichen Orientierung braucht. Mich ärgert diese mechanistische, unmenschliche Härte – er wird entlassen und steht auf der Straße.“

Geld ist Mollath nicht so wichtig, sein Führerschein aber schon

Dank der zahlreichen Unterstützer kann Mollath seine wiedergewonnene Freiheit aber durchaus auch genießen. Ein Freund hat dem einstigen Oldtimer-Restaurator einen alten Mercedes geschenkt – mit dem ist der so lange auf wenige Quad­rat­meter der Bayreuther Psychiatrie eingesperrte Mollath nun in Deutschland „on the road“.

Aber auch da gibt es gleich wieder ein Pro­blem: Mollath hat noch immer seinen Führerschein nicht zurückbekommen! Der liegt – zusammen mit allen anderen Dokumenten, aber auch einem Foto der Mutter Mollaths – nach wie vor bei der Ex-Frau Petra M. Diese erklärte gegenüber dem Nordbayerischen Kurier, sie habe Mollaths Unterlagen in Kisten aufbewahrt – „sauber verpackt und akri­bisch gefaltet“.

Obwohl Anwalt Strate darauf geklagt hat, diese Habseligkeiten an Mollath zurückzugeben, ist bislang nichts passiert: „Die Justiz macht keine Anstalten, die Unterlagen bei Frau Mollath sicherzustellen“, so Strate zur tz. So riskiert Mollath Ärger mit der Polizei, wenn er ohne seinen Führerschein in eine Verkehrskontrolle geraten sollte. „Er kann sehr bescheiden leben, Geld ist Mollath nicht so wichtig“, so Strate. „Aber der Führerschein ist für ihn entscheidend!

Mollath besucht jetzt Sehnsuchtsorte - auch die Zugspitze

Mollath besucht jetzt all die Orte, von denen er in den sieben Jahren in der Psychiatrie nur träumen konnte: Schloss Sanssouci in Potsdam, das Grab von Hölderlin in Tübingen. „Ich genieße die Freiheit zu unternehmen, wozu ich Lust habe!“, so der 57-Jährige im Stern. „Vergangenes Jahr zu Weihnachten hockte ich noch allein in meinem Zimmer in der Psychiatrie, in diesem Jahr kann alles nur besser werden!

Von seinen Ausflügen schickt er Strate Postkartengrüße: Er sei unterwegs von „Monte Christo nach Eldorado“ – in Anspielung auf den Grafen von Monte Christo aus dem Roman von Alexandre Dumas, der wie Mollath jahrelang unschuldig im Kerker saß. Eldorado – das sind Mollaths Sehnsuchtsorte wie zum Beispiel die Zugspitze. Begleitet wurde er auf den höchsten Gipfel Deutschlands von zwei jungen Filmhochschülerinnen, die ihren Abschlussfilm über den Justiz-Skandal drehen. Annika Blendel, eine der beiden jungen Filmemacherinnen, erzählte der tz, dass sie Mollath schon in der Psychiatrie in Bayreuth besucht hatte. Als sie zusammen auf der Zugspitze waren, beobachtete Mollath Bergsteiger, die mit Steig­eisen nach oben kletterten: „Das kann ich ohne“, rief der 57-Jährige da plötzlich – und kraxelte hoch. Seine Lebensfreude ist zurückgekehrt – auch ohne staatliche Hilfe … Mollath ist sich sicher, dass er freigesprochen wird, wenn am 7. Juli sein Prozess um die angeblichen Attacken gegen seine Ex-Frau und die Reifenstechereien wieder aufgenommen wird. Einen Neujahrsvorsatz hat er auch: „Abnehmen zum Beispiel möchte ich.“ Ansonsten freut er sich darauf, in der Garage eines Freundes an seinem alten Autobianchi herumzuschrauben.

