Aus nach 60 Jahren?

Behörde: Ausflugslokal ist überhaupt keines

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Sabina Stibler vor dem Haiderhof: Sie bereitete sich auf ihr neues Leben vor, renovierte Küche und Heizung. Jetzt plagen sie und ihre Familie Existenzängste.

Schneizlreuth - Ein traditionelles Brotzeitstüberl in Schneizlreuth könnte bald schließen müssen. Denn die Behörde weiß von dem Betrieb seit 60 Jahren gar nichts.

Wo Reiter Alpe, Achberg, Loferer Alm und Müllnerhorn ein Platzerl einrahmen, in Schneizlreuth (Kreis Berchtesgadener Land), da gibt es ein Brotzeitstüberl mit Unterkunft, das nicht nur in der Gegend viele kennen: den Haiderhof. Seit 60 Jahren lief hier der Betrieb, doch plötzlich ist alles anders – denn das Lokal ist gar keines. Das hat das Bauamt im Landratsamt herausgefunden, und zwar, nachdem die neuen Betreiber 150  000 Euro in eine neue Küche und Heizung investiert hatten und dies absegnen lassen wollten. „Die Behörde sagt, wir können das nicht genehmigen, weil wir von Lokal und Herberge nichts wissen“, klagt Betreiberin Sabine Stibler. Es droht das Aus. Nach 60 Jahren!

Nach dem Zweiten Weltkrieg war der 500 Jahre alte Hof eine Landwirtschaft gewesen. Aber seit den 1950er-Jahren kümmerten sich Stiblers Großeltern auch um Gäste. Später wurde der Hof verpachtet, es folgten Tische im Freien und Zimmervermietung – erst für Urlauber, später auch für Schulklassen.

Im Mai 2014 lief ein Pachtvertrag aus, nun sah Sabina Stibler ihre Chance. „Es war immer mein Traum, mein Elternhaus zu übernehmen und es als Landwirtschaft sowie Jausenstation und Zimmervermietung fortzuführen.“ Die gelernte Bankkauffrau bereitete sich akribisch auf ihr neues Leben vor, machte Kurse, besuchte Seminare.

Im Juni kamen Mitarbeiterinnen des Landratsamts auf die Idee, sich den Haiderhof anzusehen, darunter eine Beamtin des Bauvollzuges. Die muss aus allen Wolken gefallen sein, denn weder für Jausenstation noch für Herberge gab es eine Baugenehmigung. Stibler: „Ich habe den Beamtinnen erklärt, dass ich am Konzept nichts ändern will und habe erwähnt, dass bald Schulklassen kommen können.“

Da schrillten beim Amt die Alarmglocken. Bemängelt wurde, dass eine Fluchttür fehle, Brandmelder und ein Geländer am Stiegenaufgang. „All das hätten wir natürlich sofort eingebaut“, so Stibler. Doch das Amt kann erst tätig werden, wenn es einen Antrag gibt. Da aber die Zimmer baurechtlich nie eine Genehmigung hatten, wollte man einen Antrag auf Nutzungsänderung. Das wiederum versteht Sabina Stibler nicht, denn „die Nutzung ändert sich ja nicht“.

Das Landratsamt verschickte zwei Mahnungen und drohte mit Schließung. Nach einem Briefwechsel verschärfte sich die Situation, es folgte am 1. September ein Bescheid mit dem Inhalt: „Es wird Ihnen untersagt, ab dem ersten Tag der Zustellung das Anwesen Haiderhof zur Beherbergung zu nutzen.“ Als ob dies nicht schon genug gewesen wäre, wurde auch der Betrieb der Jausenstation untersagt, hier mit einer Frist bis Anfang November. Stibler kann das nach all den Jahren nicht verstehen. „Unsere Jausenstation ist immerhin in allen Prospekten des Landkreises enthalten!“

Der Sprecher des Landrats­amts, Andreas Bratzdrum, bestätigte den Sachverhalt. „Darum haben wir die Familie gebeten, entsprechende Anträge einzureichen.“ In der Behörde sucht man zudem nach einer Lösung, einer, bei der Lokal und Vermietung erhalten bleiben können.

Michael Hudelist

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