Das Heilige Grab von Aschau -  Kulisse für ein einzigartiges Passionsspiel

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Die Kirche als Bühne: Die Darsteller proben das Auferstehungsspiel. Hinter den Laienschauspielern steht der Star des Stücks – das zehn Meter hohe und über 400 Jahre alte „Heilige Grab“.

Seit 400 und einem Jahr gibt’s in Aschau ein riesiges Heiliges Grab aus Holz. Jahrzehntelang verstaubte es auf dem Dachboden. Jetzt wurde es für viel Geld restauriert – und wieder in der Kirche aufgestellt. Dort dient es als Kulisse für ein einzigartiges Passionsspiel. Eine Geschichte über die Auferstehung eines fast vergessenen Brauchs.

Gisa Obermaier, 79, hat mit allen Tricks gearbeitet. Ohne die Trachtenschneiderin aus Aschau, das kann man, das muss man so sagen, wäre dieses gigantische und extrem heilige Projekt nicht möglich gewesen. Gisa Obermaier hat sämtliche Kostüme genäht, eine Wahnsinnsarbeit, insgesamt 57 Stück. Für den Jesus, für Maria, für Maria Magdalena, für Judas, für Petrus, Jakobus, Matthäus und all die anderen, die beim Aschauer Auferstehungsspiel eine Rolle haben. Premiere ist am 30. März. 120 Meter Stoff hat sie verarbeitet plus 15 Kilo Wolle für die gehäkelten Umhänge. Arbeitsstunden, sie hat das mal ausgerechnet: 1100. Minimum. Und ehrenamtlich.

Trachtenschneiderin Gisa Obermaier bei der Anprobe.

Sie sitzt in ihrem Nähzimmer und greift nach einem brauen Gürtel aus Wollresten. „Das ist das letzte Stück, das ich noch fertig machen muss.“ Über ein Jahr lang hat sie genäht, zugeschnitten – und im ganzen Dorf nach Stoffen Ausschau gehalten. Sie hat alte Tischdecken eingesammelt, Stoffreste und Bettwäsche. „Das Kleid vom Jesus“, sagt sie, „war ein Vorhang.“ Sie muss lachen, als sie die Geschichte erzählt. Der Jesus von Aschau – gehüllt in eine oberbayerische Gardine. Eine wunderschöne Vorstellung.

Passionsspiel schweißt das Dorf zusammen

Dieses Passionsspiel ist in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich. Es schweißt das 5800-Einwohner-Dorf im Landkreis Rosenheim zusammen – und es lässt einen lange vergessenen Brauch wieder aufleben. Aber dazu müssen wir die wunderbare Trachtenschneiderin verlassen, Pfiat di, Gisa!, und ein paar hundert Meter weiter gehen. Direkt rein in die Pfarrkirche, in deren Hintergrund man von Weitem die Kampenwand sieht.

Bart, aber herzlich: Jesus-Darsteller Werner Hofmann mit Gewand und Perücke.

Dort steht Pfarrer Paul Janßen vor dem Schatz des Ortes, vor der unangefochtenen Dorfschönheit des Jahres 2019. Der Pfarrer steht vor dem Heiligen Grab von Aschau, dieser zehn Meter hohen, dreistöckigen, über 400 Jahre alten, frisch renovierten Kulisse, die den ganzen Altarraum der Kirche füllt. Genau hier werden sie das Auferstehungsspiel aufführen. 30 Laiendarsteller aus der Gegend spielen vor Ostern das Leben Jesu, nach Ostern spielen 60 Darsteller die Geschichte der Auferstehung. Der Pfarrer deutet auf eines der Gemälde auf den Heiligen Grab und sagt: „Das ist die Unterwelt – alle, die vor Christus gestorben sind, warten auf den Erlöser. Dort drüben, das sind zum Beispiel Adam und Eva.“

Das Kleid vom Jesus war ein Vorhang.
Trachtenschneiderin Gisa Obermaier

Weiter oben sind hölzerne, bemalte Engel zu sehen, die Leidenswerkzeuge in der Hand haben. Kreuz, Speer, Dornenkrone, Beißzange, solche Sachen, alles, was man für eine ernsthafte Kreuzigung braucht. Der Pfarrer sagt: „Heilige Gräber hat es früher in vielen Pfarrkirchen gegeben. Es war weit verbreitet, dass man religiöse Inhalte theatralisch umgesetzt hat.“

Auf der ganzen Welt gibt es Nachbauten des Heiligen Grabes

Das Grab, in dem Jesus nach der Kreuzigung bestattet wurde, ist das echte Heilige Grab, das Original sozusagen. Es wird in der Grabeskirche in Jerusalem verehrt. Auf der ganzen Welt gibt es Nachbauten, da nicht jeder Gläubige nach Jerusalem pilgern konnte. Schon gar nicht im Mittelalter.

