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"Rausdürfen heißt nicht, frei zu sein"

Erster Mollath-Freigang: Die tz sprach mit ihm

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Gustl Mollath bei seinem Freigang

Bayreuth - Am Dienstag durfte Gustl Mollath aus der Psychiatrie, um sein Buch "Wahn und Willkür" zu präsentieren. Die tz hat ihn beim Schnuppern in der Freiheit begleitet und persönlich mit ihm gesprochen.

Kommt er oder kommt er nicht? Bis zuletzt war unklar, ob Gustl Mollath wirklich Freigang bekommen würde. Doch Deutschlands berühmtester Psychiatriepatient durfte dann doch für gut drei Stunden raus aus der geschlossenen Abteilung des Bezirkskrankenhauses Bayreuth, in der er seit mehr als sieben Jahren eingesperrt ist. Die tz konnte Mollath beim kurzem Schnuppern in der Freiheit begleiten, hatte Gelegenheit, endlich persönlich mit dem Mann zu sprechen, über den wir schon so viel geschrieben haben.

„Rausdürfen heißt nicht, frei zu sein“

Erstmals konnte Mollath hier, bei der Präsentation des Buches „Wahn und Willkür“ des CSU-Kritikers Wilhelm Schlötterer, ganz frei reden – anders als vor dem Landtagsuntersuchungsausschuss am 11. Juni 2013, wo er nur die Fragen der Abgeordneten beantworten sollte.

Psychiatrie-Chef Klaus Leipziger hatte das Freigang-Gesuch Mollaths zunächst aber abgelehnt – aus Sorge, die Sicherheit des begleitenden Personals könnte gefährdet sein, falls aufgebrachte Bürger versuchen würden, ihn gewaltsam zu befreien.

Mollath schrieb daraufhin die zuständige Sozialministerin Christine Haderthauer an und schlug vor, den Freigang durch Polizeibeamte absichern zu lassen. Schließlich wurde die Pressekonferenz in einem nur 800 Meter von der Psychiatrie entfernten Bayreuther Hotel doch noch genehmigt.

Mollath erzählte, wie überrascht er war, dass er, der vermeintlich so Gemeingefährliche, plötzlich „lässig zu Fuß“ zu dem Hotel laufen durfte.

Allerdings musste Mollath die Psychiatrie über einen Hintereingang verlassen – der Arzt, der Mollath begleitete, sei „ein wenig öffentlichkeitsscheu und wollte den wartenden Journalisten entgehen“, erklärte Mollath fast schon schelmisch. „Der Schleusengang der Psychiatrie war aufgeheizt wie ein Gewächshaus. Deswegen habe ich ein wenig transpiriert“, so Mollath, der wieder sein schon von früheren öffentlichen Auftritten bekanntes rotes Kurzarm-Shirt trug.

Wie schon beim Auftritt vor dem Landtag wirkte der angeblich Wahnsinnige gefasst und vernünftig. „Es ist nicht damit getan, mich einmal vor die Tür zu schicken. Rausdürfen heißt nicht, wirklich frei zu sein“, relativierte Mollath seine Freude über den Freigang. „Mit dem Kainsmal Gemeingefährlichkeit werde ich nie wirklich frei sein , nur durch ein erfolgreiches Wiederaufnahmeverfahren.“

Trotz der Meldung, das Landgericht Regensburg werde möglicherweise noch in dieser Woche über die Wiederaufnahme des Verfahrens und damit auch über seine Freilassung entscheiden, gab sich Mollath skeptisch: „Die bessere Vorbereitung ist, sich auf den Worst Case, sich auf das Allerschlimmste vorzubereiten.“

Aber was dann, fragt die tz nach – wird er dann doch noch auf einen Gnadenerlass durch Horst Seehofer hoffen? „Ich will nicht um Gnade winseln, ich bitte um eine ordentliche Rechtsstaatlichkeit und um Aufhebung des Urteils, ich sei eine Gefahr für die Allgemeinheit.“ Die einzige Gnade um die er Seehofer im Extremfall anflehen würde, sei die Bitte, in eine „ordentliche Haftanstalt“ zu kommen.

Lieber ins normale Gefängnis? Um das verständlich zu machen, schilderte Mollath die Zustände in der Psychiatrie eindrucksvoll: Schon bei der Einlieferung, noch ehe er von einem Arzt untersucht wurde, habe er harte Medikament hingestellt bekommen, die er sich zu schlucken weigerte. Über die möglichen schweren Nebenwirkungen konnte er sich erst informieren, als er sich „von draußen“ einen Beipackzettel besorgte.