Fall Gustl Mollath - Eine Chronologie

Der Fall Gustl Mollath - Eine Chronologie

November 2002: Mollath wird von seiner Frau wegen Körperverletzung angezeigt. Er soll sie im August 2001 ohne Grund mindestens 20-mal mit den Fäusten geschlagen haben. Außerdem habe er sie gebissen, getreten und sie bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt. Mollath bestreitet die Vorwürfe. © dpa
Mai 2003: Die Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth erhebt Anklage wegen gefährlicher Körperverletzung und Freiheitsberaubung. © dpa
September 2003: Die Hauptverhandlung beginnt vor dem Amtsgericht Nürnberg. Im April 2004 wird sie fortgesetzt. Ein Gutachter attestiert Mollath gravierende psychische Störungen. © dpa
Dezember 2003: Mollath erstattet Strafanzeige gegen seine Frau, weitere Mitarbeiter der HypoVereinsbank und 24 Kunden wegen Steuerhinterziehung, Schwarzgeld- und Insidergeschäften. © dpa
Februar 2004: Die Anzeige wird von der Staatsanwaltschaft abgelegt. Die Angaben seien zu unkonkret für ein Ermittlungsverfahren. © dpa
Juni 2004: Mollath muss zur Begutachtung ins Bezirkskrankenhaus Erlangen, kommt aber wieder frei. Im Februar 2005 wird er in das Bezirkskrankenhaus Bayreuth eingewiesen. Dort bringt er fünf Wochen zu. © dpa
August 2006: Ein Gutachter bescheinigt Mollath wahnhafte psychische Störung und paranoide Symptome. Das Landgericht Nürnberg spricht Mollath wegen Schuldunfähigkeit von der Anklage der Körperverletzung, Freiheitsberaubung und Sachbeschädigung frei. Aber es ordnet seine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an, weil er eine Gefahr für die Allgemeinheit darstelle. Er ist bis heute im Bezirkskrankenhaus Bayreuth untergebracht. © dpa
Februar 2007: Der Bundesgerichtshof verwirft Mollaths Revision als unbegründet. © dpa
März 2012: Die bayerische Justizministerin Beate Merk (CSU) sagt im Landtag, Mollaths Strafanzeige wegen der Bankgeschäfte seiner Frau sei „weder Auslöser noch Hauptanlass noch überhaupt ein Grund für seine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus gewesen“. Seine Vorwürfe gegen die Bank hätten keinen begründeten Anfangsverdacht für Ermittlungen ergeben. © dpa
November 2012: Ein interner Revisionsbericht der HypoVereinsbank aus dem Jahr 2003 wird publik. Danach traf ein Teil von Mollaths Vorwürfen zu. Die Freien Wähler fordern Merks Rücktritt und einen Untersuchungsausschuss. © dpa
30. November 2012: Merk will den Fall Mollath komplett neu aufrollen lassen und ordnet einen Wiederaufnahmeantrag wegen möglicher Befangenheit eines Richters an. © dpa
18. März 2013: Die Staatsanwaltschaft beantragt die Wiederaufnahme wegen neuer Tatsachen, die dem Gericht bei der Verurteilung 2006 noch nicht bekannt gewesen seien. Entscheiden muss das Landgericht Regensburg. © dpa
26. April 2013: Der Mollath-Untersuchungsausschuss tritt erstmals zusammen. © dpa
28. Mai 2013: Das Landgericht Regensburg lehnt eine Entscheidung über Mollaths Psychiatrie-Unterbringung vor der Prüfung des Wiederaufnahmeantrags ab. © dpa
09. Juli: Der Untersuchungsausschusses geht zu Ende. SPD, Grüne und Freie Wähler sehen gravierende Fehler bei den Ermittlern und bei Merk und verlangten deren Entlassung. CSU und FDP sehen keine Fehler bei Merk. © dpa
22. Juli: Nach dem Landgericht Regensburg weist auch das Oberlandesgericht Nürnberg einen Befangenheitsantrag von Mollaths Anwalt gegen einen Richter ab. © dpa
24. Juli: Das Landgericht Regensburg weist die Anträge zur Wiederaufnahme des Mollath-Prozesses zurück. © dpa
6. August: Der seit Jahren in Bayern in der Psychiatrie sitzende Gustl Mollath kommt überraschend frei. Das Strafverfahren gegen ihn wird wieder aufgenommen. Das hat das Oberlandesgericht Nürnberg beschlossen. © picture alliance / dpa
5. September: Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe gibt einer Beschwerde Mollaths statt. Seine Unterbringung in der Psychiatrie war demnach seit 2011 verfassungswidrig. Die damaligen Beschlüsse des Landgerichts Bayreuth und des Oberlandesgerichts Bamberg zur Unterbringung Mollaths seien nicht gut genug begründet gewesen. © dpa
12. Dezember: Das Landgericht Regensburg kündigt an, dass es Mollath erneut psychiatrisch begutachten lassen will. Mollath lässt über seinen Anwalt mitteilen, dass er dies ablehnt. © dpa
19. Dezember: Das Landgericht Regensburg teilt mit, dass das Wiederaufnahmeverfahren gegen Mollath am 7. Juli 2014 beginnt. © dpa
7. Juli 2014: Vor dem Landgericht Regensburg beginnt das Wiederaufnahmeverfahren gegen Mollath. © dpa
23. Juli 2014: Die beiden Verteidiger von Mollath - Gerhard Strate (Mitte) und Johannes Rauwaldt (rechts) - legen nach Unstimmigkeiten mit dem Nürnberger ihr Mandat nieder. Das Gericht bestimmt sie zu Pflichtverteidigern. © dpa
08. August 2014: Die Staatsanwaltschaft - Oberstaatsanwalt Wolfhard Meindl - fordert in ihrem Plädoyer einen Freispruch für Gustl Mollath. Der Anklagevertreter ist jedoch von der Schuld des 57-Jährigen überzeugt. Die Verteidigung verlangt einen Freispruch „ohne Wenn und Aber“. Mollath selbst sagt, er habe die Taten nicht begangen. © dpa
14. August. 2014: Das Landgericht Regensburg spricht Gustl Mollath frei. © dpa

Lesen Sie auch:

Gustl Mollath: Werde in die Pfanne gehauen

Klaus Rimpel

Auch interessant

Kommentare