Das Heilige Grab lag über 60 Jahre auf dem Dachboden der Kirche.

Das Heilige Grab hier mitten im Priental wird 1618, vor genau 401 Jahren, erstmals dokumentiert. Immer zur Osterzeit wurde es in der Kirche aufgebaut – zuletzt in den 1950er-Jahren. Hans Rucker, der Ehrenvorstand des Aschauer Heimat- und Geschichtsvereins, war damals Ministrant. Er kann sich noch gut daran erinnern, wie sie das Mordstrumm Holz-Heiligtum sieben Tage vor der Karwoche rausgeholt haben. „Das Grab wurde immer von Zimmerleuten aufgestellt“, erinnert er sich. „Der Schreiner Sepp Kink war wahrscheinlich der Letzte, der noch wusste, wie das komplizierte Gebilde aufgebaut gehört. Dann kamen die vielen bunten Glaskugeln dazu. Die Alten erzählten uns, diese hätten damals, als es noch kein elektrisches Licht gab, geisterhaft geflackert.“

Insgesamt waren es 140 Kugeln, die mit zwei Liter gefärbtem Wasser gefüllt – und ganz früher mit Kerzen beleuchtet wurden. Aus Zwiebelschalen haben sie bräunlich-gelbes Wasser gemacht, aus eingeweichtem Spinat grünes Wasser und für die roten Kugeln haben sie manchmal sogar Rotwein genommen. Das Ganze sorgte für ein Lichtspektakel mitten im Gotteshaus. Beim Abbau des Heiligen Grabes haben die Einheimischen die Rotwein-Kugeln gemeinsam ausgetrunken. Das Ergebnis, heißt es, waren Räusche biblischen Ausmaßes. In Aschau wurden nämlich nicht die Wirtshäuser leer getrunken, sondern die Kirchen.

Machen Theater in der Kirche: Wolfgang Bude (l.) und Pfarrer Paul Janßen. 

Doch irgendwann haben sie das Heilige Grab nicht mehr aufgebaut. „Die Kirche distanzierte sich beim zweiten Vatikanischen Konzil von den Aufführungen“, sagt Hans Rucker. Viele junge und alte Aschauer haben beim Pfarrer protestiert, von weit her sind die Menschen damals ins Priental gereist, um die Auferstehungsfeier anzuschauen. Aber der Pfarrer ließ sich nicht erweichen. Die gewaltige Kulisse wurde auf dem Dachboden der Kirche eingelagert. Sie verstaubte, Holzschädlingen knabberten das Heilige Grab an. Erst vor einigen Jahren haben die Einheimischen ihren Schatz geborgen, der fast in Vergessenheit geraten war. Fünf Jahre waren Restauratoren damit beschäftigt, dem Heiligen Grab neuen Glanz zu verleihen. Ein Großteil der Kosten von 350 000 Euro hat das Erzbistum München und Freising übernommen – aber nur unter der Bedingung, dass das Heilige Grab nicht wieder irgendwo verstaubt.

Die Türme der Pfarrkirche von Aschau – im Hintergrund die Kampenwand.

So sind sie auf das Auferstehungsspiel mit dem Heiligen Grab als Kulisse gekommen, gerne würden sie daraus eine Tradition machen. „Alle vier oder sechs Jahre könnte man das wiederholen“, sagt Pfarrer Janßen. Neben ihm steht Wolfgang Bude, 75, der unermüdliche Heimatforscher und frühere Tourismus-Chef der Gemeinde. Er hat das Projekt vorangetrieben wie kein anderer. „Ich habe nicht im Traum daran gedacht, dass die Kulisse jemals wieder aufgebaut wird.“

Sein Traum ist wahr geworden. 420 Plätze hat die Kirche, so viele Besucher können zu jeder Aufführung kommen. Auf jeder Seite des Kirchenschiffs wird es eine Videoübertragung geben. Damit jeder wirklich alles sehen kann. Hier in Aschau sind Profis am Werk. Wolfgang Bude sagt: „Manchmal ist es schade, dass das Leben so kurz ist.“

Er hat noch einige Ideen im Köcher. Wenn das eine Aschauer Kultur-Großprojekt in den Startlöchern steht, denkt er schon ans nächste. Aber jetzt kann er erst mal genießen: Jesus ist nahe. Schon bald wird er den Aschauern vorm Heiligen Grab erscheinen. Mit Bart, Perücke und einem schneeweißen Gewand von Gisa Obermaier.

Karten: Die Aufführungen in der Aschauer Kirche dauern vom 30. März bis zum 5. Mai.

Ticketpreise: 10 bis 15 Euro. Vorverkauf unter Telefon (0 80 52) 90 49 41 oder bei www.muenchenticket.de

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