Stets werde versucht, ihm etwas anzuhängen, um die Behauptung seiner Gefährlichkeit doch noch zu untermauern. Dies sei auch der Grund, warum er bislang Freigänge ablehnte. „Als Mitgefangene mich verprügelten, hieß es: Der Aggressor war Herr Mollath.“

Nach der Pressekonferenz, als der größte Trubel vorbei, wirkt der vorher noch so kämpferische Mann plötzlich traurig und verloren. Tut es weh, jetzt wieder in die Psychiatrie zurück zu müssen? Der 56-Jährige richtet sich auf, wieder ganz der Kämpfer: Außenstehenden sei kaum zu vermitteln, was dort passiere. „Es geht hier nicht um mich, es geht darum, die Zustände in der Psychiatrie generell zu verbessern! Machen Sie sich die Mühe, schauen Sie hinter die Mauern der Psychiatrie!“, appelliert er an den Journalisten.

Auf die Frage, ob Mollath den inzwischen nachdenklicheren Tönen von Justizministerin Merk vertraue, antwortet er: „Es macht mich ein bisschen traurig, wie sie sich verhält. Ihre Trendwende ist wohl nur auf den öffentlichen Druck zurückzuführen.“

Mollath beteuert, er werde nicht versuchen, sich zu rächen, wenn er frei komme: „Mit Rache kommt man nicht weiter. Ich bin kein rachsüchtiger Mensch, auch wenn die Ärzte gegenteilige Behauptungen über mich ausschütten.“

Nach Erscheinen des ersten Buches von Schlötterer, „Macht und Missbrauch“, hatte Mollath vor vier Jahren den Buchautor in einem Brief seinen Fall geschildert. Schlötterers erster Impuls war damals zwar: „Wenn jemand aus dem Irrenhaus schreibt, muss ich den nicht ernst nehmen.“ Doch die fundierten Fakten in Mollaths Brief machten ihn stutzig: „Wenn ich ihm Hilfe versage, mache ich mich schuldig“, beschloss Schlötterer – und kämpft seither wie ein Löwe für Mollaths Freilassung. „Wenn wir heute so weit sind, dass Herr Mollath hier sitzt – das macht mich glücklich“, so der einst selbst von der bayerischen Staatsregierung gemobbte Ex-Ministerialrat, bei dem sich Mollath sichtlich bewegt bedankte: „Herr Schlötterer ist heute die Hauptfigur, nicht ich!"

Klaus Rimpel

Gustl Mollath: Erster Freigang

Gustl Mollath: Erster Freigang

Bald Entscheidung über Wiederaufnahme

Das Oberlandegericht (OLG) Nürnberg hat den Weg für die Entscheidung über eine Wiederaufnahme des Gustl-Mollath-Prozesses grundsätzlich frei gemacht. Der Senat lehnte am Montag eine Beschwerde von Mollaths Verteidiger gegen die Zurückweisung eines Befangenheitsantrags als unzulässig ab. Damit sei der Weg für die Entscheidung über die Wiederaufnahmeanträge frei, sagt der Regensburger Justizsprecher Gerhard Linder. Das Landgericht Regensburg werde jetzt sehr zeitnah über die Anträge befinden. „Ich kann keinen Tag ausschließen. Sofern nicht wieder unvorhersehbare Ereignisse dazwischenkommen“, schränkt Lindner vorsichtshalber ein.

Ursprünglich sollte am 19. Juli die Entscheidung über die Wiederaufnahmeanträge bekanntgegeben werden. Mollaths Rechtsanwalt hatte jedoch einen Richter der zuständigen Strafkammer als befangen abgelehnt. Von der zuständigen Kammer war dies als unbegründet abgewiesen worden. Daraufhin hatte der Verteidiger Beschwerde beim OLG Nürnberg eingelegt.

Die Zurückweisung eines Befangenheitsantrages könne nicht isoliert angefochten werden, sondern nur zusammen mit einem Urteil, heißt es in dem OLG-Beschluss. Diese gesetzliche Regelung diene nicht zuletzt der Beschleunigung des Verfahrens.

Der 56-jährige Mollath sitzt seit 2006 auf gerichtliche Anordnung in der Psychiatrie, weil er seine Frau misshandelt und Autoreifen zerstochen haben soll. Der Nürnberger sieht sich dagegen als Opfer eines Komplotts seiner Ex-Frau und der Justiz, weil er auf Schwarzgeldgeschäfte hingewiesen habe. Inzwischen haben sowohl sein Verteidiger als auch die Staatsanwaltschaft Wiederaufnahmeanträge gestellt.

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